Hype um Nawalny: Warum auch der neue Held der Westmedien in Russland scheitern wird

Hype um Nawalny: Warum auch der neue Held der Westmedien in Russland scheitern wird
© Sputnik/Kirill Kallinikov
Im nächsten Jahr wird der russische Präsident gewählt, und glaubt man dem westlichen Mainstream, hat Blogger Alexej Nawalny eine echte Chance, Putin zu entthronen. Allerdings entspringt diese Hoffnung einmal mehr dem eigenen Wunschdenken.

Je wichtiger die "Haltung" im westlichen Medienmainstream wird, umso mehr ersetzt die Wunschvorstellung die Realität. Bis dato behelfen sich die darin versammelten Volkserzieher vielfach damit, dem gewünschten Zustand entgegenstehende Fakten so zu präsentieren, dass der Narrativ als solcher unangetastet bleiben kann – indem man an der richtigen Stelle überbetont oder weglässt. Manchmal hält man sogar bis zum letzten Augenblick an ihm fest und geht, sobald die Blütenträume geplatzt sind, zur Tagesordnung über, als wäre nichts geschehen.

Alexej Nawalny beim Marsch zum Gedenken an Boris Nemzow am Jahrestag der Ermordung des Ex-Politikers am 16. Februar 2016.

Früher kannte man dieses Vorgehen von politischen Randgruppen: Im Jahr 1989 suggerierten die Wochenzeitungen des nationalistischen westdeutschen Frey-Konzerns monatelang und bis zum Tag vor der Wahl, der Einzug des von der DVU geführten Rechtsbündnisses ins Europaparlament stehe praktisch fest – am Wahltag selbst ging man tatsächlich mit 1,6 Prozent baden.

2012 wurden libertäre Medien nicht müde, ihren favorisierten US-Präsidentschaftskandidaten Ron Paul zum sicheren nächsten Amtsinhaber im Weißen Haus zu stempeln und zitierten jeden noch so irrelevanten Straw Poll, um diese Ansicht zu untermauern – bis klar wurde, dass Mitt Romney deutlich die Vorwahlen gewinnen würde. Vier Jahre später war ähnliches mit Blick auf Bernie Sanders zu bemerken.

Die sogenannten Qualitätsmedien neigten nach dem Fall der Berliner Mauer im Wendejahr 1989 dazu, über mehrere Wochen hinweg zu erklären, die Menschen in der DDR würden nur einen reformierten eigenen Staat wollen, nie und nimmer aber eine Wiedervereinigung. Die machtvollen Demonstrationen unter dem Motto "Wir sind ein Volk" zeigten, dass sie Unrecht hatten.

Im nächsten Jahr finden in der Russischen Föderation Präsidentschaftswahlen statt, und die westlichen Qualitätsmedien haben ihren "Ron Paul" entdeckt. Der Blogger Alexej Nawalny ist nicht nur zu ihrem Lieblings-Kremlkritiker avanciert, sie sind offenbar auch fest davon überzeugt oder vermitteln zumindest den Eindruck, dass Nawalny reelle Chancen hat, den regierenden Präsidenten Wladimir Putin aus dem Amt zu verdrängen.

Postfaktische Pippi-Langstrumpf-Welt

Seitenlange Berichte, Interviews, Reportagen suggerieren dem Leser, Nawalny wäre ein beliebter Volkstribun, der nicht nur über eine bedeutsame Anhängerschaft verfüge, sondern auch noch über eine klare Strategie und ein ausgereiftes Programm, um die Regierungsgeschäfte zu übernehmen. Sollte es dem vermeintlich populären Oppositionsführer, der auch beim Guardian, bei BBC, bei Bloomberg und anderen namhaften Medienredaktionen in aller Munde ist, gelingen, sich durchzusetzen, würde er das darbende russische Volk endlich in eine liberale Demokratie nach westlichem Vorbild führen und vielleicht auch noch mit dem Ausdruck des Bedauerns für entstandene Unannehmlichkeiten die Krim an die Ukraine zurückgeben.

Das einzige Problem: Es ist einmal mehr eine postfaktische Pippi-Langstrumpf-Welt, die der westliche Mainstream seinen Konsumenten serviert, wenn er den Eindruck erweckt, hier schicke sich ein liberaler Messias, der irgendwo in einer Reihe mit Obama, Merkel und Macron steht, an, die finsteren Dämonen aus dem Kreml zu vertreiben – und nur dunkle Machenschaften würden ihn noch stoppen können.

Möglicherweise steckt nicht in jedem Fall Manipulationsabsicht dahinter, wenn Russland-Korrespondenten internationaler Medien unablässig verkünden, wie beliebt Nawalny in der Bevölkerung sei. In Moskau verfügt der Blogger tatsächlich über einen durchaus nennenswerten Rückhalt.

Stimmung in einer Großstadt nicht repräsentativ für 85 Föderationssubjekte

Die 29 Prozent, die er 2013 bei den Oberbürgermeisterwahlen erzielen konnte, waren ohne Zweifel ein Achtungserfolg. Allerdings konnte er den Amtsinhaber Sergej Sobjanin auch damit nicht ernsthaft gefährden, der bereits im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit erzielen konnte. Diese 29 Prozent in der eigenen Hochburg relativieren sich zudem, wenn man beispielsweise bedenkt, dass die SPD in Bayern ihr bestes Nachkriegsergebnis im Jahr 1966 mit 35,8 Prozent erzielt hatte und bereits mit Resultaten um die 30 Prozent, wie sie noch bis 1994 realistisch waren, als marginalisiert galt.

