Krim: Traditionsreiches Kinderferien-Zentrum Artek auf neuen Wegen

Krim: Traditionsreiches Kinderferien-Zentrum Artek auf neuen Wegen
An jedem dreiwöchigen Ferien-Block in Artek nehmen 3.500 Kinder teil. Im Juli kamen insgesamt 150 Kinder aus dem Ausland, etwa aus der Ukraine, den USA, China und Mexiko in das Ferien-Zentrum. 15 Kinder kamen aus Deutschland, davon sieben aus Berlin und Sachsen.
Russlands berühmtestes Kinder-Ferienzentrum entwickelte sich in den letzten drei Jahren zu einem Bildungszentrum. Im Juli waren 15 Kinder aus Deutschland zu Besuch. Teilnehmer aus Russland, dem Donbass und der Ukraine leben friedliche Koexistenz vor.

von Ulrich Heyden

Rund um eine Wiese im Kinderferien-Zentrum Artek sind Tische aufgebaut. Kinder aus verschiedenen Ländern stellen die Besonderheiten ihrer Heimat vor. Drei junge Französinnen aus dem Elsass stolzieren in roten Röcken, weißen Blusen und mit großen schwarzen Schleifen im Haar über die Wiese. Über die Lautsprecher-Anlage singt ein Mädchen zu einem Musikstück vom Computer ein rhythmisches Lied aus Moldawien. Kinder tanzen im Kreis und fassen einander dabei an den Händen. Die Stimmung ist ausgelassen, die Kinder sind quirlig.

"Auto, Bratwurst und Gummibärchen"

Auch Kinder aus Deutschland haben am Rande der Wiese einen Stand aufgebaut. Violet Heinz aus Kamenz in Sachsen trägt ein gelbes Hemd mit dem Emblem von Artek, drei Flammen eines Lagerfeuers. Die 16-Jährige führt mich zu einer Tafel, auf der sie die Sehenswürdigkeiten und die größten Erfindungen aus Deutschland aufgeschrieben hat. Zu den wichtigsten Erfindungen - so sagt sie - gehören Bier, das Fahrrad, das Auto, die Bratwurst und Gummibärchen, zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Berliner Fernsehturm, die Insel Rügen und das Schloss Neuschwanstein. Deutschland - so erklärt mir das Mädchen - habe "keine richtige eigene Kultur", sondern sei multikulturell. "Keine eigene Kultur?", frage ich nach. Es seien viele Türken aufgenommen worden, sagt Violet. Ich entgegne, dass auch Russland multikulturell sei. In Russland lebten Tataren, Armenier und andere Nationalitäten. Das stimme, meint das Mädchen, aber im Gegensatz zu den Muslimen in Deutschland seien Tataren und Armenier in Russland eher Minderheiten. Wir diskutieren das Thema nicht aus, denn um uns herum ist Tohuwabohu.

Violet erzählt, sie sei in Deutschland geboren. Aber ihre Eltern kämen aus Kasachstan und Kirgistan. An ihrem Gymnasium will das Mädchen Russisch lernen. Das sei praktisch, weil ihre Eltern ihr dabei helfen können. Violet freut sich, dass sie in Artek eine neue Freundin, Polina aus Russland, gefunden hat.

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Später lerne ich Elena Oelschlägel, eine Lehrerin aus Berlin kennen. Sie ist mit ihren eigenen drei Kindern nach Artek gekommen und leitet eine Gruppe von insgesamt sieben Kindern, zu denen außer Berlinern noch Kinder aus Sachsen gehören.

"Artek ist nicht politisch"

Frau Oelschlägel sagt, das Ferien-Zentrum sei "nicht politisch". Die Ausrichtung von Artek ist, dass alle Kinder gleich sind, egal, aus welchem Land sie kommen. Ihre eigenen drei Kinder seien von Absolventen der MGIMO-Diplomatenschule in Moskau nach Artek eingeladen worden, erzählt die Mutter. Ihr Schwiegervater sei deutscher Absolvent des MGIMO.

An jedem dreiwöchigen Ferien-Block in Artek nehmen 3.500 Kinder teil. Im Juli kamen insgesamt 150 Kinder aus dem Ausland, etwa aus der Ukraine, den USA, China und Mexiko in das Ferien-Zentrum. 15 Kinder kamen aus Deutschland, davon sieben aus Berlin und Sachsen. Zehn der jungen Teilnehmer kamen von der russischen Nachmittagsschule Matrjoschka in Zürich. Der Aufenthalt in Artek war für die Kinder aus der Schweiz und Deutschland umsonst. Die Eltern mussten jedoch die Flugtickets bezahlen. Die Kinder aus der Schweiz und aus Deutschland sind über Moskau per Flugzeug auf die Krim gekommen.

