Genie oder Betrüger? Renommierter Regisseur Serebrennikow in Sankt Petersburg verhaftet

Genie oder Betrüger? Renommierter Regisseur Serebrennikow in Sankt Petersburg verhaftet
Der gefeierte Regisseur Serebrennikow (Mitte) ist seit gestern in Haft.
Die russische Kulturszene ist aufgewühlt. Der berühmte Kino- und Theaterregisseur Kirill Serebrennikow ist gestern in Sankt-Petersburg verhaftet worden. Ihm wird die Veruntreuung von 68 Millionen Rubel , das wären etwa eine Million Euro, zur Last gelegt.

Kirill Serebrennikow ist zurzeit der bekannteste Regisseur des Landes. In Moskau arbeitet er als künstlerischer Leiter im Gogol-Center, aber er dreht auch Filme und ist als Gastopernregisseur durch Europa unterwegs. Er sollte in Stuttgart für den 22. Oktober "Hänsel und Gretel" als erste Opernpremiere der neuen Spielzeit inszenieren. In Berlin läuft derzeit in der Komischen Oper seine Variante des "Barbier von Sevilla".

Nun ist die Premiere in Stuttgart gefährdet. Die Leitung der dortigen Oper, an der Serebrennikow 2015 erfolgreich "Salome" inszeniert hatte, ist besorgt. Erwartungsgemäß äußerten die Stuttgarter umgehend ihren Argwohn gegenüber der staatlichen russischen Ermittlungsbehörde, die Serebrennikows Verhaftung veranlasst und gegen ihn Anklage erhoben hat. Sie halten den Vorgang für "politisch motiviert", heißt es in einer dpa-Meldung. Der Intendant Jossi Wieler appelliert an die deutsche Politik.

Ist mit Serebrennikow ein neuer liberaler Widerstandskämpfer geboren?

Nun lässt sich erahnen, was folgen wird. Der Regisseur wird bereits jetzt in deutschen Medien zum Kreml-Kritiker geadelt. Die übliche Schablone im Zusammenhang mit dem Vorgehen der russischen Justiz zu Prominenten mit Europa-Bezug liegt wie immer schon bereit. Doch wie begründet erscheinen die Vorwürfe tatsächlich und vor allem: Wo und wie hat Serebrennikow den Kreml kritisiert?

Der US-amerikanische Ukraine-Sonderbeauftragte Kurt Volker (r.) und der Berater des russischen Präsidenten, Wladislaw Surkow (l.).

Es lässt sich erahnen, was kommt. Der Regisseur wird bereits in fast allen deutschen Medien als Kreml-Kritiker betitelt. Die übliche Schablone, die zu justiziablen Prozessen in Russland gelegt werden, ist schon vorgelegt. Doch, wie begründet scheinen die Vorwürfe und vor allem – wo und wie hat er den Kreml kritisiert?

Wie viele Künstler ist Serebrennikow tendenziell skeptisch gegenüber der Macht. Bis dato aber haben ihm Medien eher eine zu große als eine zu geringe Kremlnähe vorgeworfen, konkret beanstandete man die Nähe zu Wladislaw Surkow, einem einflussreichen Berater des russischen Präsidenten. Serebrennikow drehte ungewöhnliche Filme, experimentierte viel im Theater und erlangte für sich den Ruf eines unkonventionellen Freischaffenden. Bald interessierten sich auch deutsche Medien stark für ihn. Fast jedes große Medienhaus führte bereits Interview mit dem Regisseur, manche mehrmals.

In einem der Interviews überraschte Serebrennikow mit der Aussage, in Russland habe man viele Freiheiten. Auf die Nachfrage, ob es dennoch Grenzen gäbe, antwortete er:

Es gibt eine Regel, die muss man befolgen: 'Misch dich nicht in die Politik ein!' Für mich ist das eine gute Regel, denn in Russland gibt es ohnehin keine Politik. Es gibt Propaganda, es gibt den Machtapparat, es gibt Großkonzerne und so weiter und so fort.

Frage: Aber Ihr Film [Der, der die Zeichen liest; d. Red.] ist doch hochpolitisch.

Natürlich. Aber das versteht die Staatsführung nicht.

Umfassender Kahlschlag im Gogol-Theater

Mit seinen provokativen Aufführungen im modernen Gogol-Center für zeitgenössische Kunst stieg Serebrennikow zu einer Ikone der liberalen Öffentlichkeit auf. Für das patriotische Lager, aber auch viele Anhänger der russischen realistischen Schule im Theater, war er hingegen ein Hochstapler, der das frühere traditionsreiche Gogol-Schauspielhaus zerschlagen und die Schauspieler auf die Straße geworfen hat. Im August 2012 wurde der studierte Physiker Kirill Serebrennikow von der Moskauer Kultur-Verwaltung als künstlerischer Leiter des Theaters eingesetzt. Die Truppe musste gehen.

