Besuch in Tschetschenien: Auf Tuchfühlung mit Homosexuellen in Grosny - ein Reisebericht

Besuch in Tschetschenien: Auf Tuchfühlung mit Homosexuellen in Grosny - ein Reisebericht
Zu den abenteuerlichsten Storys des westlichen Mainstreams gehörte Anfang des Jahres jene von den angeblichen staatlichen Straflagern für Schwule in Tschetschenien. Gert-Ewen Ungar ging den Darstellungen mit einer Recherche vor Ort nach.

von Gert-Ewen Ungar

Als sich im April die Nachricht verbreitete, in Tschetschenien würden staatliche Stellen Menschen aufgrund ihrer sexuellen Identität verfolgen und in Lagern internieren, in denen sie gefoltert würden, war ich irritiert. Aus der Ferne, aus Deutschland heraus betrachtet, ergab die Geschichte in ihren Details überhaupt keinen Sinn. Warum sollten staatliche russische Stellen Homosexuelle verfolgen? Und dann auch noch in Tschetschenien? Da gab es doch gerade wirtschaftliches Wachstum und daher nicht einmal eine Notwendigkeit, irgendeinen Sündenbock an den Pranger zu stellen.

Die hiesigen Erklärungen für die angeblichen Übergriffe, die sich letztlich alle in der Aussage zusammenfassen ließen, die Meldungen müssten wahr sein, weil die Menschen dort erstens Russen und zweitens Muslime sind, waren mir entschieden zu dünn und zu rassistisch. Homosexualität ist in Russland nicht verboten. Man kann dort auch als Homosexueller gut und im Alltag frei von Diskriminierung leben.

Aus den russischen Medien war die Geschichte bald wieder verschwunden, westliche Medien haben sie hingegen auf großer Flamme weitergekocht. Merkel und Macron mahnten auf ihren Staatsbesuchen den Schutz von Minderheiten und die Einhaltung der Menschenrechte insbesondere in Tschetschenien an. Aussagen tschetschenischer Politiker, unter anderem des Präsidenten Ramsan Kadyrow selbst, es gäbe in Tschetschenien überhaupt keine Schwule und wenn, würde man sie zu ihren Familien zurückschicken, die dann schon wissen würden, wie mit ihnen umzugehen sei, gossen zusätzlich Öl ins Feuer. Im Westen legte man die Aussage so aus, als würde Kadyrow Fakten leugnen und mit Ehrenmord durch die Familien drohen.

Können hunderte Mitglieder einer kleinen Szene in einer Provinzstadt unbemerkt verschwinden?

Ich wollte mir ein eigenes Bild von der Lage machen und hatte daher über eine einschlägige App Kontakte nach Tschetschenien aufgenommen. Der Tenor der Aussagen, die mir von dort entgegenschlugen, war, dass diese Verfolgungswelle nicht stattgefunden hat. Einige wiesen die Möglichkeit, an den Berichten könne etwas dran sein, weit von sich, andere meinten, sie wären jetzt schon vorsichtiger geworden, glaubten aber nicht an eine organisierte Welle der Gewalt.

Niemand kannte jemanden, der verschwunden wäre. Dabei gaben die westlichen Medien die Anzahl der angeblichen Lager inzwischen mit sechs an und die Zahl der dort Internierten mit mehreren Hundert. Dass in einer Republik mit gerade mal einer guten Million Einwohnern in einer Subkultur Hunderte von Menschen verschwinden sollten, ohne eine Spur zu hinterlassen, hielt auch ich für ausgesprochen unwahrscheinlich. 

Da allerdings ein Teil der Geschichte auch jener war, wonach staatliche Organe ebenfalls über einschlägige Apps Kontakt zu ihren späteren Opfern aufgenommen hätten, um sie in einen Hinterhalt zu locken, blieb mir nichts Anderes übrig, als die Existenz meiner Kontakte durch einen Besuch vor Ort zu überprüfen. Ich kaufte mir also ein Ticket und buchte ein Hotelzimmer.

Der Flughafen von Grosny ist klein. Es gibt am Tag vielleicht sechs oder sieben Starts und Landungen. Dass der Flughafen klein ist, liegt daran, dass ganz Tschetschenien klein ist. Es hat die Größe von Schleswig-Holstein, aber mit 1,3 Mio. nur die Hälfte der Einwohner dieses Bundeslandes. Fast jeder Vierte lebt in der knapp 300.000 Einwohner zählenden Hauptstadt der Republik. Grosny wächst und ist derzeit in etwa so groß wie Gelsenkirchen, Wiesbaden oder Augsburg. Es ist wichtig, diese Größenverhältnisse im Kopf zu behalten.

