Drei Jahre Lebensmittel-Embargo: Vor- und Nachteile aus russischer Sicht

Drei Jahre Lebensmittel-Embargo: Vor- und Nachteile aus russischer Sicht
Eine Arbeiterin überprüft die Tomatenzucht in einem Gewächshaus in der nordkaukasischen Stadt Ust-Dscheguta.
Seit drei Jahren nun gelten Russlands Gegensanktionen gegen die zuvor von den USA und EU-Staaten erlassenen Restriktionsmaßnahmen im Wirtschaft- und Handelsbereich. Was hat sich seitdem getan? Dieser Frage stellen wir uns angesichts der aktuellen Debatte um die neuen Anti-Russland-Sanktionen.

Vor genau drei Jahren belegte Moskau Lebensmittel aus der EU, Nordamerika, Australien und einer Reihe weiterer Ländern mit einem Embargo als Antwort auf die zuvor erlassenen Sanktionen gegen Russland. Die Einfuhr von Fleisch, Fisch, Käse, Milchprodukten, Früchten und Gemüse aus den genannten Staaten wurde damit verboten. Dies hatte für Russland Vor- und Nachteile.

Stand 2015: Diese Folgen hatte Russlands Lebensmittelembargo weltweit direkt nach der Einführung.

Steigende Preise

Die Sanktionen verursachten zunächst einen starken Preisanstieg für die jeweiligen Produkte, was wiederum eine stärkere Inflation zur Folge hatte. Ihre Hauptursache war zwar der Verfall des Rubelwertes im Dezember 2014. Aber auch die Preise für heimische Lebensmittel stiegen, wie eine Berechnung der BBC Russland zeigte. Der Warenkorb eines durchschnittlichen Moskauer Konsumenten wurde demnach um ganze 69 Prozent teurer im Vergleich zum August 2014. Die Preise selbst jedoch, so gab es das russische Ministerium für Wirtschaftsentwicklung an, seien jedoch seitdem nur um 32 Prozent gestiegen.

"Der negative Effekt des Embargos ist die Folge einer Umverteilung in der russischen Wirtschaft", erläutert Daniil Kirikow von der Kirikow-Group-Agentur. "Da ein größerer Teil des Einkommens für Lebensmittel ausgegeben wird, sinken entsprechend die Ausgaben für andere Güterarten und Dienstleistungen."

Begrenzte Auswahl

Das Embargo hat praktisch die tatsächlich vorhandene Produktauswahl in den russischen Supermärkten begrenzt. Statt Obst und Gemüse aus Europa stehen dort nun Früchte aus der Türkei, Ägypten, Marokko und Staaten des Nahen Ostens zum verkauf. Qualitativ hochwertige Produkte wie Parmesan-Käse und andere Sorten aus den europäischen Staaten werden durch ähnliche Produkte aus russischer oder belarussischer Herstellung ersetzt. Die Qualitätsfrage ist dabei allerdings noch nicht vom Tisch.

"Gegenwärtig kann festgestellt werden, dass das Lebensmittelembargo einen starken Popularitätssprung hervorgerufen hat. Die sinkenden Reallöhne allerdings haben diesen Prozess dann wieder gebremst", sagt Artjom Dejew, Analytiker bei der Finanzagentur Amarkets.

Stand 2015: Nicht nur die Einfuhr sanktionierter Produkte ging im ersten Embargo-Jahr zurück.

Wiedergeburt der Bauernhöfe

Die russische Regierung hat das Embargo durchaus auch als protektionischtische Maßnahme im Sinne der heimischen Produzenten zu wissen genutzt: Mit dem 2012 gestarteten staatlichen Darlehen-Programm für angehende Bauern haben seitdem die Neugründungen kleinerer Agrarfirmen stark zugenommen. Nach Angaben der Rosselchos-Bank, die mit dem russischen Landwirtschaftsministerium zusammenarbeit, sind 2016 über 9.200 Darlehenzuschläge für kleine und mittlerer Agrarunternehmen erteilt worden, insgesamt über 190 Milliarden Rubel, so die Pressestelle der Bank. Im Vorjahr seien nur rund 180 Milliarden Rubel dafür ausgeschüttet worden.

"Jetzt ist es wichtig, dass sich die Hersteller mit der Zeit die Darlehen, die sie aufgenommen haben, zurückzuzahlen, Profit zu machen und ihr Produktionsvolumen zu vergrößern", erklärt Peter Puschkarjow von der TeleTrade Group. "Aber der Zeitrahmen für das Embargo sollte begrenzt sein sowie auf Preispolitik, Finanzdaten und der wirtschaftlichen Situation basieren."

Dank der Sanktionen und den staatlichen Subventionsprogrammen für die Landwirtschaft investieren die russischen Landwirte nun auch mehr in Gewächshäuser. Sowohl Unternehmer, Agrarkonzerne als auch die politische Elite investieren mittlerweile in diesem Bereich. Beispielsweise der Sohn des russischen Forbes-Oligarchen Roman Abramowitsch, Arkadij, hat in der südrussischen Region Belgorod begonnen, Tomaten und Gurken anzubauen. Bereits im Jahr 2015 gründete er dazu die Firma "Greenhouse", die sich konkret auf den Gemüseanbau spezialisierte. 

Ebenso investierte auch der Sohn des russischen Generalstaatsanwalts Jurij Tschajka, Igor, im Agrarsektor: Im März 2016 gründete er die Gemüseanbau-Firma Agro-Region.

Nach aktuellen Angaben des russischen Landwirtschaftsministeriums hat der Anteil der in Gewächshäusern angebauten Tomaten und Gurken in Russland seit Juli 2016 bis Juli dieses Jahres um knapp 20 Prozent zugelegt, in totalen Zahlen sind das mehr als 570 Tonnen Gemüse.

Diese Produkte waren und sind von dem Embargo betroffen.

Der Artikel erschien im Original bei unserem Kooperationspartner Russia beyond the Headlines.