Ein Semester in St. Petersburg: Geeks, Blockchain und Technobroker

Ein Semester in St. Petersburg: Geeks, Blockchain und Technobroker
Auch an Robotern wird gebastelt: Start-ups die es in Russland schaffen, schaffen es überall.
Der Austauschstudent Danilo Flores widmet sein Studium eigentlich den Rechtswissenschaften und der Philosophie. Doch die heimliche Leidenschaft des Hamburgers gilt neuen Technologien wie der Blockchain. In St. Petersburg findet unser Gastautor die idealen Vorrausetzungen für seine Start-up-Idee.

von Danilo Flores

Die Juristenausbildung besteht ja eigentlich nur darin, das umfangreiche Regelwerk eines gigantischen „Monopoly“-Spiels zu erlernen. Keine Lust mitzuspielen? Da entpuppt sich der gesellige Spieleabend schnell als Geiselnahme. Der Mitspieler, der die Bank verwaltet, bittet einen dann mit gezückter Klinge zurück an den Tisch. Wenn man schon gezwungen ist, sich durch eine tausende Seiten dicke Spielanleitung zu kämpfen, sollte man aus der Not eine Tugend machen. Ich persönlich möchte das dröge Juristenwissen für die spätere berufliche Selbstständigkeit fruchtbar machen.

Das Ethereum-Logo vor Zeilen des Programmcodes: Viel heiße Luft oder das nächste große Ding?

Mein Weg dorthin: Ein eigenes Start-Up. Das Geschäftsmodell? So viel kann ich verraten: Es geht um Wertschöpfung auf einem Nischenmarkt in der maritimen Wirtschaft mithilfe neuartiger „Blockchain“-Technologie. Die Blockchain gilt in Insiderkreisen als Mega-Innovation – von der Tragweite her am ehesten mit dem Internet vergleichbar. Grob gesagt, handelt es sich bei einer Blockchain um ein verstreutes Verzeichnis, das digitale Urkunden an verschiedenen Punkten in einem Netzwerk ablegt. Dadurch entfällt die Notwendigkeit einer zentralen Beglaubigungsinstanz. Sprich: Die Bestätigung des Eigentums an einer Wohnung erfolgt nicht mehr durch das Grundbuchamt, sondern durch ein Netzwerk von harmonisierten Knotenpunkten, die alle auf dem selben Stand sind. Fälschungsversuche scheitern am Konsens des Netzwerkes.

Die nächtliche Arbeit in der Küche der Wohnheimswohnung hat sich ausgezahlt. Ich habe ein schlankes einseitiges Konzeptpapier ausgeheckt. Damit bewerbe ich mich um die Teilnahme an einem Workshop für „Technobroker“ an der Petersburger ITMO Universität – Russlands bester Adresse für Informationstechnologie. Mir kommt die russische Gelassenheit im Umgang mit Fristen entgegen. Eine Bewerbung ist auch wenige Tage vor Beginn der Veranstaltung noch möglich. Und tatsächlich – ich werde angenommen!

Ursprünglich bin ich auf die ITMO Universität durch Meldungen im Internet aufmerksam geworden. Darin ging es um die Siege des ITMO-Teams beim von IBM gesponsorten „ACM-ICPC International Collegiate Programming Contest“, dem weltweit prestigeträchtigsten Wettbewerb für junge Programmierer. Das ITMO-Team belegt hier regelmäßig den ersten Platz. Inzwischen werden die Petersburger Programmiercracks von anderen Universitäten als Coaches gebucht. Russland hat nicht nur die graziösesten Ballerinas, sondern auch die smartesten Geeks.

Lichtspiel an der St. Isaac-Kathedrale in St. Petersburg.

Im Einführungsvortrag geht es darum, welche Eigenschaften einen „Technobroker“ ausmachen. Was sich anhört, wie der Name einer Berliner Partyreihe, bezeichnet einen Mittelsmann im Innovationszyklus. Der Technobroker ist ein Brückenbauer zwischen Forschung und Wirtschaft, ein Macher mit dem richtigen Riecher für das kommerzielle Potenzial von Tüfteleien. So wie der Modelcoach in dem schlaksigen Mauerblümchen das nächste Supermodel erkennt, so vermag der Technobroker den kuriosen Prototypen in ein marktreifes Endprodukt zu verwandeln.

Eine Besonderheit der russischen Innovationslandschaft ist das Fehlen eines institutionellen Akteurs wie etwa des deutschen Fraunhofer Instituts, das sich ganz dem sogenannten Technologietransfer widmet. Darunter ist die Veredelung von Erkenntnissen der Grundlagenforschung zu fertigen Anwendungen zu verstehen. Für den umtriebigen Technobroker tun sich da gewaltige Chancen auf. Man muss nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein.

Im Anschluss erzählt uns Igor Rozhdestwenski - Geschäftsführer der Unternehmensberatung „Martal Consulting“ und ehemaliger Direktor des Petersburger Start-Up-Inkubators „INGRIA“ - mehr über die spezifischen Marktbedingungen für Start-Ups in Russland. Das ganze Land, meint er, sei ein einziges Start-Up. Ziehe man in Betracht, dass der Zusammenbruch der Sowjetunion erst zwanzig Jahre zurückliege, dann habe Russland innerhalb kürzester Zeit ganz beträchtliche Fortschritte auf den verschiedensten Sektoren gemacht.

Diesen Newcomer-Bonus, denke ich mir, gilt es auszunutzen. Zwar findet man hier als junges Unternehmen keine so eingespielte Förderungsinfrastruktur vor wie beispielsweise in Deutschland. Aber verhätschelte Kinder wachsen nicht unbedingt zu erfolgreichen Erwachsenen heran. Wer es in Russland schafft, der schafft es überall. Und das wichtigste Kapital eines Start-Ups gibt es hier zuhauf: Talent.

St. Petersburg bei Nacht - Die Stadt zieht zunehemend chinesische Touristen an.

Nach weiteren Vorträgen, unter anderem über die Erstellung eines Businessplans oder die Rolle des Marketings bei der Unternehmensgründung, schließt die Veranstaltung mit der Präsentation eines ITMO-Forschers vom Institut für Photonik und optische Informationstechnologien. Seine Erfindung: eine auf Quantenverschlüsselung basierende Kommunikationstechnik. Da kann selbst die NSA nicht durchs Schlüsselloch gucken.

Die übrigen Teilnehmer des Workshops stellen sich und ihre Projekte am Schluss noch einmal in einer Art Speed-Dating vor. Ich höre von fluoreszierender Leuchtschokolade und Hochenergiegeneratoren. Jetzt geht es in die nächste Phase der Technobrokerage School: Die Gruppen, die sich während des Workshops zusammengefunden haben, werden ihre Geschäftsidee im nächsten Jahr vor einem Gremium von Fachleuten und Investoren präsentieren. Mein Projekt ist noch im Rennen.

ForumVostok
MAKS 2017