Das Erste, was man noch aus dem Flugzeug heraus am Flughafen sieht, sind zwei große Portraits. Eines vom russischen Präsidenten Putin, eines von Achmat Kadyrow, dem Vater des jetzigen Oberhaupts Tschetscheniens, den Terroristen im Jahr 2004 ermordet hatten.

Der Weg in die Stadt ist nicht weit. Für das Taxi zahle ich umgerechnet etwa sechs Euro. Ein Bekannter weist mich später darauf hin, dass das drei Euro zu viel waren.

Nachdem ich im Hotel eingecheckt hatte, unternahm ich einen ersten Spaziergang durch die Stadt. Wie viele der im 17. und 18. Jahrhundert gegründeten russischen Städte ist Grosny wie ein Schachbrett aufgebaut. Alle Straßen sind gerade und im rechten Winkel angeordnet. Man kann sich nicht verlaufen.

Die zentrale Straße, die Wladimir-Putin-Allee, führt an der Achmat-Kadyrow-Moschee vorbei und geht in die Achmat-Kadyrow-Allee über. Es finden sich Cafés, Restaurants, Boutiquen. Alles ist neu, alles ist gepflegt. Ich fühle mich wohl.

Gibt es Schwule in Tschetschenien?

Als ersten meiner Kontakte treffe ich Ali. Über das Internet hatten wir bereits seit einigen Monaten Kontakt gehabt. Ali zeigt mir die Stadt. Wir plaudern. Das, was er mir erzählt, wird mir in individuellen Varianten auch von den anderen erzählt.

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Die gute Nachricht: Eine staatliche Verfolgungswelle von Schwulen hat es in Tschetschenien mit großer Wahrscheinlichkeit nicht gegeben. Die Aufregung könnte sich daher jetzt wieder legen. Sie wird es aber nicht tun, denn es geht hier weder um Wahrheit noch um Fakten. Es geht westlichen Organisationen auch nicht darum, Schwule zu schützen oder Fakten zu ermitteln. Es geht lediglich darum, ein Ressentiment aufrechtzuerhalten. Da stören Fakten eher.

Man wird die Untersuchungsergebnisse der russischen Menschenrechtsbeauftragten und der Staatsanwaltschaft abwarten müssen, um die Angelegenheit abschließend beurteilen zu können. Doch hier in Grosny kennt niemand jemanden, der verschwunden ist, der gefoltert worden wäre. Niemand. Und das in einer Stadt von der Größe Wiesbadens. Erstaunlich.

Wir gehen durch die Straßen, an einer Polizeistation vorbei. Ali begrüßt einen der Polizisten. Wie er mir später erklärt, waren die beiden zusammen in der Schule. Sie halten ein bisschen Smalltalk, sprechen über Pläne, abschließend die Bitte, Grüße an die jeweilige Familie auszurichten. Das beiderseitige Verhältnis ist offensichtlich entspannt und angstfrei. Hier ist nichts von jener Angst zu spüren, die westliche Medien gegenüber staatlichen Stellen und ihren Repräsentanten ausgemacht haben wollen.

Mit meinen anderen Kontakten erlebe ich Ähnliches. Man kennt sich, man grüßt sich. Auch die Tatsache, dass ein unbekannter Ausländer dabei ist, stellt keinerlei Irritation dar. Ich werde vorgestellt und später ebenfalls gegrüßt und in kurze Gespräche eingebunden.

Im Restaurant zeige ich Ali Bilder vom Berliner CSD. Er ist entsetzt. Männer als Frauen verkleidet, nackte Menschen auf der Straße. Er würde zu so etwas nie gehen, er würde sich schämen, wenn er so etwas mit ansehen müsste.

Er hatte einige Zeit in Moskau gelebt, hat da auch einige Male einschlägige Klubs und einmal eine Sauna besucht. Moskau sei ja bekannt für seine Szene. Aber das, was in Berlin passiert, das versteht Ali nicht. Absolut nicht.  

Ich erkläre ihm, das sei unsere Idee von Freiheit. Ich erkläre ihm auch, dass es bei uns viele Menschen gibt, die meinen, das müsste überall so sein. In Grosny zum Beispiel auch. Für den Gesichtsausdruck Alis, den dieser bei diesen Worten annahm, fehlen mir die Worte. Eine Mischung aus tiefem Ekel und Verachtung.

