Absturz der Tupolew-Passagiermaschine: Rätselhaftes Wendemanöver vor Sotschi

Absturz der Tupolew-Passagiermaschine: Rätselhaftes Wendemanöver vor Sotschi
Auch Tage nach dem Unglück sind die Suchmannschaften im Einsatz.
Bisher ist unklar, warum die russische Passagiermaschine einige Minuten nach dem Start scharf den Kurs änderte. Ein Berater des ukrainischen Präsidenten verhöhnt die 92 Opfer.

von Ulrich Heyden, Moskau

Die ganze Nacht über suchten russische Suchmannschaften nach Überlebenden des Flugzeugabsturzes vor der Schwarzmeerküste bei Sotschi. Am Dienstag fanden sie den Flugschreiber. Das Gerät ist beschädigt, befindet sich aber in funktionsfähigem Zustand.

Eine von Moskau kommende Tupolew war am Sonntagmorgen nach dem Zwischentanken in Adler, einem Vorort des berühmten Kurorts, kurz nach dem Start ins Meer gestürzt. An Bord befanden sich 65 Sänger und Tänzer des berühmten Aleksandrow-Ensembles, das vor russischen Soldaten in Syrien auftreten sollte. Nach dem Unglück hat das russische Verteidigungsministerium angewiesen, dass bis zur Aufklärung der Tragödie von Sotschi keine Passagierflugzeuge des Typs Tupolew 154 mehr starten dürfen. 

Um die Wasseroberfläche auch bei Dunkelheit beobachten zu können, wurden auf den eingesetzten Schiffen Leuchtprojektoren aufgestellt. Vierzehn Tote wurden bisher geborgen. Ein Teil von ihnen wurde bereits nach Moskau zur Identifizierung gebracht.

Rumpf steckt im Schlick des Meeresbodens

Die Trümmer des Flugzeugs liegen in einem Streifen 1,5 bis acht Kilometer längs des Ufers. Um die Suche zu optimieren, wurde die Unglückszone in 16 Sektoren aufgeteilt. Suchmannschaften sind mit 45 Schiffen, fünf Hubschraubern und zahlreichen Tauchern im Einsatz.

Unterdessen konnten bereits zahlreiche Trümmer des Flugzeuges in 25 Metern Tiefe vom Meeresgrund geborgen werden. Die Trümmer waren entlang eines Streifens von 400 Metern Länge verstreut, sagte ein Augenzeuge gegenüber der Nachrichtenagentur TASS. Wie die Nachrichtenagentur Interfax mitteilte, orteten Suchmannschaften in eineinhalb Kilometern Entfernung vom Ufer den Rumpf der Maschine im Schlick des Meeresgrundes.

Augenzeugin beobachtete den Absturz

Wie Nachrichtenagenturen berichteten, hatte die Maschine nach dem Start vom Flughafen Adler nicht die nötige Höhe erreicht und unmittelbar vor dem Absturz scharf um 180 Grad gewendet.

Viele Fragen zum Absturz sind noch offen, schreibt die Internetzeitung Gazeta.ru, unter anderem, "in welchem Winkel fiel das Flugzeug, was machten in diesem Moment die Menschen, die sich im Innern befanden und warum wurde der Kurs der Maschine vor dem Absturz scharf geändert?"

Irina Awdejenko, eine Augenzeugin, die das Flugzeug kurz vor dem Absturz gesehen hatte, erinnerte sich an den hellen Schein der Flugzeugscheinwerfer. Dann habe sie hochschlagendes Wasser gesehen. Die Flugzeugtriebwerke hätten noch vor dem Aufschlag aufgehört, zu arbeiten.

Im Internet tauchte das Video einer Überwachungskamera vom Strand "Ogonjok" auf. Am Horizont ist darin ein Leuchten am Himmel zu sehen.

Russische Medien berichteten jedoch, das Leuchten am Himmel habe einen anderen Grund und das Video sei auch zu einer anderen Zeit aufgenommen worden.

