Moskauer Urban Forum: Stadtentwicklung in Riesenschritten

Moskauer Urban Forum: Stadtentwicklung in Riesenschritten
Auf dem siebten Moscow Urban Forum stellte die Stadtregierung die Ergebnisse eines rasanten Modernisierungskurses vor. Moskau will seine Rolle als Zentrum in der globalisierten Welt stärken.

von Ulrich Heyden

Moskaus Modernisierung legt ein atemberaubendes Tempo vor. Besucher sehen sofort: Überall wird gebaut. Und die Bürger gewöhnen sich allmählich daran, dass man viel zeitaufwendige Bürokratie per Internet erledigen kann. Die Beantragung von Dokumenten wie die Anmeldung bei einem Arzt ist nun online möglich.

Um diese ganz konkreten Alltagserfahrungen, aber auch um das große Ganze - Moskau in der globalisierten Welt - ging es auf dem siebten Moscow Urban Forum. „Was können die Metropolen der Welt voneinander lernen? Und wie können wir Fehler vermeiden“, fragte der Leiter der Abteilung Bauwesen in der Moskauer Stadtverwaltung, Marat Chusnullin, auf einer der Plenumsveranstaltungen.

Spätzünder Moskau

Moskau hat erst in den 1990er Jahren begonnen, sich in der globalen Weltwirtschaft einzubinden. Es hat in dieser Hinsicht einen enormen Nachholbedarf, um die Standards der globalisierten Wirtschaft zu erfüllen. Doch das Tempo, das die russische Hauptstadt seit 2010 vorlegt, ist atemberaubend. Bürgermeister Sergei Sobjanin hält - unbeirrt von Kritikern - an seinem Modernisierungskurs fest.

Als ich 1992 nach Moskau kam, gab es in vielen Wohnungen kein Telefon, und man musste seine Gespräche auf der Straße aus einer Telefonzellen führen. Heute kommt man in der U-Bahn per WI-FI ins Netz. Als Autofahrer kann man über eine App herausfinden, wo es in Moskau einen der begehrten Parkplätze gibt. Falls es sich um einen gebührenpflichtigen Parkplatz handelt, erfährt man sogar, ob dieser noch frei ist.

Die Stadt fördert alles, was den Auto-Verkehr in der Innenstadt reduziert, damit sich die Luft verbessert. Zahlreiche Straßen wurden verengt und die Bürgersteige verbreitert. Bereits 2.500 Autos sind an kommerziellen Carsharing-Systemen beteiligt. Das Schloss eines Carsharing-Autos öffnet man mit einer Chip-Karte.

Dass es in Moskau mit der Digitalisierung im öffentlichen Bereich zügig vorangeht, wurde von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers jetzt offiziell bestätigt. Was die Bereitschaft zur Digitalisierung im öffentlichen Bereich angeht, liegt Moskau zusammen mit New York, nach Singapur, London und Shanghai auf dem vierten Platz.

Heute mausert sich Moskau zu einer der führenden Metropolen der globalisierten Welt. Man möchte attraktiv sein für den Finanz- und Dienstleistungsbereich, aber auch für Touristen. Der große Industriebetrieb SIL, der südlich des Stadtzentrums zu Sowjetzeiten 150.000 Lastwagen im Jahr produziert hat, wurde geschlossen. Dort wo die Werkshallen standen, entstehen jetzt Wohnhäuser in moderner Qualität.

Doppelter Braindrain

Russland leidet seit 1991 an einem doppelten Braindrain. Hunderttausende gut ausgebildete Russen haben sich entschieden, in westlichen Staaten ein neues Leben zu beginnen. Zwar ist die Anziehungskraft westlicher Staaten zurückgegangen, es bleibt aber der Braindrain innerhalb Russlands. Moskau und Sankt Petersburg sind Magneten für gut ausgebildete Kräfte aus der Provinz.

