Moskau: Medienrummel um Liebes-Affäre des letzten russischen Zaren

Moskau: Medienrummel um Liebes-Affäre des letzten russischen Zaren
Gegen Ende der Zarenzeit in Russland beginnt die Primaballerina Matilda eine Affäre mit dem letzten Zaren Nikolaus II. und führt außerdem eine Dreiecksbeziehung mit den Vettern Sergei Michailowitsch und Andrei Wladimirowitsch Romanow, die beide Großfürsten des Zarenreiches sind.
Seit einem Jahr läuft in Russland ein erbitterter Streit über einen Film, in dem es um eine Liebesaffäre zwischen dem letzten russischen Zaren, Nikolai II., und der Ballerina Mathilda Kseschinskaja geht.

von Ulrich Heyden, Moskau

Ein weinender russischer Kronprinz Nikolai, hin- und hergerissen zwischen seiner Liebe zur Ballerina Mathilda Kseschinskaja und seinen Aufgaben als Thronfolger. So sieht man Russlands letzten Zaren im Trailer zum Film "Mathilda". „Du hast ein Recht auf Alles, außer auf Liebe“, hört man eine warnende Stimme aus dem Off.

Am 25. Oktober soll der Film „Mathilda“, der in Russland seit über einem Jahr heiß diskutiert wird, im St. Petersburger Marinski-Theater uraufgeführt werden. In dem Theater wurden Teile des Filmes gedreht.

Der Aufwand für den Film war riesig. Insgesamt 5.000 Kostüme mussten genäht werden. Ganze 25 Millionen Dollar hat der Film gekostet. Er wurde aus staatlichen Töpfen finanziert.

Dass der letzte russische Zar vor seiner Heirat mit der Prinzessin Alix von Hessen-Darmstadt 1894 eine mehrjährige Affäre mit der Ballerina Mathilda Kseschinskaja hatte, geht aus dem Tagebuch der Ballerina hervor. Doch konservative Kreise in der russisch-orthodoxen Kirche behaupten, es habe keine Liebesaffäre gegeben. Wohl habe sich Mathilda bemüht, dem Kronprinzen nahe zu kommen. Dieser sei aber nicht darauf eingegangen.

Seit der Veröffentlichung des ersten Film-Trailers tobt um den Film in Russland eine heftige Diskussion. Die ehemalige Staatsanwältin der Krim und jetzige Duma-Abgeordnete Natalja Poklonskaja hat sich zur Sprecherin derjenigen gemacht, die ein Verbot des Films fordern.

Blitzkarriere der „Mathilda“-Film-Gegnerin

Poklonskaja machte nach der Vereinigung der Krim mit Russland eine Blitzkarriere. Die jetzt 37 Jahre alte Politikerin wurde zunächst leitende Staatsanwältin der Halbinsel und dann Abgeordnete im russischen Unterhaus, der Duma. Dort ist sie jetzt stellvertretende Vorsitzende des Komitees für Sicherheit. Poklonskaja bat den russischen Generalstaatsanwalt Juri Tschaika, den Film zu prüfen. Einige Szenen in dem Film verletzten die Gefühle von Gläubigen. Doch die Staatsanwaltschaft hat nichts gefunden, was zu beanstanden wäre.

Poklonskaja beanstandet unter anderem, dass der letzte russische Zar, Nikolai II., von dem deutschen Schauspielern Lars Eidinger gespielt wird. Eidinger, der an der Berliner Schaubühne arbeitete, hat nach Ermittlungen von Poklonskaja auch in Porno-Filmen mitgespielt. In einem Interview mit der Deutschen Welle erklärte Eidinger, er habe „gegenüber der Porno-Industrie keine großen Vorbehalte“. Doch er habe „nichts mit ihr zu tun“. Doch Poklonskaja hat dem Schauspieler nachgeforscht und behauptet, auf Instagram gäbe es Fotos mit Anstößigem von dem deutschen Schauspieler.

Warnung vor Fanatismus von Duma-Kollegin

Mit immer neuen Veröffentlichungen zum Film „Mathilda“ und Nikolai II. hält die Abgeordnete Poklonskaja die Moskauer Medien in Atem. Vor Kurzem postete die Abgeordnete, Russland müsse bereuen, was es Nikolai II. angetan habe. Diese Aufforderung brachte ihre Duma-Kollegin, Irina Rodina, in Rage. Die früher berühmte Eiskunstläuferin, die jetzt Mitglied der Duma-Fraktion von Einiges Russland ist, erklärte gegenüber der Komsomolskaja Prawda: „Wir brauchen gegenüber Nikolai II. nichts zu bereuen. Er hat das russische Imperium und das Volk verraten.“ Damit spielte die Abgeordnete auf die Tatsache an, dass der Zar den Krieg mit Deutschland verloren und nach der Februarrevolution abgedankt habe. Rodina legte Wert auf die Feststellung, dass sie am Ort, wo die Zarenfamilie 1917 ermordet wurde, selbst eine Kerze aufstellt habe. Ihrer Duma-Kollegin Poklonskaja riet sie, in Bezug auf den letzten Zaren nicht in Fanatismus abzugleiten.