Elena Oelschlägel bezeichnet sich selbst als "apolitisch". Sie unterrichte Mathematik und Russisch. Als Russischlehrerin habe sie anfangs die Frage interessiert, ob eine Reise nach Artek Auswirkungen auf die Motivation der Kinder haben kann, Russisch zu lernen. Da die Motivation sich gemäß ihren ersten Erfahrungen deutlich erhöht habe, finde sie es wichtig, dass Kinder in Deutschland die Möglichkeit haben, nach Artek zu reisen.

Am Stand der deutschen Gruppe geschah noch etwas Besonderes. Die Kinder malten einander gegenseitig die deutschen Farben ins Gesicht. Später im großen Speisesaal, als ich 200 Kinder beim Essen sah, schien mir, als ob jedes dritte Kind die deutschen Farben auf den Backen hätte. Einer älteren russischen Journalistin, die zu unserer Moskauer Korrespondenten-Gruppe gehört, schien diese Bemalung überhaupt nicht zu gefallen. "Weißt Du, was Deutschland für ein Land ist?", fragt sie ein Mädchen. "Es liegt in Europa", antwortet das Kind und ist sich keiner Schuld bewusst. Später sagt die Kollegin zu mir, es sei sehr schade, dass das Ferien-Zentrum nicht politischer ist. 

Artek-Direktor Kasprschak: "Die Kinder helfen sich untereinander ohne Anweisung"

Bei einem späteren Treffen unserer Korrespondenten-Gruppe mit dem Direktor von Artek, Aleksej Kasprschak, geht dieser auf die Frage der Journalistin ein, warum es im Lager nicht mehr wie früher eine Pionier-Organisation gibt. Man lerne aus den Fehlern der Sowjetunion, antwortet der 37-Jährige. Während zu sowjetischen Zeiten die Kinder aus dem Ausland besser untergebracht wurden als die Kinder aus Russland, lebten nun alle Kinder unter den gleichen Bedingungen. Während man zu Sowjetzeiten Prinzipien wie Verantwortung für das Kollektiv und Hilfsbereitschaft wie ein Statut vor sich hergetragen habe, was Gegenwehr auslöste, würden diese Werte heute ohne Statut gelebt. Die Kinder würden sich sehr gut um Behinderte kümmern, ohne dass es dafür festgeschriebene Regeln gibt. Sich um andere zu kümmern, sei eine "Norm des Lebens", welche die Kinder von Natur aus in sich haben, "wenn die Erwachsenen die Kinder nicht in ihrer Entwicklung stören".

Kasprschak hat das Ferien-Zentrum in den letzten drei Jahren in ein Bildungs-Zentrum umgewandelt. Die Kinder sind von morgens bis abends mit irgendetwas beschäftigt: Ausflügen, Arbeitsgruppen zu Elektronik, Töpfern oder Medien, Baden im Meer, Sport. Abends am Lagerfeuer stellen die Kinder dann erste Ergebnisse dessen vor, was sie gerade gelernt haben.

Direktor Kasprschak erklärt, das Hauptproblem von Kindern sei die Langeweile. Die Medizin dagegen seien Aktivitäten. Man müsse dem Kind Aktivitäten anbieten, die ihm Spaß bringen. Unabhängig vom Resultat des Erlernten müsse das Kind motiviert werden, einem Publikum seine Arbeit vorzustellen. Dadurch bekomme es das Gefühl für Erfolg. Und dieses Gefühl werde das Kind dann "wie eine Hornhaut" fühlen können.

"Idiotismus der Erwachsenen"

Als ich den Direktor frage, ob es in Artek Probleme gibt zwischen Kindern aus der Ukraine und den Kindern aus Russland, Donezk und Lugansk, erklärt Kasprschak, er kümmere sich nicht darum. Denn es gäbe keine Probleme. Die Sicht der Kinder sei, dass sich die Erwachsenen diese Konflikte ausgedacht haben. Und dann fügt der Direktor noch eine emotionale Äußerung hinzu, bei der ich nicht verstand, ob es die Kinder-Meinung oder die Meinung des Direktors selbst ist. Die Erwachsenen würden sich Probleme ausdenken "und dann versuchen sie, so zu tun, als ob sie diese Probleme lösen". Das sei "der Idiotismus der Erwachsenen". Kasprschak empfiehlt den um ihn versammelten Journalisten aus Moskau nochmal das Buch des Franzosen Antoine de Saint-Exupéry, "Der kleine Prinz", zu lesen, "jeden Morgen und jeden Abend ein bisschen". Das helfe, die Welt der Kinder zu verstehen.

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Dann erzählt der Direktor eine Geschichte davon, dass es auch in der Erwachsenen-Welt Menschen gibt, die Kinder verstehen. Die Geschichte ging so: Artek veröffentlichte auf seiner Website den Brief eines Mädchens aus der selbsternannten Volksrepublik Lugansk. Das Mädchen hatte im Krieg Vater und Bruder verloren. Ein Mensch aus Deutschland las diesen Brief und finanzierte dem Mädchen einen Urlaub in Artek. "Er hat nicht danach gefragt, wer sich wie wem gegenüber verhalten hat, er hat einfach gespürt", sagt Kasprschak.