Um den Braindrain aus den Regionen zu stoppen - denn dort werden dringend junge Nachwuchskräfte gebraucht - wollen nun auch einzelne Regionen von Moskau lernen und attraktive Innenstädte mit einem interessanten kulturellen Angebot für die Jugend gestalten. Viel Geld versickere in den Randgebieten der russischen Regionen, anstatt die Innenstädte der Städte im Ural und Sibirien für die Jugend attraktiv zu gestalten, sagten Sprecher. Maksim Reschetnikow, der bis Februar dieses Jahres Leiter der Abteilung Wirtschaftspolitik in der Moskauer Stadtverwaltung war und nun Gouverneur in der Industriestadt Perm ist, ist überzeugt, dass man „mit harter Hand“ für die Modernisierung der Innenstädte in den Regionen sorgen muss.

Moskauer Alternative zu westlichen Krankenhäusern geplant

Moskau will den Braindrain jetzt auch umkehren. In unmittelbarer Nachbarschaft des im Westen der Stadt gelegenen Technologie-Zentrums Skolkowo soll das International Medical Cluster entstehen. Für dieses Zentrum will man Ärzte aus westlichen Ländern wie Deutschland, Israel und den USA anwerben, die dort zeitweise oder für längere Zeit arbeiten. Den 200.000 Russen, die jährlich für eine medizinische Behandlung ins westliche Ausland fahren, soll eine Behandlung in dem neuen Gesundheitszentrum angeboten werden. Dies sei auch wichtig für jene, die aus bestimmten Gründen das Land nicht verlassen können, erklärte gegenüber RT Deutsch die Sprecherin des Zentrums, Vlada Sayfetdinova.

Befreiung von alten Industriebetrieben

An den Debatten auf dem Moskauer Forum waren der Bürgermeister von Düsseldorf, Thomas Geisel, die Umweltsenatorin von Berlin, Regine Günther und der ehemalige Bürgermeister von London, Ken Livingstone beteiligt. Es wurde deutlich: Es gibt kein Patentrezept, wie die Metropolen ihre Probleme mit dem rasanten Zuzug aus dem Umland, den Verkehrsproblemen und dem Mangel an bezahlbaren Wohnraum lösen können.

Für Sergei Sobjanin ist es das wichtigste Ziel, die Stadt von alten, ökologisch gefährlichen Industriebetrieben zu befreien und in eine Stadt umzuwandeln, deren Beschäftigte vor allem in den Dienstleitungsbereichen, dem Finanzsektor und der IT-Branche tätig sind. Für die Beschäftigten dieser Betriebe müsse eine lebenswerte Umwelt geschaffen werden. Sobjanin möchte die Lebensqualität durch mehr Orte, die zum Verweilen einladen, erhöhen. Bisher war der Verkehrslärm im Zentrum von Moskau dominant.

Der Bürgermeister hat in der Innenstadt zahlreiche Straßen mit breiten Fußgängerwegen, kleinen grünen Ecken, Bänken und neu gepflanzten Bäumen gestalten lassen. So hat die Innenstadt ein ganz neues Gesicht bekommen. Verkaufsbuden wurden abgerissen, und überall in der Innenstadt entstanden große neue Flächen, die den bisher verstellten Blick auf schöne Hausfassaden frei machen. Noch wirkt das neue Gesicht der Innenstadt etwas künstlich. Jetzt muss die neue Fläche, die die Fußgänger sozusagen geschenkt bekommen haben, mit Leben gefüllt werden.

Plattenbauten aus den 1960er Jahren sollen weichen

Der geplante Abriss von 4.500 fünfgeschossigen „Chrutschowka“-Plattenbauten aus den 1960er Jahren und die Umsiedlung von einer Millionen Moskauern in neue Wohnungen waren Themen einer Plenumsveranstaltung. Über die Proteste , die es gegen die Abrisspläne gegeben hatte, wurde nicht gesprochen.