Journalisten warten vor dem Gebäude des Gogol-Centers am 22. August 2017.

Nun – ein wenig wie im gleichnamigen berühmten Gogol-Stück geht es auch jetzt real zur Sache. Der Revisor ist da, im Unterschied zum Stück ist es diesmal aber ein echter. Nach monatelangen Ermittlungen – seine Hauptbuchhalterin und ein paar andere mutmaßlichen Beteiligten sitzen bereits im Haft – erhob das russische Hauptermittlungskomitee gestern Anklage gegen Serebrennikow und erwirkte einen Haftbefehl.

Moderne Kunst als Selbstbedienungsladen?

Dem Ermittlungskommitee zufolge hat der Regisseur für sein Projekt zur Entwicklung und Realisierung des modernen Kunstevents "Plattforma" zwischen 2011 und 2014 insgesamt 214 Millionen Rubel, umgerechnet 3,5 Millionen Euro, aus dem föderalen Budget erhalten. Im Rahmen des Projekts sollen die Hauptbuchhalterin Julia Itina namens der autonomen nicht-kommerziellen Organisation (ANO) "Studio 7", der Direktor des Gogol-Centers, Alexej Maloborodski, und andere Personen jedoch die beantragten Projekte in überteuerter Weise umgesetzt und die Rechenschaftsberichte manipuliert haben.

Sergej Udalzow auf seiner ersten Pressekonferenz nach Haftentlassung.

Das Vorgehen der Ermittlungsbehörde hatte sich seit langem angebahnt. Seit Jahren verlangten einige Duma-Abgeordnete, die Verwendung der staatlichen Subventionen im Gogol-Center zu überprüfen. Bereits im Mai durchsuchte die Polizei die Wohnung Serebrennikows, er galt zunächst aber nur als Zeuge. Später belastete ihn jedoch die Buchhalterin Itina und erklärte, er habe an der Veruntreuung teilgenommen.

Sehr viele seine Kollegen - vornehmlich Regisseure, Schauspieler, und Musiker - stellten sich bereits im Mai auf die Seite Serebrennikows und verteidigten ihn als einen selbstlosen Kunstschaffenden, der zum Betrug nicht fähig sei. Viele kritisierten ein zu harsches Vorgehen der Behörden. Sie gingen auf die Straße und appellierten an Wladimir Putin.

Scharfes Vorgehen gegen Korruption

Man müsse kein Liebhaber seiner Kunst sein, um das juristische Prozedere, das hinter den Ermittlungen steht, zu hinterfragen. Die Gesetzgebung sei zu wenig detalliert und man könne, wenn man wolle, bei jedem etwas finden, schreibt das Portal „Swobodnaja Pressa“ (Freie Presse). Außerdem werfe der Belastungseifer vonseiten einer bereits im Haft sitzenden Frau ebenfalls Fragen auf.

Es gibt aber auch andere Stimmen. Der langjährige Direktor von Mosfilm, der bekannte Regisseur Karen Schachnasarow, schließt nicht aus, dass an den Anklagevorwürfen tatsächlich etwas dran sein könnte. Der Staat mache Ernst im Kampf gegen Korruption - und er selbst werde ebenfalls alle drei Monate streng geprüft, sagte Schachnasarow im Interview der Zeitung Moskowskij Komsomoletz. Er beneide Serebrennikow dennoch nicht – dieser sei nun in einer ähnlichen Situation wie "ein Huhn beim Rupfen".

Die Anklagebehörde hingegen verteidigt ihr Vorgehen:

Die Schuld Serebrennikows hinsichtlich eines Betrugs in besonders hohem Ausmaß wird durch Zeugenangaben, die Ermittlungsergebnissen, die beschlagnahmten Finanzunterlagen und andere Beweise bestätigt", teilte die Sprecherin des Ermittlungskommitees, Swetlana Petrenko, mit. 

Serebrennikow selbst bestreitet die Vorwürfe und nennt sie "absurd". Ihm drohen bis zu zehn Jahre Haft und eine Geldstrafe in Höhe von bis zu einer Million Rubel. Das zuständige Gericht könnte aber auch einen Hausarrest verhängen. Nur durch ein Wunder könnte Serebrennikow seine Arbeit in Stuttgart in September beginnen. Die deutsche Szene ist betroffen - deshalb ist Serebrennikow der Nimbus eines Kreml-Kritikers nun sicherer denn je.