Geheimdienst: Bisher kein Hinweis auf Terrorakt

Die Fluggeschwindigkeit der Maschine war nach Angaben des Geheimdienstes FSB normal. Der Geheimdienst nannte vier mögliche Ursachen für das Unglück: Eintreten eines fremden Gegenstandes in eines der Triebwerke, Kerosin niederer Qualität, ein Piloten- oder ein technischer Fehler. Anzeichen für einen Terrorakt gäbe es nicht. In Internet-Medien wurde jedoch spekuliert, ob die über viele Kilometer verstreuten Wrackteile auf eine Explosion schließen lassen. Eine andere Erklärung für die große Streu-Zone könne jedoch sein, dass ein Aufschlag des Flugzeugs aufs Wasser von der Wucht her ähnlich sei wie ein Aufschlag auf festem Boden.

Die Internetzeitung Lenta.ru meldete, es könne sein, dass die Maschine überladen war. Eine schlechte Qualität des Treibstoffes schließt der Informant von Lenta.ru dagegen aus, da auch andere Flugzeuge in Adler mit dem gleichen Kerosin betankt wurden und es bei ihnen keine Probleme gab.

Die Opfer: Eine bekannte Ärztin, Sänger, Tänzer und Journalisten

Elizaweta Glinka, genannt Doktor Lisa.

Unter den Toten ist auch die bekannte Moskauer Ärztin Jelisaweta Glinka. Sie hatte erst Anfang Dezember von Wladimir Putin im Kreml eine Auszeichnung für ihr Engagement für Kinder in Donezk bekommen. Bei der feierlichen Zeremonie im Kreml hatte Glinka gesagt:

"Wir wissen nie, ob wir lebend zurückkommen, denn Krieg ist die Hölle auf der Erde. Ich weiß, wovon ich spreche."

Unter den Toten von Sotschi sind auch neun Journalisten der russischen Fernsehsender NTW, Swesda und Kanal 1 sowie 65 Sänger und Tänzer des berühmten russischen Aleksandrow-Ensembles. Der Chor des Ensembles ist berühmt für seine Lieder aus dem "Großen Vaterländischen Krieg" der Jahre 1941 bis 1945, aber auch für seine Interpretationen von Queen- und Beatles-Songs. Das Orchester des Ensembles blieb von der Tragödie verschont, weil es in Moskau geblieben war.

Erfahrene Piloten

Wie russische Medien berichteten, waren alle Piloten der Maschine äußerst erfahren. Einer der Piloten hatte 2011 eine Tupolew 154, die zu Reparaturarbeiten von Moskau nach Samara geflogen werden sollte und wegen eines falsch angeschlossenen Stromkabels in der Luft zu "tanzen" begann, sicher zurück zum Start-Flughafen gebracht.

Passagiermaschinen vom Typ Tupolew 154 sind in Russland seit 1971 im Einsatz. Insgesamt wurden 1.026 Maschinen dieser Art gebaut. Bis dato gingen 73 Maschinen des Typs bei Unfällen zu Bruch. Seit 2005 wurden die Flugzeuge vom Typ Tupolew 154 schrittweise außer Dienst gestellt.

Der ehemalige Testpilot der sowjetischen Raumfähre Buran, Magomed Tolbojew, wies in einem Interview darauf hin, dass die abgestürzte Tupolew Eigentum der russischen Luftwaffe war und einer besonders strengen technischen Kontrolle unterlag. Die Außerdienststellung von Flugzeugen des Typs Tupolew 154 sei nicht zwingend. Langstreckenbomber aus Russland (Tupolew 95) und den USA (B 52) aus den 1950er Jahren seien immer noch im Einsatz.

Russischer KP-Chef vermutet "Strafe für Aleppo"

Der russische KP-Chef Gennadi Sjuganow witterte in einer Talk-Show am Sonntagabend einen Terrorakt. Er äußerte:

"Ich habe den Eindruck, dass es kein zufälliges Unglück war. Das war sehr ähnlich wie ein Terrorakt. Das muss man sehr genau untersuchen, weil man uns für unsere Kampfansage an den internationalen Terrorismus bestrafen will."

