Außer Spesen nix gewesen: Garcia-Report zur Vergabe der WM 2018 entlastet Russland

Außer Spesen nix gewesen: Garcia-Report zur Vergabe der WM 2018 entlastet Russland
Der Wachwechsel im Saal des Ruhms im weltberühmten Denkmalkomplex "Mamajew Kurgan" (Mamajew Hügel) in Wolgograd, dem ehemaligen Stalingrad. Wolgograd ist eine der Spielstätten bei der Fußball-WM im Jahr 2018.
Der vor kurzem veröffentlichte Bericht des Ex-Vorsitzenden der neuen Untersuchungskammer der FIFA-Ethikkomission, Michael Garcia, offenbart keine Beweise für eine unerlaubte Einflussnahme auf die WM-Vergabe für das Jahr 2018 - zum Leidwesen deutscher Medien.

Noch in den Jahren 2014 und 2015, als die Ukraine-Krise hochkochte, waren Schlagzeilen wie "Kaufte Putin Stimmen für die Fußball-WM?" (Die Welt) keine Seltenheit. Damals wollten viele Politiker, auch in Deutschland, die Stunde nutzen, um sich auch auf diesem Terrain zu profilieren. Ohne überhaupt auf die Veröffentlichung des damals schon fertiggestellten Garcia-Berichtes zu warten, schlugen sie vor, die WM 2018 "wegen der Krim und der Ukraine" zu boykottieren.

Soweit ist es bis jetzt nicht gekommen - zumal die mögliche Reaktion des fußballbegeisterten deutschen Publikums auf einen solchen Schritt als ungewiss erscheinen musste. Aber die Hoffnung, dass der Bericht belastendes Material zutage fördern würde, war immerhin da. Die Bild-Zeitung war besonders aktiv in ihren Versuchen, an das geheim gehaltene 430-seitige Dokument zu gelangen. Die FIFA sah sich bereits im Jahr 2014 Korruptionsvorwürfen ausgesetzt und die Untersuchung, die im September des gleichen Jahres fertiggestellt wurde, erschien als vielversprechend. Dass die FIFA sich gegen die Veröffentlichung des Berichtes sträubte, befeuerte die Spekulationen.

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Erstveröffentlichung als Trostpreis für Bild

Unter ihrem neuen Präsidenten Gianni Infantino schwenkte die FIFA nunmehr um und ließ den Bericht am 27. Juni veröffentlichen - in einer Zeit, in der in Russland der Könföderationenpokal mit deutscher Teilnahme ausgetragen wurde. Bild hatte bezüglich des Abdrucks von Originalinhalten des Berichts die Nase vorn und rühmte sich nun, der Druck von Bild-Journalisten habe den Ausschlag gegeben. Doch selbst bei Bild war die Enttäuschung groß. Das Hetz-Medium staunte: Zahlte Russland wirklich keine Schmiergelder? Immerhin heißt es im Bericht zu Russland:

Auch wenn die kompletten Kosten für Reisen und Unterbringungen für Mitglieder des FIFA-Exekutivkomitees und deren Familien das übersteigen, was man gewöhnlich als nebensächliche Kosten ansehen würde, war die Übernahme der Kosten nicht per se durch den damaligen FIFA-Verhaltenskodex verboten.

Und die Reisen der FIFA-Funktionäre waren auch schon der umstrittenste Punkt in der ganzen Story. Es gab in Tat mehrere Reisen in der Business-Klasse für mehrere Verantwortliche der FIFA, die Russland organisiert und bezahlt hatte, um diesen die Möglichkeit zu geben, das Land und die möglichen Austragungsorte besser kennenzulernen. Doch für den Vorwurf der Korruption reichte das nicht aus.

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Kein Geschenk teurer als 200 Dollar - Treffen mit Politikern als Standardverfahren

Das Gleiche gilt für Geschenke, die der russische Bewerberstab den Mitgliedern des Exekutivkomitees überreichte. Für die FIFA-Ermittler hatten diese nur symbolischen Wert. Es handelte sich um Spielzeug-"Matrjoschkas" oder "Tcheburaschkas". Der teuerste Füller, der verschenkt wurde, hatte einen Wert von 200 US-Dollar. Als die Prüfer der FIFA selbst Russland besuchten, drückte man ihnen jeweils ein iPad mit vorinstallierten Videos in die Hand – als "Arbeitswerkzeug". Die Ermittler sahen hierbei ebenso wenig eine Regelverletzung wie bei früher verschenkten Kunstwerken an einen belgischen Wahlmann. Insgesamt lautete der Befund: keine Bestechung zu erkennen.

Auch in den fünf Treffen des damaligen russischen Premiers Wladimir Putin mit den Mitgliedern des Wahlgremiums sahen die Ermittler nichts Verwerfliches, selbst wenn die beteiligten Funktionäre wie Chuck Blazer und Jack Warner mittlerweile wegen Korruptionsvorwürfe gesperrt sind. Auch dies gehört zum Standardverfahren von Bewerbern.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass Politiker der Bewerberländer (wie auch Barack Obama) auf FIFA-Funktionäre treffen", schreibt das Sport-Portal "11 Freunde".

Und fällt sein Urteil:

Russland kommt in dem Bericht gut weg.

Katar hat der Bericht hingegen schwerer belastet. Der rohstoffreiche Wüstenstaat ließ in Ländern wie Thailand oder Nigeria durch seine Fußballakademie "Aspire" Infrastrukturobjekte bauen, um dadurch auf indirektem Wege "den Mitgliedern des Exekutivkomitees Vorteile zu verschaffen". Doch auch diese Feststellung wiegt nicht schwer genug für einen Entzug der WM 2022.

Dafür, dass Garcia-Bericht vor allem Russland als Bewerber-Land entlastet, hat Bild seine eigene Theorie. Russland sei geschickt genug gewesen, um rechtzeitig Vorkehrungen zu treffen, die dazu führen, dass der Report den Russen keine wirklichen Verfehlungen nachweisen kann.   

Sonst wäre Putin nicht Putin", schreibt Bild.

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Beckenbauer nahm Beraterjob bei der Gazprom an

Aber so harmlos ist das Papier am Ende doch nicht. Mehrere ehemalige FIFA-Funktionäre, darunter die deutsche Fußball-Legende Franz Beckenbauer, geraten durch den Report in Erklärungsnot. Beckenbauer wird angelastet, einen lukrativen Job als Berater eines russischen Gas-Unternehmens im Gegenzug zu seiner mutmaßlichen Lobbyarbeit zugunsten Russlands angenommen zu haben.

Russische Sportfunktionäre, vor allem der Chef des Organisationskommites zur Austragung der Weltmeisterschaft 2018, Alexej Sorokin, und der jetzige Chef des russischen Fußballverbandes, Witali Mutko, die selbst im Fokus der FIFA-Recherchen standen, sehen sich durch den Bericht bestätigt.

Alle haben gesehen, dass es keine Fragen zu Russland gibt. Es war nichts Anderes zu erwarten. Es gab und gibt keinen Grund, an der Rechtmäßigkeit der Vergabe der Weltmeisterschaft im Jahr 2018 an Russland zu zweifeln", sagte Mutko gegenüber TASS.

Alexej Sorokin, der bereits seinerzeit zahlreiche Interviews mehreren deutschen Zeitungen gegeben hat, geht allerdings davon aus, dass auch ein dermaßen entlastendes Dokument die westlichen Medien nicht von ihren Angriffen auf die Weltmeisterschaft 2018 in Russland abhalten wird.  

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