Was Schwule in Tschetschenien tatsächlich bewegt

Die Bilder von Folsom Europe ersparte ich ihm und allen meinen darauffolgenden weiteren Gesprächspartnern auch. Wir sprachen über Familie, Tradition und Ehre. Wir sprachen auch ein bisschen über das Konzept von sexueller Identität und wie wichtig das im Westen ist. Es wird klar: Die Idee, dass sexuelle Identität und deren Entfaltung wichtiger sein könnten als alles andere, ist hier in Tschetschenien nicht vermittelbar. 

Ich weiß nicht, ob Ramsan Kadyrow mit seinem Satz, es gäbe in Tschetschenien keine Schwulen, das gemeint hat. Aber unter diesem Gesichtspunkt ist es richtig. Es gibt vermutlich niemanden, der auf die Idee käme, seine sexuelle Identität über Familie und Tradition zu stellen. Diejenigen, die das tun, die gehen weg. Nach Moskau oder Sankt Petersburg, wo man das problemlos leben kann.

Ich verstehe jetzt auch besser, was Kadyrow damit meinte, als er sagte, man würde Schwule an die Familien zurückgeben, die wüssten, was zu tun sei. Es wurde bei uns als Aufforderung zum Ehrenmord interpretiert. Das ist natürlich blanker Quatsch. Aber die Familie wird viel dafür tun, zu korrigieren, was als Makel empfunden wird. Der Makel ist dabei weniger irgendein sexueller Akt. Es gibt auch in Grosny Orte, wo Homosexualität in aller Diskretion ausgelebt werden kann. Der Makel ist hier vermutlich mehr das Ausbrechen aus der Tradition und die Idee, das Individuelle sei wichtiger als das Gemeinsame.

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Diejenigen Männer mit gleichgeschlechtlichen Neigungen in Tschetschenien, die ich über das Internet kennen gelernt habe, leben dem entsprechend. Einige sind verheiratet und haben Kinder. Leiden sie unter ihrem Schicksal? Ganz offensichtlich nicht. Würden sie ihr Leben aufgeben für das, was wir unter Emanzipation verstehen? Ganz bestimmt nicht. Ist das verklemmt und rückständig? Ganz sicher nicht. Das kann nur unter einem imperialistischen Blick so erscheinen, der jede Diversität und Vielfalt der Kulturen leugnet.

"Grosny - der beste Ort der Welt"

Innerhalb von kurzer Zeit hatte es in Tschetschenien zwei Kriege gegeben. Diese waren dem Zerfall der Sowjetunion geschuldet, der ein Machtvakuum hatte entstehen lassen, das zahlreiche Akteure mit unterschiedlichen und sich auch immer wieder wandelnden Interessen dazu brachte, dieses füllen zu wollen und die Machtfrage zu stellen.

Der zweite Tschetschenienkrieg wurde im Jahr 2009 für beendet erklärt. Seit 2007 regiert Ramsan Kadyrow, der Mitglied in der Regierungspartei Einiges Russland ist.

Nach dem Krieg war Grosny praktisch völlig zerstört. Von dieser Zerstörung ist heute nichts mehr zu sehen. Alles in Grosny ist neu. Alles! Und es ist nicht nur alles neu, es ist auch alles geschmackvoll und aufwändig erbaut worden.

In den Straßen Grosnys wird deutlich, was hier passiert ist. Es gab ein gigantisches Wiederaufbau-Programm. Es müssen Unsummen gewesen sein, die Russland hier investiert hat und immer noch investiert.

Und der Grund, warum Russland das tat, ist auch offensichtlich. Es wurde hier ein relativer Wohlstand geschaffen, der die Menschen befriedete. Grosny ist eine riesige Investment-Blase. Tschetschenien ist das Gegenteil dessen, was Europa beispielsweise mit Griechenland macht.

Die Aufbaukampagne hat Arbeitsplätze in großer Zahl geschaffen. Ich besuche ein Museum. Die Zahl der dort Arbeitenden übersteigt die Zahl der Besucher um ein Vielfaches. Die Zahl der Gärtner, die die Anlage um die Achmat-Kadyrow-Moschee pflegen, ist exorbitant. Entsprechend sieht es dort aus. Kein herabgefallenes Blatt verunziert den perfekt geschnittenen Rasen auf den einzelnen Rabatten.