Niemand widersprach. Mangels belastbarer Fakten wurde die Vermutung in der Diskussion jedoch auch nicht konkretisiert.

Aleksej Puschkow, Mitglied des Föderationsrates, erklärte, Russland müsse sich auf "einen langen Kampf gegen den Terrorismus" einstellen. Die USA versuchten nun schon seit mehreren Jahren mithilfe "nichtstaatlicher Akteure" in regionalen Kriegen, ihren Einfluss auszuweiten. Nötig sei jetzt eine "internationale Koalition gegen den Terrorismus". Die Talkshow-Runde aus Politikern und Politologen machte einen niedergeschlagenen, ratlosen Eindruck. Niemand wusste einen Rat, wie man die von Russland geführte Anti-Terror-Koalition um westliche Länder erweitern und so schlagkräftiger machen kann.

Tausende von Likes für Häme und Spott

Nicht alle Russen und nicht alle Ukrainer trauern indessen über den Absturz der Passagiermaschine. Einige Internet-User äußerten Genugtuung oder meinten, es sei ihnen egal. Einige meinten, der Absturz sei die logische Folge des russischen Militäreinsatzes in Syrien. Die bekannte oppositionelle russische Journalistin Rosa Zwetowa warnte, es mit den Rachegefühlen nicht zu übertreiben. An ihre eigene Klientel gewandt meinte Zwetowa, einige hätten wohl "völlig die Orientierung verloren". Über "Tote, die ungeschützt sind", richte man nicht, schrieb die Journalistin.

Im ukrainischen Internet sorgte Juri Birjukow, Berater von Präsident Petro Poroschenko und Experte für die Ausrüstung der ukrainischen Armee, für Aufsehen. Birjukow hatte via Facebook mitgeteilt, "die Bewohner der Nachbar-Horde [gemeint ist Russland, U.H.] verstehen wirklich nicht die Gründe, warum wir uns über den Tod von 80 Angehörigen der Armee der Horde freuen". Angeblich hätten sich auch russische Artillerieschüler gefreut, als sie ein angebliches "Übungsschießen" auf die 72. und 79. Brigade der ukrainischen Streitkräfte veranstaltet hätten. Sie hätten sogar Lieder gesungen. Er habe jetzt "nur einen Wunsch", schreibt der Präsidentenberater, nämlich "eine Flasche Bojaryschnik zur Botschaft der Horde zu bringen" [gemeint ist die Botschaft von Russland in Kiew]. "Bojaryschnik" nennt sich der alkoholhaltige Badezusatz, an dem in Sibirien in den letzten Wochen über 70 alkoholabhängige Menschen gestorben sind.

Der Post des Präsidentenberaters bekam 6.700 Likes und wurde 780-mal geteilt. Das ist schon ein deutliches Zeichen, wie tief ein Teil der ukrainischen Gesellschaft in den extremen Nationalismus abgerutscht ist.

Der Großteil der Ukraine hat sich aber ihre menschliche Würde bewahrt und schweigt oder zeigt seine Trauer. Der ukrainische Blogger Anatoli Schari postete ein Video, auf dem zu sehen ist, wie Menschen in Kiew rote Nelken in den Gitter-Zaun vor der russischen Botschaft stecken und Kerzen aufstellen. Auch die beiden Leiter des ukrainischen Oppositionsblockes, Wadim Nowinski und Juri Bojko, legten Blumen an der russischen Botschaft in Kiew nieder.

"Verlust ethischer Normen"

Der ukrainische Oppositionspolitiker Viktor Medwetschuk warf ukrainischen Regierungspolitikern vor, diese würden über Tote spotten. Nach Meinung des Politikers hat die ukrainische nationale Idee "moralische und ethische Prinzipien aus dem Bewusstsein der ukrainischen Macht verdrängt".

Dass russische User jemals Freude oder Spott über den Tod von ukrainischen Soldaten geäußert hätten, ist dem Autor dieser Zeilen nicht bekannt. Das scheint eine Spezialität des ukrainischen Nationalismus zu sein.

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