Blinder Fotograf Alexander Schurawljow: "Meine Empfindungen sind das wichtigste Instrument"  

Blinder Fotograf Alexander Schurawljow: "Meine Empfindungen sind das wichtigste Instrument"  
Auch ohne Sehvermögen den Menschen die Schönheit der Welt zeigen: Der blinde russische Fotograf Alexander Schurawljow stellt derzeit seine Werke in Moskau aus.
Momentan findet in Moskau eine Ausstellung des blinden Fotografen Alexander Schurawljow statt. Um zu fotografieren, reist der Künstler durch zahlreiche Länder und Kontinente. Was ihm sein Augenlicht nicht mehr ermöglicht, ersetzt Schurawljow durch Intuition.

Der blinde Fotograf Alexander Schurawljow ist sich absolut sicher, dass man ein Foto schießen kann, indem man sich nicht auf seine Augen, sondern lediglich auf seine inneren Gefühle und seine Vorstellungskraft verlässt. Seit er mit elf Jahren sein Sehvermögen zu 98 Prozent eingebüßt hat, kann er nur noch einzelne Umrisse sehen und zwischen Licht und Dunkelheit unterscheiden.

Als meine Sehkraft nachließ, verschärften sich sofort das Gehör, der Tastsinn, der Geruchsinn, der Geschmack, aber auch solche inneren Mechanismen wie die Intuition. Eben das sind meine wichtigsten Instrumente", sagt Alexander Schurawljow in seinem Exklusiv-Interview mit RT.

Die Lust, Fotos zu schießen, übermannte den 30-Jährigen auf Reisen. Von einem bestimmten Tag an wollte der blinde Traveller seine Impressionen festhalten und teilen. Also griff Alexander Schurawljow kurzerhand nach seinem Handy und begann, abzudrücken.

Da meine Sehkraft früher hundertprozentig war, übertrage ich jene Vision in die Gegenwart. Manchmal vergesse ich sogar, dass ich blind bin. Eben diese Vision des Ganzen ermöglicht mir, Fotos zu schießen. Ich sehe Formen und versuche, den jeweiligen Blickwinkel perspektivisch zu verinnerlichen. Meine Sicht geht aus dem Inneren nach außen", erklärt Alexander Schurawljow seine künstlerische Vorgehensweise.        

Alexander Schurawljow fiel es zuerst schwer, seine Ängste zu überwinden. Aber nach und nach traute er sich immer weiter weg von seiner Hausschwelle. Auf längere Spaziergänge folgten Wanderungen und Reisen. Auf diese Weise erkundete der 30-Jährige zuerst seine Heimatregion Ural – zu Fuß, im Bus und im Zug. Außerdem besuchte der blinde Reisende Polen und Indien.        

Um die besten Fotos auszuwählen, wendet sich Alexander Schurawljow an seine Freunde. Mitunter fallen die Impressionen der Zuschauer nicht mit den Gefühlen zusammen, die der blinde Traveller beim Aufnehmen empfunden hat. – Aber das sei das Interessanteste an seiner Arbeit, findet der Künstler. Es mache ihm viel Spaß, die Eindrücke nachzuvollziehen, die andere Leute beim Betrachten seiner Werke empfinden. Der 30-Jährige weiß genau, dass er seinen Mitmenschen auch trotz des fehlenden Sehvermögens die Schönheit dieser Welt vor Augen führen kann. Sein Werk gibt anderen behinderten Menschen Kraft, nicht aufzugeben und nach einem Ausweg zu suchen.

Die Welt, in der wir leben, kann manchmal erschreckend und sehr kompliziert sein. Die Angst sitzt im Inneren und hält einen zurück. Sie verhindert jede Entwicklung. Denn es gibt sehr viele gesunde Menschen, die Angst haben. Das kann man nur mit Erfahrung überwinden. Wenn man keinen Schritt vorwärts tut, kommt man nicht voran", meint Alexander Schurawljow.

Der Fotograf wird in seinem Schaffen von der Wohltätigkeitsorganisation Belaja Trost (zu Deutsch: Weißer Stab) gefördert, die sehbehinderten Menschen hilft. Alexander Schurawljows Aufnahmen sind derzeit im Rahmen des Projektes "Hinter den Horizont" in Moskau zu sehen.

Die Besucher können sich auch eine Doku über das künstlerische Verfahren des Fotografen anschauen. Deren Regisseur Iwan Sosnin hat seinen Streifen im Ural gedreht. Das war keine leichte Arbeit für das Videoteam, denn zum Zeitpunkt der Dreharbeiten herrschte in der Region eine klirrende Kälte von bis zu 30 Grad Celsius unter dem Gefrierpunkt. Der Filmproduzentin Jana Schmailowa zufolge hätten sich die Filmemacher nur dank dem Beispiel des Filmprotagonisten nicht entmutigen lassen. Alexander Schurawljow sei ihr Motor gewesen.

Der blinde Reisende selbst hat noch keine festen Pläne für die nahe Zukunft. Sein nächstes Ziel könnte Wladiwostok sein.

Ich träume davon, alle Kontinente zu besuchen. Ich will den Unterschied zwischen den Menschen, Völkern, Kulturen und Klimata wahrnehmen, festhalten und wiedergeben", so der Fotograf.

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