Weder der russische Präsident noch der Patriarch der russisch orthodoxen Kirche haben sich bisher zum Film Mathilda geäußert. Putins Pressesprecher Dmitri Peskow erklärte, solange der Film nicht gezeigt werde, könne man keine Position beziehen.

Der Filmregisseur Stanislaw Goworuchin, ein enger Vertrauter von Putin erklärte, es sei falsch, den Film zu prüfen. Solche Versuche müsse man „mit der Wurzel ausreißen“. Der bekannte Fernsehmoderator Wladimir Solowjow, der Putin ebenfalls nahe steht, erklärte, in Russland gäbe es Gesetze nach denen die Zensur verboten ist. Wer den Film nicht sehen wolle, brauche ja nicht ins Kino zu gehen.

Kirchen-Vertreter: „Der Film kommt so und so auf die Bildschirme“

Der russisch-orthodoxe Bischof Tichon Schewkunow, Mitglied des Rates für Kultur beim russischen Präsidenten, erklärte, das Verbot des Films zu fordern, habe „keinen Sinn“, denn der Film komme „so und so auf den Bildschirm“. Außerdem dürfe sich die Kirche „nicht zu einem Zensur-Komitee entwickeln“. Es sei jedoch „eine Beleidigung unserer Kultur“, dass in dem Film Bettszenen gezeigt werden, erklärte Bischof Schewkunow.

Die Affäre zwischen dem Kronprinzen und Mathilda habe es tatsächlich gegeben. Sie habe bis 1893 gedauert. Im Jahr 1894 heiratete Nikolai die Prinzessin Alix von Hessen-Darmstadt, die sich später Aleksandra Fjodorowna nannte. Dass die Affäre mit der Tänzerin bis zur Krönung von Nikolai 1896 gedauert habe, sei Unsinn, so Schewkunow. Mathilda „habe gewusst, dass sie nicht die Ehefrau des Zaren werden konnte.“

Vertreter konservativer russisch-ortodoxer Organisationen wie „Die 40“ und die „Union der Kirchenfahnenträger“, welche sich für eine „Festigung“ des Glaubens einsetzen, organisierten in den letzten Wochen öffentliche Gebete in Moskau, St. Petersburg und Jekaterinburg. In Moskau beteiligten sich 1.500 Gläubige an dem Gebet gegen den Film.

Die konservativen Organisationen werfen dem Regisseur von „Mathilda“, Aleksej Utschitel, vor, er beschmutze das Andenken an den letzten Zaren. Dass der Film gerade im Jubiläumsjahr 2017 – also 100 Jahre nach dem erzwungenen Abdanken des Zaren und seiner Ermordung zusammen mit seiner Familie – in die Kinos kommt, erregt die Vertreter der konservativen Organisationen besonders. Der Film schände das Andenken an den letzten russischen Zaren, der im Jahre 2000 von der russisch-orthodoxen Kirche als Märtyrer heilig gesprochen worden war. Der Film sei ein Angriff auf die Grundfesten Russlands und die nationale Sicherheit des Landes.

Der Filmregisseur Aleksej Utschitel warf Poklonskaja in einem Interview mit der Massenzeitung Moskowski Komsomolez vor, in der Duma säßen „einige Leute“, welche Poklonskaja unterstützen. Diese Leute würden „mit Skandalen und Provokationen“ für sich werben. Das sei alles „unwürdig“. Die Gegner des Films behaupteten, es gäbe in der Bevölkerung einen großen Unmut über den Film. Doch niemand habe den Film gesehen und es gäbe auch keine Massen von Unzufriedenen, so der Regisseur.

„Mathilda“ ein pro-monarchistischer Film?

Andrej Kurajew, ein bekannter liberal eingestellter Geistlicher der russisch-orthodoxen Kirche erklärte, er sei einer der Wenigen gewesen, denen der Regisseur Aleksej Utschitel seinen Film gezeigt habe. „Der Film ist pro-monarchistisch“, sagt Kurajew. Denn in dem Film werde gezeigt, dass Nikolai II. auf das Chodynka-Feld in Moskau fährt, wo im Mai 1896 1.389 Menschen bei der Ausgabe von Geschenken aus Anlass der Zaren-Krönung im Gedränge starben.