Auch Elena Oelschlägel, die Mutter aus Berlin, die mit ihren drei Kindern nach Artek gefahren ist, frage ich nach dem Verhältnis zwischen den Kinder aus der Ukraine, Lugansk und Russland. Elena erzählt, dass in dem Artek-Komplex, in dem sie mit ihren Kindern wohnte, auch Kinder aus Russland, der Ukraine und den Konfliktgebieten wohnten. Wurde über den Krieg gesprochen? "Nein." Elena erzählt von der Veranstaltung "Tänze der Völker". Über die Teilnahme an dem Programm sei per Los entschieden worden. Eine Gruppe aus der Ukraine habe das Los gezogen und sei mit einem Tanz aufgetreten.

Urlaub vom Krieg für Borja aus Donezk

Am Rande der großen Wiese, wo die Kinder aus verschiedenen Ländern ihre Tänze und andere Besonderheiten ihres Landes vorstellten, trat auch eine junge Mongolin in einem grünen Kleid mit langen schwarzen Zöpfen auf. Sie erzählte den Kindern etwas über ihr Land. Nach dem Vortrag stellte sie den Kindern, die etwa zehn Jahre alt sind, Fragen zur Mongolei. Wer die Fragen richtig beantwortete, bekam ein kleines Geschenk. Der neunjährige Borja aus Donezk hat die Frage nach typischen Tieren in der Mongolei mit "Pferde" richtig beantwortet. Als kleine Anerkennung bekam er ein Tütchen mit mongolischen Reitern zum Aufkleben überreicht.

Wie es in Donezk sei, ob es immer noch gefährlich sei, will ich von Borja wissen. Borja bejahte. Der Junge guckt nicht traurig, aber sehr ernst und gesammelt, wie ein Erwachsener. Ob er sich in Artek gut erhole? Mehrmals nickt Borja mit dem Kopf.

Unternehmen suchen nach jungen Talenten

Das Ferien-Zentrum Artek wurde 1925 gegründet. Bereits zu Sowjetzeiten war es eine Ehre, an diesem Ort seinen Urlaub zu verbringen. Berühmte Persönlichkeiten wie der erste Kosmonaut Juri Gagarin und Staatsführer wie Indira Gandi, Nehru und Ho Chi Minh besuchten das Ferien-Zentrum. Einige Mosaike in Artek erinnern heute noch an diese Besuche.

Nach der Vereinigung der Krim mit Russland hat das Ferien-Zentrum eine Modernisierung für 170 Millionen Euro erfahren. Die Besucherzahlen stiegen kräftig an. Während im Jahr 2014 nur 6.000 Kinder in das Ferienzentrum gekommen waren, zählte man 2016 schon 30.000 Kinder.

Führende staatliche Unternehmen aus dem Luft- und Raumfahrtbereich, Forschungsinstitute, Museen, sowie bekannte Künstler und Sportler betreuen einzelne Veranstaltungen. Russische Unternehmen suchen in Artek nach talentierten Nachwuchskräften.

So groß wie das Fürstentum Monaco

Das Territorium von Artek ist etwa so groß wie das Fürstentum Monaco, nämlich 218 Hektar. Nach der Vereinigung der Krim mit Russland wurde das Territorium des Ferien-Zentrums erweitert und mit einer Steinmauer umgeben. Viele Bewohner der Stadt Gursuf finden das nicht gut, denn nun ist ihnen ihr Weg zum Meer versperrt. Doch die Sicherheit der Kinder geht vor, argumentiert die Leitung von Artek.

Anna Orlowa, ein 16-jähriges Mädchen aus Tscheboksary erzählt mir, wie sie in das Ferienzentrum gekommen ist. Sie habe alle ihre Auszeichnungen über schulische, sportliche und kulturelle Leistungen auf die Website des Ferien-Zentrums hochgeladen. Eine Jury habe sie dann als eines der Kinder mit den besten Leistungen ausgewählt. Die Leitung von Artek vergibt 95 Prozent der Plätze im Ferienlager umsonst. Nur fünf Prozent der Plätze kann man für Geld kaufen.

Am Ende des dreiwöchigen Urlaubs gibt es traditionell eine große Party. Die Kinder und Jugendlichen treten mit ihren einstudierten Tanzvorführungen auf. Über den großen Party-Platz dröhnen Techno-Rhythmen. Zum Abschied bilden die Teilnehmer Kreise und umarmen einander zum Abschied. Es fließen Abschiedstränen, doch die Stimmung ist gut. Fast jeder hat neue Freunde gefunden.

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