Exklusiv: Dschihad-Waisen - Moskau will 48 russische Kinder aus Mossul zurückholen

Exklusiv: Dschihad-Waisen - Moskau will 48 russische Kinder aus Mossul zurückholen
Dschihad-Waisen: Russland will 48 Kinder aus Mossul zurückholen (Symbolbild)
Russlands Behörden versuchen, 48 Minderjährige aus dem nordirakischen Mossul heimzuholen, deren Eltern Mitglieder der Terrormiliz "Islamischer Staat" waren. Die aus Russland stammenden Kinder befinden sich jetzt in irakischen Kinderheimen. RT berichtet über die Rettungsoperation.

Seitdem Mitte Juli das nordirakische Mossul aus den Händen des „Islamischen Staates“ befreit worden ist, bemühen sich Russlands Behörden darum, russische Kinder heimzuholen, deren Eltern auf der Seite der Terrororganisation gekämpft haben. Als die irakische Armee und ihre Verbündeten die Extremisten aus der Metropole vertrieben, berichteten arabische Medien darüber, dass das irakische Ministerium für Arbeit und Soziales mehrere aus Russland stammende Kinder unter seine Obhut genommen habe. Die Minderjährigen hätten die erbitterten Kämpfe zwischen Regierungskräften und Terroristen überlebt.         

Die Kinder werden jetzt ärztlich untersucht. Ihr Zustand ist äußerst kläglich", gab der Nachrichtensender Al-Arabiya unter Berufung auf den Ministeriumssprecher Abir al-Dschaljabi bekannt.

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RT hat neulich erfahren, dass Vertreter des russischen Außenministeriums, der Teilrepublik Tschetschenien und des Föderationsrates momentan mit irakischen und jordanischen Beamten und Politikern verhandeln, damit die Kinder endlich in die Heimat zurückkehren können. Als Unterhändler und Vermittler zwischen den Behörden, NGOs und internationalen Hilfsorganisationen fungiert der bekannte jordanische Politiker mit tschetschenischen Wurzeln Samich Beno.

Ich leite den jordanischen Verband der Freunde der Republik Tschetschenien. Ich habe die örtlichen Behörden Jordaniens, Jordaniens Sicherheitsdienste sowie das Innenministerium und Vertreter des Roten Halbmondes in Jordanien, aber auch meine Freunde in Russland und einen Berater des Oberhauptes der Republik Tschetschenien kontaktiert. Wir haben ihnen mitgeteilt, dass wir die Minderjährigen nach Hause bringen wollen. Denn sie haben mit dem Krieg im Irak, in Syrien oder noch irgendwo sonst nichts zu tun. Unsere Tätigkeit ist eine rein humanitäre", sagte Samich Beno im Gespräch mit RT.

Der Aktivist beschloss, sich des Schicksals der in den "Islamischen Staat" entführten Kinder anzunehmen, als die ehemalige Abgeordnete des irakischen Parlaments, Doktor Nadia Jubouri, über WhatsApp ein Foto teilte, auf dem ein Mädchen mit Brandverletzungen an den Händen und Beinen zu sehen war. In dem Begleittext stand, dass das Kind aus den Trümmern geborgen worden sei. Seine Eltern seien bei einem Gefecht gegen die irakische Armee gefallen. Das Mädchen könne sich nur auf Tschetschenisch verständigen. Samich Beno versuchte dann, Familienangehörige des Mädchens in Tschetschenien ausfindig zu machen. Eben dann fing die groß angelegte "Rückholmission" an.

Heute übermittelt der Aktivist alle Informationen über die in Mossul entdeckten minderjährigen Bürger Russlands an seine Freunde in Tschetschenien und die russischen Behörden. Ihrerseits leiten sie an den jordanischen Politiker die "Steckbriefe" der in die Terrorhölle entführten Kinder weiter, die von ihren Verwandten in Russland gesucht werden.

Ihr Name ist Legion

Samich Beno zufolge verhandelt man gerade über die Rückkehr von 48 Kindern, die sich zurzeit in Kinderheimen des irakischen Ministeriums für Arbeit und Soziales befinden.

