Kaliningrad - Russische Enklave und kulturelle Brücke zwischen Russland und Deutschland

Kaliningrad - Russische Enklave und kulturelle Brücke zwischen Russland und Deutschland
Der Königsberger-Dom auf der Kant-Insel in Kaliningrad.
Kaliningrad ist ohne Frage sowohl für die Geschichte Deutschlands als auch Russlands von herausragender Bedeutung. Die Stadt war das kulturelle Zentrum Ostpreußens, die Heimat des bedeutenden Philosophen Immanuel Kants und daher ein Zentrum der Aufklärung und der philosophischen Schule des Deutschen Idealismus.

Als Folge der Konferenz von Jalta, auf der für den absehbaren Sieg der Alliierten über Nazi-Deutschland das Deutsche Reich neu geordnet worden ist, wurde die Stadt in die Sowjetunion eingegliedert. Die Geschichte Kaliningrads ist wechselvoll, in ihrem Zentrum stehen die Verbindung Preußens nach Osten, aber auch Handel und kultureller Austausch. Kaliningrad fand aus den Wirren der Geschichte immer wieder zurück zu dieser Rolle und bildete jedes Mal eine Brücke. Immer wenn dies gelungen ist, prosperierte die Stadt.

Wie in vielen Städten der Russischen Föderation und zahlreichen ehemaligen Sowjetrepubliken wird auch in Kaliningrad am 9. Mai das Ende des Zweiten Weltkriegs mit einer großen Militärparade gefeiert. Schon im vergangenen Jahr war ich dort und konnte mir einen Eindruck verschaffen. Die Militärparaden haben einen ganz besonderen Charakter. Sie sind Familienfest, Gedenkfeier, eine wohl gepflegte Erinnerungskultur, Anlass zur Freude und zum Nachdenken. Eines sind sie jedoch nicht, nämlich kein Ausdruck eines überheblichen Siegestaumels und keine Darstellung militärischer Macht.

Foto: Gert Ewen-Ungar

In Deutschland, wo man den Tag des Kriegsendes nicht mit einem Feiertag würdigt, werden die russischen Militärparaden vielfach als Schaustellung militärischer Macht und kriegerischer Potenz gesehen. Sie werden als Siegesfeiern gegenüber dem militärisch unterlegenen Gegner, dem Deutschen Reich, verstanden. Das verfehlt den Kern gründlich. Mit den Paraden wird nicht der Sieg über Deutschland, sondern der Sieg über den Faschismus gefeiert. Das ist ein großer Unterschied, der sich im Alltag niederschlägt.

Ich wurde noch nie von einem Russen wegen meiner Nationalität diskriminiert. Das Gegenteil ist der Fall. Umgekehrt ist das leider grundlegend anders. Meine russischen Freunde und Bekannte, die Deutschland besucht haben, können die ein oder andere Geschichte von Diskriminierung erzählen.

Gründe dafür sind einfach wie erschreckend. Wir haben den grausamen Rassismus, der aus dem Russlandfeldzug einen Vernichtungsfeldzug werden ließ und 27 Millionen Sowjetbürgern das Leben gekostet hat, nie wirklich aufgearbeitet. Die Grausamkeiten der Deutschen Wehrmacht gegenüber der Sowjetunion und der spezifische Rassismus, der dies im “Generalplan Ost” erst möglich gemacht hat, sind kein Bestandteil unserer Erinnerungskultur. Dieser Rassismus wirkt daher weiterhin fort.

