RT-Exklusiv-Interview zum Anschlag in Sankt Petersburg: „Alles deutet auf Terroristen in Syrien hin"

RT-Exklusiv-Interview zum Anschlag in Sankt Petersburg: „Alles deutet auf Terroristen in Syrien hin"
Russland wird nach dem Anschlag in der U-Bahn von Sankt Petersburg die Drahtzieher und deren Ursprung in Syrien suchen. Dies hat der Professor für Politikwissenschaften an der staatlichen Universität von Moskau, Doktor Kerim Has, im Interview mit RT Deutsch erklärt. Russische Regierungsstellen haben sich bisher mit Verweisen auf Tatverdächtige zurückgehalten und auf laufende Untersuchungen verwiesen.

von Ali Özkök

Welche Gruppierung könnte hinter dem Anschlag mit derzeit zehn Toten in Sankt Petersburg stehen?

Explosion in U-Bahn in Sankt Petersburg - mehrere Verletzte

Die Wahrscheinlichkeit, dass hinter dem Angriff eine syrische Gruppierung steht, ist im Falle der Explosionen in der U-Bahn von Sankt Petersburg groß. In diesem Zusammenhang gibt es zwei Möglichkeiten: Es war die Terrormiliz „Islamischer Staat“ oder es war eine Rebellengruppe aus Nordwestsyrien, die von Russland und anderen Staaten als terroristisch eingestuft wird.

Gibt es Parallelen zu anderen Anschlägen, die zu terroristischen Gruppen in Syrien zurückzuführen sind?

Die Art des Anschlags, dass gezielt Zivilisten mit einer Splitterbombe ins Visier genommen werden, erinnert stark an die Praktik des „Islamischen Staates“, die wir schon in anderen Ländern wie der Türkei beobachteten.

Warum verübt eine Gruppe solch einen Anschlag?

Der IS verliert in Syrien und Irak zuletzt deutlich an struktureller Macht, was es auf eine Organisation reduziert und radikalisiert. Der IS könnte mit dieser Initiative ein Ausrufezeichen setzen wollen.

Welche Folgen könnte der Bombenangriff für Russlands Militärkampagne in Syrien haben?

Sollte sich der IS als Drahtzieher entpuppen, dann wird das dazu führen, dass sich Russland aktiv an den Operationen gegen die selbsternannte Hauptstadt des IS, in Rakka, beteiligen wird. Die Wahrscheinlichkeit, dass Moskau eine enge Zusammenarbeit mit den USA und kurdischen Kräften der PYD eingeht, ist groß. Russland wird ein Zeichen setzen wollen.

Wenn sich andere Elemente hinter dem Anschlag verbergen, die auf die Rebellenhochburg im nordwestlichen Idlib zurückzuführen sind, dann wird Russland seine laufenden Luftangriffe anziehen. Die Rebellenprovinz Idlib, in der sich auch islamistische Rebellen wie die Gruppierung Hayat Tahrir Sham aufhalten, ist dann nicht mehr sicher. Das russische Militär wird mit großer Wahrscheinlichkeit eine Operation vorantreiben.

Bedeutet es, dass Russland sein Engagement in Syrien militärisch ausbaut?

Wie auch immer, ich glaube nicht, dass Russland Bodentruppen nach Syrien schicken wird. Eine Reaktion, die konventionelle Bodentruppen beinhaltet, schließe ich aus. Ausgeschlossen davon sind neue Sondereinsatzkräfte und Militärberater, die den Kampf gegen den IS oder dschihadistische Rebellen vorantreiben.

Einsatzkräfte vor der U-Bahn-Station Sennaya Ploshchad.

Für Russland könnte der Anschlag aber auch ein Wendepunkt in den Friedensverhandlungen von Astana sein. Moskau wird diesen Anschlag als Beweis für die Notwendigkeit von Frieden nutzen und die Verhandlungsparteien zu Konzessionen aufrufen.

Wie könnte sich der Angriff innenpolitisch für Russland auswirken?

Das ist der dritte größere Angriff auf russische Bürger, der im Zusammenhang mit der russischen Militärkampagne in Syrien seit September 2015 steht. Bemerkenswert ist, dass der Angriff nicht nur stattfand, während der russische Präsident Putin ein Staatstreffen mit dem weißrussischen Präsidenten Lukaschenko hatte. Sankt Petersburg ist auch die Tourismus- und Kultur-Hauptstadt Russlands. Der Terroranschlag traf Russland mitten ins Herz. In Sankt Petersburg beginnt zu dieser Zeit für gewöhnlich die Reisesaison.