Mit der Eisenbahn: Russlands Parlament will Bibliotheken an Bahnhöfen etablieren

Mit der Eisenbahn: Russlands Parlament will Bibliotheken an Bahnhöfen etablieren
Eisenbahn bringt Kultur: Russlands Parlament will Bibliotheken an Bahnhöfen etablieren (Symbolbild)
Russlands Duma schlägt vor, an größeren Bahnhöfen Bibliotheken einrichten zu lassen. Reisende sollen literarische Werke in einer Stadt mit auf den Weg nehmen und in einer anderen zurückgeben dürfen. Das Projekte soll die allgemeine Kulturverbundenheit erhöhen.

Der Gesetzesentwurf geht auf die Initiative des Duma-Abgeordneten Wassili Wlassow zurück. Er meint, dass solche Buchausleihen an Bahnhöfen das Interesse der Bevölkerung an der russischen schöngeistigen Literatur wiedererwecken und dadurch die allgemeine Bildung erhöhen könnten. Das Angebot soll vor allem aus klassischen Werken bestehen.

In weiterer Zukunft könnte man sogar jeden Zug mit einer mobilen Buchausleihe ausstatten, in der Reisende Werke von Schriftstellern aus den jeweiligen Ortschaften finden würden.

"Alternative zu minderwertigem Zeug vom Kiosk"

Wlassow legt seine Strategie wie folgt dar:

Im Durchschnitt verbringen die Reisenden zehn bis 14 Stunden auf Achse. Diese Freizeit kann man der Lektüre und der Weiterbildung widmen. Während der langen Fahrt wird man durch nichts abgelenkt, zumal die Telefonverbindung schlecht ist und es keinen Internet-Zugang gibt. Sollten jedoch an Bahnhöfen Bibliotheken mit Qualitätsliteratur eröffnet werden, würden Passagiere in Kiosken keine minderwertigen Illustrierten oder Bücher mehr kaufen, sondern sich an die jeweilige Buchausleihe wenden.

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Auch Russlands Kulturministerium begrüßt das Vorhaben: Das Lesen könne auf diese Weise wieder zur Mode werden. Dem Vizekulturminister Alexander Schurawski zufolge sei jede Maßnahme sinnvoll, die die Lesekultur wieder beliebt machen könne.

Der virtuelle Zugang mag zwar einfacher sein, das Buch bleibt aber nach wie vor ein Wesensmerkmal jedes gebildeten Menschen und des Bildungsprozesses. Ein Printbuch ist von einer Zugreise einfach nicht wegzudenken. Das ist eine ideale Initiative, die das Netzwerk von Bibliotheken weiterentwickeln wird", erklärte Alexander Schurawski.

Gelegenheit macht Leser

Auch Experten finden, dass sich das Interesse an der schöngeistigen Literatur in der Tat dadurch steigern lasse, dass man Buchausleihen zugänglich und bequem mache.

Das Buch muss dort sein, wo es den Menschen am bequemsten sei: In Einkaufszentren, in der U-Bahn und auf dem Weg zur Arbeit. Man braucht dafür keine besonderen Aufbewahrungsbedingungen, zumal es an solchen Stellen keine Unikate geben wird", behauptete die Dekanin der Fakultät für Bibliothek- und Informationswesen an der Staatlichen Universität für Kultur Sankt Petersburg, Walentina Breschnewa.

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In diesem Sinne könnten sich die Bahnhofsbibliotheken auch zu einer Art Bookcrossing-Plattform entwickeln, wo Reisende gratis Bücher tauschen würden.    

Manche sind jedoch skeptisch. Der einheimische Verband der Reisenden zweifelt daran, dass die Dienstleistung gefragt sein wird. Der Verbandsvorsitzende Kirill Jankow sagte gegenüber RT, dass sich die meisten Reisenden in Russland vor einer langen Fahrt selbst im Voraus mit Unterhaltungslektüre eindeckten. Es mache keinen Sinn, sein Eintreffen am Bahnhof von langer Hand zu planen, um sich ein Buch auszuleihen.

Russland nach China am lesefreudigsten

Laut einer GfK-Studie von Anfang 2017 belegt Russland auf der Rangliste der am meisten lesenden Nationen den zweiten Platz. An der Umfrage haben sich 22.000 Menschen aus 17 Ländern beteiligt. So geben 59 Prozent der Russen an, täglich oder wenigstens einmal pro Woche zu lesen. In China waren es 70 Prozent und in Spanien 57 Prozent.

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Nach Angaben des russischen Kulturministeriums bestanden im Jahr 2016 im Land gut 38.000 Bibliotheken. 70 Prozent davon befanden sich in ländlichen Gebieten. Deren Zahl nimmt jedoch infolge einer negativen wirtschaftlichen und demografischen Situation kontinuierlich ab.