Außerdem sollte nicht zuletzt seit der US-Präsidentenwahl 2016 jedem Korrespondenten klar sein, dass die Stimmungslage in den größten Metropolen eines Landes nicht unbedingt repräsentativ sein muss für die Stimmungslage insgesamt. Dies gilt auch für die Russische Föderation, wo 90 Prozent der Wähler in den Provinzen leben, wo Nawalny in aller Regel nicht einmal über Strukturen verfügt.

Ein weiterer Narrativ, den westliche Journalisten glauben, weil sie ihn glauben wollen, ist jener vom vermeintlichen Wandel und der Läuterung des lupenreinen Ultranationalisten. Aber so wenig, wie der Maidan in der Ukraine ohne den Rechten Sektor auskam, und so wenig, wie die vom Westen unterstützten Islamisten in Syrien moderat sind, so wenig hat Alexej Nawalny sich vom Nationalismus losgesagt und zum westlichen Liberalismus bekehrt.

Zynischer Taktiker ohne Sympathien für liberale Ideen

Im Guardian selbst erklärte Nawalny erst vor wenigen Tagen, dass er keinen Anlass dafür sehe, sich von früheren Videos zu distanzieren, in denen er Einwanderer aus dem Kaukasus als "Kakerlaken" bezeichnet hatte.

Nawalny setzt auf maximale Provokation und auf eine Strategie des Entrismus. Er drängt überall, wo er Proteststimmung wittert, an die Mikrofone, auch wenn ihn niemand eingeladen hat, und versucht, dort seine Botschaft abzusetzen. Sein Kalkül ist, dass sich alle fundamental-oppositionellen Kräfte seiner Prominenz wegen hinter ihn scharen werden, weil sie vor dem Hintergrund ihrer Bedeutungsarmut keine andere Wahl hätten. Und die ausländischen Unterstützer meint er, instrumentalisieren zu können, um am Ende selbst eine nationalistische Gegenmacht etablieren zu können.

Demonstranten gegen das Renovazija-Gesetz in Moskau. Bild: Ulrich Heyden

Eine jüngst vom Kommersant in Auftrag gegebene Umfrage des vom Westen mitfinanzierten Umfragezentrums Lewada ergab, dass bei der Sonntagsfrage zur Präsidentenwahl 48 Prozent für den amtierenden Amtsinhaber Wladimir Putin votierten, jeweils drei Prozent für den Nationalpopulisten Wladimir Schirinowski und den Kommunisten Gennadi Sjuganow, aber nur ein Prozent für Nawalny. Zwar erklärten insgesamt 42 Prozent, noch unentschlossen zu sein oder nicht zur Wahl gehen zu wollen - aber selbst wenn man diese im Sinne einer Wahrscheinlichkeitskalkulation auf der Basis des Modells des kanadischen Akademikers Paul Robinson hochrechnet, würde Nawalny kaum über zwei Prozent hinauskommen. In jedem Fall bleibt Putin deutlich voran und selbst die beiden Polit-Altstars aus der parlamentarischen Opposition würden voraussichtlich vor dem Blogger landen.

Linke oder AfD werden in Deutschland nicht weniger "unfair" behandelt

Auch die von westlichen Medien gerne bemühte These von den angeblich allmächtigen "kremlgesteuerten" Medien, die den Hoffnungsträger systematisch benachteiligen und ihm keine Chance lassen würden, hält einer näheren Überprüfung nicht stand.

Wie die Zeitung Wedemosti unter Berufung auf das Forschungsinstitut Medialogy berichtet hat, hat sich die Zahl der Erwähnungen Nawalnys in russischen Medien im Laufe der letzten zwölf Monate verfünffacht. Damit ist er auf Platz 6 unter den meistgenannten Politikern der Welt hinter Wladimir Putin, US-Präsident Donald Trump, Premierminister Dmitri Medwedew, Pressesprecher Dmitri Peskow und dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko. Nawalny wird öfter in russischen Medien erwähnt als beispielsweise Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin, den er noch vor vier Jahren herausgefordert hatte.

Der Direktor des Levada-Zentrums, Lew Gudkow.

Inwieweit die Berichte kritisch, positiv oder neutral sind, geht aus dem Beitrag nicht hervor. Selbst wenn man davon ausgeht, dass die Tendenz in den regierungsnahen Medien kritischer sein dürfte als jene in den nichtsystemisch-oppositionellen Publikationen und Fernsehstationen, dürfte Nawalny vergleichsweise kaum eine schwierigere Ausgangsposition vorfinden als führende Politiker der Linken oder der AfD in Deutschland.

Internet als Gegenöffentlichkeit

Abgesehen davon ist dem Meinungsforschungsinstitut WZIOM zufolge nur noch für 52 Prozent der Russen das Fernsehen die primäre Informationsquelle, während bereits 32 Prozent vorrangig das Internet nutzen. Dort verfügt Nawalny über eine Gegenöffentlichkeit von Millionen Followern auf Twitter, Facebook und VKontakte sowie einen viel frequentierten YouTube-Channel. Der Zugang zur Öffentlichkeit fehlt ihm also ebenso wenig wie US-Präsident Donald Trump.

Allerdings nützt es Nawalny im eigenen Land wenig, wenn er im Ausland beliebter ist als dort. Exakt dies scheint aber der Fall zu sein. Der westliche Mainstream ergeht sich ungeachtet dessen in Wunschdenken und Selbstgerechtigkeit. Das Festhalten am ideologischen Dogma und an der obligatorischen Schwarz-Weiß-Schablone verhindert jedes kritische Reflektieren des eigenen Narrativs. Und so wird wohl auch weiterhin kolportiert werden, dass Nawalny der logische Sieger der kommenden Wahlen sein würde – und wenn es nicht klappen sollte, waren wieder einmal angeblich unfaire Bedingungen schuld.

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