Auf dem Feld sieht Zar Nikolai II. die endlosen Reihen von Fuhrwerken mit Leichen. Der Zar kniet sich hin und bittet sein Volk um Vergebung. Diese Darstellung sei historisch nicht korrekt, so der Geistliche. Es sei eine Tatsache, dass der Zar am Abend der Krönung auf einem Ball in der französischen Botschaft war, sagt Kurajew. Frankreich war damals der wichtigste Verbündete Russlands. „Wenn der Zar nicht auf den Ball, sondern zum Chodynka-Feld gefahren wäre und auf die Knie gegangen wäre, dann hätte es kein 1917 (keine Revolution, U.H.) gegeben,“ so der Geistliche. Was die Darstellung des angeblichen Kniefalls auf dem Chodynka-Feld betrifft, habe der Regisseur der Romanow-Familie „sehr geschmeichelt“.

Erneuter Machtkampf zwischen Liberalen und Vertretern der Sicherheitsstrukturen?

Dass die politisch noch unerfahrene Natalja Poklonskaja sich zur Sprecherin der Film-Gegner machte und in den russischen Medien breiten Raum bekommt, um ihre Ansichten vorzustellen, lies Beobachter in Moskau vermuten, hinter dem Streit um den Film „Mathilda“ stehe in Wirklichkeit ein Streit in der russischen politischen Elite über den zukünftigen Kurs des Landes. Beobachtern war auch aufgefallen, dass die Abgeordnete Poklonskaja Lenin, Trotzki, Hitler und Mao Tse-tung als „die größten Ungeheuer des 20. Jahrhunderts“ bezeichnete, Stalin aber in ihrer Aufzählung fehlte.

Es könnte durchaus sein, dass hinter dem Streit um den Film "Mathilda" das Rangeln zwischen Liberalen und Vertretern der Sicherheitsstrukturen im Kreml in eine erneute Runde geht. Durchaus möglich ist, dass es Kräfte im Kreml gibt, welche versuchen, den letzten russischen Zaren populärer zu machen, indem man ihn als Menschen mit Gefühlen zeigt.

Eine Rückkehr zur Monarchie steht in Russland aber sicher nicht bevor. Insbesondere die Generation, die noch in der Sowjetunion aufgewachsen ist und deren Eltern und Großeltern sich durch die Oktoberrevolution sozial verbesserten, haben eine distanzierte Haltung zum letzten russischen Zaren.

Wladimir Putin erklärte in einem Fernsehinterview im Dezember 2014, die Etappe der Monarchie habe Russland „schon durchlaufen“. Nach einer Umfrage des WZIOM-Insituts halten nur acht Prozent der Russen die Monarchie für die geeignete Regierungsform in Russland. Dagegen halten 88 Prozent der Befragten die Republik für die geeignete Regierungsform.

Stalin populärer als Putin

Russland werde schon jetzt halb-monarchisch regiert, meinen politische Beobachter. Wladimir Putin habe die Rolle des „guten Zaren“, der „die schlechten Fürsten“ immer wieder zur Räson rufen muss. Doch viele Russen, vor allem in der Provinz, sind der Meinung, Russland müsse härter regiert werden. Nur so könne man die Korruption stoppen. Auch die Außenbedrohung Russlands durch die NATO fördert offensichtlich das Ansehen Stalins, der die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg zum Sieg über Hitler-Deutschland führte.

Die Popularitätsrate von Stalin ist konstant hoch. Bei einer Meinungsumfrage im April 2017 ermittelte das Lewada-Meinungsforschungsinstitut, dass die Russen Stalin noch vor Putin für „die herausragendste Persönlichkeit“ Russlands halten. Zur Zeit sieht die Hierarchie der „herausragendsten Persönlichkeiten“ in Russland wie folgt aus: 1. Stalin, 2. Putin, 3. Puschkin, 4. Peter der Große, 5. Gagarin (der erste Kosmonaut).

Dass es in der russischen Gesellschaft einen Wechsel von sozialistischen hin zu patriotisch-konservativen Werten gibt, lässt sich daran ablesen, dass die Russen in Meinungsumfragen bis zum Jahr 2003 noch Lenin für den „herausragendste Persönlichkeit“ hielten. Nikolai II. taucht in der Liste der 20 „herausragendsten Persönlichkeiten“ nicht auf.

Ulrich Heyden, Moskau, 28.08.17

RT Deutsch bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.