Steht man nachts vor der Kadyrow-Moschee und blickt auf die leuchtende City von Grosny, dann zieht sich ein riesiges, in allen Farben leuchtendes Laufband vertikal über eines der Hochhäuser, auf dem unter anderem zu lesen ist: "Grosny, bester Ort der Welt".

All dieses Wirtschaftswachstum ist aber künstlich geschaffen worden. Es ist zumindest im Moment noch kein echtes Wachstum. Das lässt sich nicht beliebig lang aufrechterhalten. In Moskau hatte ich schon Stimmen gehört, die meinten, ich soll mir alles gut anschauen, alles sei von ihrem Geld gebaut.

Das aktuelle Großprojekt ist der Bau des Axmat-Towers, der das größte Hochhaus Europas werden soll. Darüber hinaus sind Hotels und große Freizeitanlagen in den Bergen geplant oder bereits im Bau.

Das ist der große Plan, der hier vor Ort sichtbar wird. Das künstlich erzeugte Wachstum soll in reales Wachstum transformiert werden. Ein echter Marshall-Plan. Tschetschenien möchte ein Zentrum des Tourismus und des Handels werden. Dazu wird unglaublich viel Geld investiert. Ob das gelingt, wird die Zukunft zeigen.

Allerdings macht man vor allem auch, wenn man Touristen und Investoren anziehen möchte, keine staatliche verordnete Jagd auf Schwule. Man investiert nicht hoch professionell in Infrastruktur und Großprojekte und haut dann so unprofessionell daneben. Auch das spricht gegen den die im Westen verbreitete Nachricht, in Tschetschenien würden Schwule systematisch verfolgt. 

Antijournalismus - Westliche Medien und NGOs

Es ist mir unmöglich, heute über Tschetschenien zu schreiben, ohne auf die Rolle einzugehen, die westliche Medien in den letzten Wochen und Monaten eingenommen haben. Es ist eine Rolle, die an Voreingenommenheit gegenüber Russland und Tschetschenien, an Peinlichkeit und fachlicher Inkompetenz kaum zu überbieten ist.

Es gibt für den Vorwurf, in Tschetschenien gäbe es eine gezielte Verfolgung von Schwulen vonseiten des Staates, auch nach fünf Monaten nur eine einzige, nicht bestätigte Quelle: die russische Zeitung Novaja Gaseta. Westliche Journalisten gaben einander bei dem immer gleichen Zeugen die Klinke in die Hand. Westliche NGOs schreiben voneinander ab und erzeugen so eine Echokammer, in der der Eindruck entsteht, das Gesagte wäre überprüft worden. Ist es aber nicht.

Hat man die Angaben, die man erhalten hat, auch tatsächlich journalistisch auf Plausibilität überprüft? Mitnichten. Man füttert das westliche Publikum mit dem Bild vom grausamen Russen und - eine solche Gelegenheit, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, gibt es sonst zu selten - Muselmanen. Dafür wird kein noch so primitives Klischee ausgelassen. Man weiß, es gibt genügend Leute, und zwar auch wichtige, die alles glauben, weil sie es glauben wollen.

Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, wird entsprechend bei allen ihren Auftritten nach der Situation in Tschetschenien befragt. Intensiv und inquisitorisch.

Wie absurd das ist, dessen sind sich die Fragesteller offensichtlich gar nicht bewusst. Sacharowa ist die Sprecherin des Außenministeriums. Sie ist die richtige Ansprechpartnerin, wenn es beispielsweise um Syrien, um gemeinsame Entwicklungsprojekte mit China oder den Streit mit den USA geht. Für Innenpolitik ist sie schlicht nicht zuständig.

Diesen eklatanten Anfängerfehler sind westliche Journalisten schlicht nicht bereit, einzusehen. Will man angesichts des Kampfes des moralisch Guten gegen das Böse wirklich solcherart Beckmesserei betreiben? Zuletzt war es ein finnischer Reporter namens Erkka Mikkonen, der das Thema aufgebracht hat.

Auf die Einladung, Tschetschenien selbst zu besuchen und vor Ort zu recherchieren, kneift er. Zu gefährlich. Dabei ist Grosny die sicherste Stadt Russlands. All dieses Verhalten hat mit tatsächlichem Journalismus nichts zu tun.

