Russland: FSB und Kaspersky Lab in Erklärungsnot - Landesverrat im Bereich Cybersicherheit vermutet

Russland: FSB und Kaspersky Lab in Erklärungsnot - Landesverrat im Bereich Cybersicherheit vermutet
Machte sich mit Antivirus-Software einen Namen: Der Gründer des Unternehmens Karpersky Lab, Alexander Kaspersky, in den Räumen seiner Firma 2009.
Anfang Dezember wurde ein Manager der Abteilung für Cyberkriminalität festgenommen. Dies gab sein Arbeitgeber, der Softwarehersteller Kasperky Labs, bekannt. Die Behörden werfen ihm die Weitergabe geheimer Daten ans Ausland vor. Auch der FSB ist betroffen.

Ist etwas faul im Staate Russland? Noch Ende November fungierte Ruslan Stojanow, der Chef der Forschungsabteilung für Internetkriminalität des renommiertesten russischen IT-Unternehmens Kaspersky Labs, in russischen Medien als Experte für Cyberkriminalität. Mit dieser Position galt er im Land als einer der bedeutsamsten Jäger von Bank- und Kreditkartenbetrügern. Die IT-Branche ist in Russland wie auch anderswo angehalten, mit Nachrichten- und Sicherheitsorganen in allen sicherheitsrelevanten Fragen der Cyberkriminalität zu kooperieren.

Gerade diese Schnittstelle erwies sich jedoch möglicherweise als unsicher. Seit Wochen spekulierte die russische Wirtschaftszeitung Kommersant über das Verschwinden des Managers. Dieser war seit 5. Dezember weder in sozialen Netzen aktiv noch über sein Telefon erreichbar. Am 25. Januar gab das Blatt nun unter Berufung auf das Unternehmen bekannt, der Manager sei festgenommen worden.

Laut Kommersant befindet sich auch Sergej Michailow im Polizeigewahrsam – der stellvertretende Leiter des Zentrums für Informationssicherheit (CIB) des russischen Inlandgeheimdienstes FSB. Er ist ebenso seit Anfang Dezember nicht mehr auf seiner Arbeit erschien. Der Beamte war einer der wenigen FSB-Mitarbeitern, die in der Öffentlichkeit aufgetreten sind. Er gilt auch als eine der Schlüsselfiguren, die staatlicherseits die IT-Agenden im Bereich der digitalen Sicherheit koordinieren. 

Eine offizielle Bestätigung für seine Festnahme lieferte FSB bislang nicht. Mehrere brancheninterne Quellen bestätigten Kommersant, der Schluss liege nahe, dass beide Festnahmen in direktem Zusammenhang stehen. Es gehe unter anderem um den Vorwurf der Weitergabe von sicherheitsrelevanten Daten ans Ausland, was den Tatbestand des Landesverrates erfülle.

Experten spekulieren, die Angelegenheit könnte mit der Anfrage eines ausländischen Unternehmens zusammenhängen. Dieses könnte verdeckt im Auftrag des Geheimdienstes seines Landes gehandelt haben. Im Zuge des Skandals um die Hacker-Vorwürfe mit Blick auf bis zu hundert IT-Adressen des russischen Verteidigungsministeriums habe dieses möglicherweise auf informellem Wege bei einem Mitarbeiter der Kaspersky Labs Daten erfragt. Ein solches Vorgehen über Strohmannfirmen sei in solchen Fällen üblich.

Kommersant schreibt bezüglich des Kerns der Geschichte: 

Die Ermittler prüfen zurzeit, ob die Informationen stimmen, dass ein CIB-Mitarbeiter eine Geldsumme von einer ausländischen Organisation bekommen habe, die ein Mitarbeiter einer russischen Firma im Bereich der informationellen Sicherheit vermittelt habe. 

Quelle: Trevor Paglen, CC0

Ruslan Stojanow war im "informellen Austausch" zwischen Behörden und kommerziellen Anbietern sehr aktiv. Es sei durchaus möglich, dass gerade er sich um Kontakte beim FSB bemüht hätte. Gestern teilte Kommersant mit, es gebe insgesamt bis zu drei Personen beim FSB, deren die Verwicklung in mögliche Unregelmäßigkeiten vorgeworfen wird. In dieser Situation sei auch mit der Kündigung des Vorgesetzten von Sergej Michailow, Andrej Gerasimow zu rechnen.

Die Prämie für Leaks solcher Größenordnung liegen im siebenstelligen Bereich. Dennoch: Konnte es sein, dass hohe Beamte und angesehene Cyber-Spezialisten einfach käuflich waren? Der FSB-Offizier Sergej Michailow war in vielen öffentlichen Gremien aktiv und galt nicht nur als Fachmann auf seinem Gebiet, sondern auch als diejenige Person, die die Politik des Staates in Cyberfragen mitprägte.

Alle Verdächtige befinden sich zurzeit in Untersuchungshaft. Die Rechtsanwälte bereiten sich auf ein Verfahren vor. Kasperky Lab beteuert, die Vorwürfe gegen Stojanow stehen in keinem Zusammenhang mit dessen Tätigkeit bei der Firma. Auch der FSB könnte im Endeffekt durch seine Wachsamkeit und sogar gelungene Prävention punkten. Doch unabhängig davon, zu welchem Schluss die Ermittler kommen, wird sich der Skandal für beide Schlüsselakteure der russischen Cybersicherheit eher in rufschädigender Weise auswirken.

Als bester Anbieter auf seinem Gebiet wird Kaspersky Labs auch weiterhin in Cyber-Fragen mit Behörden zusammenarbeiten, denn die Expertise des Unternehmens ist unverzichtbar. Es kann aber sein, dass das Unternehmen künftig ein distanzierteres Verhalten im Umgang mit Behörden pflegen wird, fasst Kommersant zusammen. 

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