Die meisten Kinder sind infolge dieses schrecklichen Krieges verwaist. Ihr wisst ja wohl selbst, dass die Verhältnisse im Irak momentan sehr kläglich sind. Ich kann euch jetzt weder Datum noch Zeit sagen, aber ich versichere euch: Wir werden unser Bestes tun, um die Kinder heimzuholen", erklärte der Aktivist.

Die Evakuierung der Minderjährigen aus dem Irak wird in zwei Etappen erfolgen. Zuerst wird man sie aus Mossul nach Jordanien bringen. Von dort aus sollen die Kleinen zu ihren Verwandten in Russland ausgeflogen werden. Die Situation erschwert sich jedoch dadurch, dass die Kinder keine Dokumente haben, die ihre russische Bürgerschaft bestätigen können.

Die Kinder werden eine DNA-Probe abgeben, damit ihre Verwandtschaft mit den Leuten bestimmt werden kann, die behaupten, ihre Familienangehörigen zu sein. Wir tun das, damit niemand zu uns kommt und grundlos vorgibt, ein Verwandter des jeweiligen Kindes zu sein", erklärte Samich Beno gegenüber RT.

Der Aktivist ist ständig in Kontakt mit den russischen Botschaftern im Irak und in Jordanien. Darüber hinaus hat RT erfahren, dass sich momentan in Bagdad der stellvertretende Vorsitzende des Außenausschusses des Föderationsrates, Sijad Sabsabi, aufhält. Auch er beschäftigt sich mit den kleinen Bürgern Russlands, die in Mossul entdeckt worden sind.

Neben den 48 Minderjährigen aus Russland leben in irakischen Waisenheimen auch Kinder aus anderen westlichen Ländern. Alle haben die gleiche Not: Ihre von der Terrormiliz "Islamischer Staat" angeworbenen Eltern haben sie aus den USA,  EU-Staaten und anderen westlichen Ländern in den Krieg mitgenommen. Die genaue Zahl solcher "Dschihad-Waisen", die sich in Mossul und in vielen anderen irakischen Städten, aber auch in Syrien aufhalten, ist ungewiss: Auch die UNICEF hat auf die entsprechende RT-Anfrage nicht antworten können.

Terror und Familiendramen

Samich Beno zufolge sollen aus Syrien und dem Irak nicht nur die Kinder, sondern in manchen Fällen auch ihre Eltern evakuiert werden. Bei ihnen handelt es sich meistenteils um Frauen, die ihren Männern, Brüdern und Vätern in die von der Terrormiliz eroberten Gebiete gefolgt sind. RT hat erfahren, dass momentan die Evakuierung von fünf Familien geplant ist, die nach Russland zurückkehren wollen.

Die Einwohnerin der russischen Teilrepublik Inguschetien Asa Chamirina hofft, dass man nach der Befreiung von Mossul auch ihre Tochter Makka und vier Enkelkinder ausfindig machen wird. Die Frau ist ihrem Mann in den Irak gefolgt und hat mit der Mutter zum letzten Mal vor einem halben Jahr kommuniziert – noch vor dem Beginn der aktiven Kampfhandlungen.

Makka hat 2009 Saichan Machauri geheiratet. Das war eine sehr einträchtige und fleißige Familie. Sie lebten sehr gut. Meine Tochter beschäftigte sich mit dem Haushalt (sie züchteten Ziegen und Kühe) und verdiente ihr Zubrot damit, dass sie im Auftrag Torten backte. Mein Schwiegersohn war in einem Ziegelsteinwerk tätig", erzählte Asa Chamirina mit Tränen im Gesicht.

Alles habe sich im Sommer 2015 verändert, als Asas Schwiegersohn plötzlich in die Türkei abgereist sei. Er habe in den Handel wechseln wollen. Einen Monat später sei Makka mit drei Kindern zu ihrem Mann in die Türkei aufgebrochen.

Wir konnten nicht ahnen, dass das eine Vorbereitung zur Ausreise war", sagte Asa Chamirina gegenüber RT.  