Ein Team der Internetpostille Vice hat sich immerhin getraut und ist im Verbund mit dem amerikanischen Sportsender HBO nach Tschetschenien gefahren, hat sich das von der Novaja Gaseta als Konzentrationslager benannte Gebäude zeigen lassen. Es steht leer. Natürlich wird alles in Zweifel gezogen, die Reporterin entdeckt vermeintlich frische Fußspuren auf dem Boden, die ihr zwar als Beleg ausreichen, die aber freilich nicht ihren Weg ins Bild finden.

Auch in den einschlägigen Publikationen wie queer.de ist nicht einmal ein Hauch von Bemühen um eine neutrale, ausgewogene Berichterstattung zu finden. Alles, was da von russischer Seite kommt, wird negativ attribuiert, in Zweifel gezogen, ironisiert.

Und in den einzelnen Berichten und Kommentarspalten ergießen sich dann vonseiten der Vorreiter für den diskriminierungsfreien Diskurs Vokabeln, denen man nicht umhinkann, ein hohes Maß an Rassismus und Xenophobie zu bescheinigen.

Die ganze Diskussion jedenfalls hat Ramsan Kadyrow eher genutzt als geschadet.

Komplett versagt hat der Mainstream schließlich, als die Novaja Gaseta eine angebliche Todesopfer-Liste mit 27 Namen publizierte. Aus dieser Opfer-Liste machte der gesamte deutsche Copy-Paste-Journalismus eine schwule Opfer-Liste und landete damit kräftig im Bereich des qualitativen Ausschusses.

Taxifahrer Hassan verflucht Putin und lässt Hitler hochleben

Auf meiner Fahrt zurück zum Flughafen unterhielt ich mich mit meinem Taxifahrer. Er hieß Hassan, war etwa in meinem Alter. Was soll ich sagen? Wenn ich den Mund aufmache, hört man sofort, dass ich kein russischer Muttersprachler bin. Also kam die Frage, woher ich komme. Aus Deutschland. Und dann ging’s los: Die Deutschen seien gute Menschen. Gute Kämpfer, kräftig und stark. Putin sei ein Satan. Nicht wie Adolf Hitler. Der war ein guter Mensch. Der hat gegen die Russen gekämpft und es fast geschafft. Hätte er doch nur die Atombombe gehabt …

Novaja Gaseta hat allerdings bei seiner Veröffentlichung der Liste mit den 27 Namen nicht von schwulen Opfern gesprochen, sondern von mutmaßlichen islamistischen Kämpfern. Dass die tschetschenischen Sicherheitskräfte systematisch gegen Terroristen vorgehen, das glaube ich jederzeit. Es erscheint auch plausibel. Gegen Schwule? Nicht plausibel und nach wie vor unbewiesen. 

Die gemeinsame, Wachstum generierende Politik von Kadyrow und Putin jedenfalls hat aus Menschen wie Hassan Taxifahrer, Gärtner, Bauarbeiter und Ladenbesitzer gemacht, die mit diesen Arbeiten ihre Familie ernähren können. Vor einigen Jahren noch wären viele von ihnen Kämpfer gewesen. Diesen Prozess des Friedens durch Wachstum zu verstetigen und die noch immer halb geöffneten Wunden heilen zu lassen, das ist gerade das große Thema in Tschetschenien.

Und sonst noch?

Seit April werden für das in Sankt Petersburg ansässige und einem westlichen Werte-Imperialismus verpflichtete LGBT-Network von San Francisco bis nach Sydney Spenden gesammelt. Die Spendenaufrufe werden uns noch durch die ganze Pride-Saison begleiten. Es sind zweifellos Millionen von Dollar, die da eingesammelt werden, um die von George Soros mitfinanzierte Organisation in ihrem Kampf für schwule Tschetschenen zu unterstützen. Soros weiß, wie man risikolos hebelt.

Für das gespendete Geld könnte man viele Fahrkarten von Grosny nach Moskau kaufen. Viel mehr, als jemals benötigt werden könnten. Die interessante Frage ist daher: Was passiert mit diesen Spenden? Für die Stabilisierung Tschetscheniens oder auch nur irgendetwas Gutes in Russland, da kann man sich ganz sicher sein, werden sie nicht eingesetzt werden. Allerdings wird sich auch kein westlicher Journalist dieses Themas annehmen. Denn da kommt garantiert ein Haufen Schmutz zum Vorschein, der kein gutes Licht auf uns, unsere und die von uns unterstützten Machenschaften wirft.