Hass und Vorurteile sitzen tief im Bewusstsein der Deutschen. Nichts deutet darauf hin, dass sie in einer gemeinsamen kulturellen Leistung angegangen und abgebaut werden. Mit dieser Aufgabe lässt die deutsche Kultur einen jeden von uns allein. Im Hinblick auf Judenverfolgung, Antisemitismus und Holocaust sind wir zumindest formal sensibilisiert, jedoch in Bezug auf die Verbrechen der Deutschen Wehrmacht auf ihrem Russlandfeldzug sind wir es nicht. Die schockierende Wahrheit über die Grausamkeit der Rassenideologie der Nazis gegenüber Russen und den Bürgern der Sowjetunion herauszufinden, damit ist jeder von uns weitgehend allein gelassen. Gerade daher ist es notwendig, sich damit auseinanderzusetzen.

Gastautor Gert Ewen-Ungar auf der Krim

Die einzigartige Brutalität des Russlandfeldzugs wurzelte in der Idee des Untermenschen. Ich schäme mich, sagen zu müssen, dass dieses nie aufgearbeitet wurde und auch heute noch wirksam ist. Die absurde, immer wieder verzerrende Art, wie in deutschen Medien Russland dargestellt wird, lässt sich nur über einen tief sitzenden Rassismus erklären, der insbesondere in den deutschen Eliten von Generation zu Generation weitergetragen wird.

Dass sechs Millionen Juden auf grausame Weise verbracht, interniert und ermordet wurden, ist im kollektiven Gedächtnis präsent. Dass 27 Millionen Sowjetbürger in vier Jahren in einem Vernichtungsfeldzug zu Tode gekommen sind, ist dagegen kaum und nur am Rande in der Erinnerungskultur der Deutschen verwurzelt. Dass bei der Belagerung der Stadt Leningrad, heute Sankt Petersburg, es nicht Ziel war, die Stadt zur Aufgabe zu zwingen, sondern die 3 Millionen Einwohner verhungern zu lassen, davon weiß kaum ein Deutscher. Einer der dunkelsten Flecken unserer Geschichte ist kein Bestandteil unserer Erinnerungskultur.

In Russland ist das anders. Die Paraden am 9. Mai sind Ausdruck dieser Erinnerungskultur, die diametral zu unserer steht. Russland hat vergeben, aber nicht vergessen. Wir haben vergessen und werden den Russen daher nie vergeben. Der russische Blick auf die Geschichte ist klarer, aufgeklärter und weniger mit Ideologie durchtränkt als unserer.

Deutsche Kultur wird in Russland vielfach gewürdigt und geschätzt. Ein Blick in unsere Medien zeigt, wie wir voller Verachtung und Geringschätzung gegenüber Russland und allem Russischen sind, welch kruder Rassismus in Deutschland in der Auseinandersetzung mit Russland nach wie vor wirksam ist. Lediglich etwas klassische Literatur und ein bisschen Musik sind hiervon ausgenommen.

Litauen wird Zaun an der EU-Außengrenze zu Kaliningrad für fast 1,4 Millionen Euro bauen

Man kommt nicht umhin, ein vernichtendes Urteil über den Umgang Deutschlands mit seiner historischen Schuld zu sprechen: Der Schoss ist noch fruchtbar. Und es scheint, als würde er jeden Tag ein bisschen fruchtbarer.

Pünktlich zu den Feierlichkeiten zum Ende des Zweiten Weltkrieges verkündet das EU-Mitglied Litauen, einen Zaun an der Grenze zu Kaliningrad errichten zu wollen. Hingegen renoviert Russland das Kant-Haus in Kaliningrad. Zu einer solchen Geste der Wertschätzung ist Wladimir Putin in der Lage. Unsere Eliten sind es dagegen nicht. Im Gegenteil. Bei uns wird ganz regelmäßig zum Rückbau der wenigen Rudimente an Erinnerungskultur aufgerufen.

Wir schreiben uns zwar gern auf die Fahne, historische Verantwortung zu tragen, aber im Hinblick auf Russland gelingt das nicht. Ganz im Gegenteil ist die aktuelle Haltung Deutschlands angesichts der geschichtlich einmaligen Grausamkeit und unvorstellbaren Brutalität gegenüber den Völkern der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg in tiefer Weise würdelos.