Der ehemalige Vize-Gouverneur von Tokio, Yasushi Aoyama, zeigte anhand von Bildern, wie man in Tokio den steigenden Wohnraumbedarf gedeckt hat, nämlich durch den Abriss von niedriggeschossigen Wohnraum aus der Nachkriegszeit, dem Bau von hochgeschossigen Wohnhäusern und der Dezentralisierung der Stadt. Die Expertin für Stadtplanung, Lju Zsjunlan, aus Peking berichtete, wie man in der Innenstadt 30 Quadratmeter mit Häusern in traditioneller Bauweise behutsam modernisiert habe. Wasserleitungen wurden verlegt, Kohle- gegen Elektroöfen ausgetauscht, die Konstruktion der Häuser verstärkt, aber deren Form nicht verändert. Man habe das „im engen Kontakt mit den Bewohnern dieser Häuser“ gemacht.

Marat Chusnullin, der für das Bauwesen in Moskau zuständige Vertreter der Stadtverwaltung, sah die Erfahrungsberichte seiner Kollegen aus Peking, Tokio und Paris als Bestätigung der Moskauer Politik, jetzt zügig mit dem Abriss von Plattenbauten aus den 1960er Jahren zu beginnen. Das Gesetz, das den Abriss der Plattenbauten und die Umsiedlung von einer Millionen Menschen in neue Häuser regelt, wurde inzwischen von beiden russischen Parlamentskammern verabschiedet und von Wladimir Putin unterzeichnet.

Architekt Tschoban: „Nicht höher als sechs Etagen bauen!“

Der bekannte Architekt Sergei Tschoban trug sehr deutlich seine Ansprüche am neuen Wohnraum vor, der für die Umsiedler aus den „Chrutschowka“-Häusern geschaffen werden soll. 70 Prozent der neuen Wohnhäuser dürften nicht mehr als sechs Etagen haben, so Tschoban. Sie müssten in sehr guter Qualität gebaut werden und sollten nicht wie die „Chrutschowkas“ nur 50, sondern 100 Jahre halten. Die neuen Wohnviertel dürften keine Schlafstädte werden. Sie müssten multifunktional sein. Langweilige Fassaden sollt es nicht geben. Im Erdgeschoss der neuen Wohnhäuser müssen auf jeden Fall Geschäfte vorhanden sein. Dies würde abends auch die Sicherheit in den Wohngebieten erhöhen.

Der Moderator der Debatte kommentierte die Anmerkungen von Tschoban mit der Bemerkung, „einen Mangel an Boden haben wir in Russland ja nicht.“ Das konnte man als Sympathiebekundung für niedriggeschossige Neubauten verstehen.

Marat Chusnullin stellte nochmal klar, dass man auf 13-geschossige Wohnhäuser „aus ökonomischen Gründen“ nicht verzichten könne. Wie das Verhältnis zwischen hoch- und niedriggeschossigen Häusern sein soll, sagte Chusnullin nicht.

Oberbürgermeister von Düsseldorf: „Soziale Mischung muss erhalten bleiben“

Der Oberbürgermeister von Düsseldorf, Thomas Geisel, erklärte gegenüber RT Deutsch, dass der Erfahrungsaustausch der großen Weltmetropolen „auf jeden Fall wichtig sei“, denn man habe eine „ganze Menge gemeinsamer Herausforderungen“, die am ersten Konferenztag „ja auch zur Sprache gekommen sind.“ Wegen des Wohnraummangels drohe in den Metropolen immer „eine gewisse soziale Selektion. Bestimmte innerstädtische Gebiete sind für Leute mit normalem Geldbeutel nicht mehr bezahlbar.“ Das führe zu einer Segregation, „und das ist etwas, was die Attraktivität der Metropole dramatisch gefährdet.“ So sei es in Düsseldorf, Moskau, Singapur und Istanbul. Man müsse dafür sorgen, dass die Metropolen „durchmischt bleiben“ und öffentlich geförderter Wohnraum geschaffen wird. Russische Entscheidungsträger erklären ebenfalls, sie seien für eine soziale Mischung. Ob dieses Ziel verwirklicht wird, werden die Debatten der nächsten Monate und Jahre entscheiden.

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