Makka habe mit ihrer Mutter täglich von der Türkei aus telefoniert und ihr Videos aus Freizeitparks geschickt. Plötzlich sei die Kommunikation abgebrochen.

Wir wussten nicht, was wir denken sollten. Dann rief mich die Tochter an und sagte, sie seien in den Irak umgezogen. Sie weinte und erzählte, dass mein Schwiegersohn ihr gedroht habe, ihr die Kinder wegzunehmen. Sie habe sie nicht im Stich lassen können", erzählte Asa Chamirina.       

Im Irak sei Makkas Mann in einem Kampflager ausgebildet worden. Das Training habe einen Monat gedauert. Nach dem Abschluss habe der Familienvater drei Tage Urlaub bekommen und sei dann in den Krieg gezogen. Vier Tage später habe Makka erfahren, dass ihr Mann getötet worden sei.

Wir haben versucht, sie zurückzuholen. Ich reiste ein paar Mal in die Türkei. Ich versuchte, die Leute zu kontaktieren, die meiner Tochter helfen könnten, nach Hause zurückzukehren. Daraus wurde aber nichts. Sie schaffte es auch nicht, zu fliehen. Kurz bevor ihr Mann starb, bekam Makka ihr viertes Baby. Dort hat sie keine Verwandten. Sie kann keine Fremdsprachen, denn sie spricht nur Russisch. Wohin konnte sie mit vier Kleinkindern?", klagte Asa Chamirina im Gespräch mit RT.

Makkas Vater Wacha Chamirin schrieb den Abgeordneten der Staatsduma Adam Delimchanow an und bat ihn um Hilfe. Außerdem wandte sich der Einwohner der Teilrepublik Inguschetien an Wladimir Putin, Tschetscheniens Oberhaupt Ramsan Kadyrow und Inguschetiens Präsident Junus-bek Jewkurow.

Helfen Sie bitte, meine Tochter und Enkelkinder, aber auch alle unsere Bürger und Kinder zu retten, die dort unfreiwillig hingeraten sind", bat Wacha Chamirin. 

Vater und Sohn

Die 24-jährige Tschetschenin Salicha Aschachanowa sah ihren Sohn auf einem im Internet aufgetauchten Video aus dem befreiten Mossul wieder, nachdem sie ihn zwei Jahre lang vergeblich gesucht hatte. Im Oktober 2015 hatte der ehemalige Gatte der Frau, Chassan Tagirow, ihren Sohn heimlich nach Syrien mitgenommen.     

Als ich die Videoaufnahme mit meinem Sohn erhalten habe, war ich schockiert. Obwohl ich ihn zwei Jahre lang nicht gesehen hatte, erkannte ich ihn sofort. Er hatte sich kaum verändert. Ich meine nicht äußerlich. Ich erkannte ihn an der Stimme. Sein Auftreten blieb dasselbe. Das Video zeigte im Hintergrund auch seinen Vater. Auch ihn erkannten alle: meine Mutter und seine Verwandten", erinnerte sich Salicha Aschachanowa.

Auf das Video sei sie rein zufällig gestoßen. Zuerst sei es in einer Telegram-Gruppe aufgetaucht. Nur eine Stunde später sei es schon bei WhatsApp und Instagram gewesen.

Die Frau wandte sich umgehend an die Staatsanwaltschaft und die Suche begann. Salicha Aschachanowa zufolge habe man ihren Sohn bereits gefunden. Er sei in einem Bagdader Kinderheim untergebracht worden.  

Inzwischen machte Samich Beno die Großmutter jenes Mädchens ausfindig, mit dessen Fotos die "Rückholmission" begonnen hatte. Es stellte sich heraus, dass die Kleine neun Jahre alt ist und Chadischa Chusseinowa heißt.   

Zurzeit wird das Mädchen in einem Krankenhaus in Bagdad behandelt. Sie wird vom irakischen Roten Halbmond betreut. Sie bekommt Essen und Medikamente. Das Mädchen hat keine Dokumente", teilte eine informierte Quelle gegenüber RT mit.

RT wird die Situation rund um die russischen Kinder im irakischen Mossul genau verfolgen.