Zeit für russisches Kino – Filmfestival in Tallinn trotzt Sanktionswahn

Zeit für russisches Kino – Filmfestival in Tallinn trotzt Sanktionswahn
Symbolbild
Zum mittlerweile 20. Mal kamen internationale Filmschaffende zum "Tallinn Black Nights Film Festival" - diesmal im Jahr des russischen Kinos. Wo die Politik versagt und durch Sanktionen Barrieren schafft, findet die Kunst einen Weg, Grenzen zu überwinden.

Von Olga Banach

In einem Seminar, in dessen Mittelpunkt Fallstudien der russischen Produktionen "The Duelist" und "Ice" stehen, gibt der auch in Russland sehr populäre ukrainische Produzent Alexander Rodnyanski Einblicke in die derzeitige Filmlandschaft Russlands. Zu Beginn seiner Ausführungen sagt er, dass das russische Kino wie ein kranker Mann sei, der nie zum Arzt gehen würde.

Konstantin Raikin im russischen Staatstheater.

Das Problem für die russischen Filmemacher sei der stetige Vergleich mit den berühmten Filmen aus der Sowjetzeit und mit Hollywood. Immer wieder beginge man den Fehler, sich mit bekannten Regisseuren wie Christopher Nolan zu messen. Rodnyanski hat unter anderem die Filme "Cloudatlas" und "Sin City" produziert.

Gerade jetzt, durch den sanktionsbedingten Verfall der russischen Währung, biete Russland als Produktionsland günstige Bedingungen. Russische Firmen hingegen stünden vor dem Dilemma, dass die Zuschauer aufgrund ihres geringeren verfügbaren Einkommens wählerischer geworden seien, was die Auswahl der Filme beträfe, die sie im Kino sehen.

In Russland sei, wie auch in den europäischen Ländern, der Staat die Hauptfinanzierungsquelle der Filmwirtschaft. Dies bedeute Chancen für die Filmemacher, aber auch die Gefahr, dass es nicht die künstlerisch besonders wertvollen Filme wären, die auf die Leinwand gelängen, oder dass die falschen Gremien entscheiden. Die monetären Töpfe, die dem russischen Kino im Wege der Filmförderung bereitgestellt würden, wären in diesem Jahr von 200 Millionen Dollar auf 100 Millionen reduziert worden.

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Was Russland und der russische Film daher brauchen, sind Ko-Produktionen mit internationalem Touch. Er bekäme sehr viele Vorschläge aus Hollywood, macht Rodnyanski deutlich. Aber die Geschichten seien immer die gleichen: Kostümfilme ohne aktuellen Bezug.

Das Gros der russischen Kinogänger ist um die 25 Jahre alt. Einen Markt für "Video-on-Demand" wie in Europa gibt es in Russland kaum. Die meisten sehen sich die Filme illegal online an. Nicht zuletzt die weit verbreitete, klischeehafte Darstellung von Russen in Hollywoodproduktionen tragen dazu bei, dass diesbezüglich auch wenig Unrechtsbewusstsein vorhanden ist.

Alexander Rodnyanski meint dazu:

Russland fühlt sich vom Westen dämonisiert. Das Publikum will sich als Helden sehen.

Russische Filme haben es schwer, abseits von Festivals ein internationales Publikum zu finden, meint der Produzent. Im persönlichen Gespräch mit Rodnyanski, in dem ich nach möglichen Kooperationen zwischen Deutschland und Russland frage, sagt er, es gäbe vor allem mit Akteuren aus Ost-Deutschland immer noch Möglichkeiten der Zusammenarbeit.

Jürgen Boos, Chef der Frankfurter Buchmesse, im Gespräch mit RT Deutsch.

Mit einem Budget von neun Millionen Dollar ist der von ihm mitproduzierte Film "The Duelist" ein Film, der sich durch seine Bildersprache und hohe Produktionsqualität durchaus mit Hollywood messen und einen internationalen Erfolg erzielen könnte.

Gerade dieser Film dürfte den Geschmack Hollywoods treffen: imperiales Russland, imposante Kostüme und Drehorte, gepaart mit schnellen Schnitten und erstklassigen Effekten.

Am selben Abend des Festivals lädt die Ukraine zu einem Abendessen und Empfang. Die russischen Sprecher, die am Nachmittag noch zugegen waren, fehlen auf der Veranstaltung.

Eine ukrainische Produzentin bedauert dies:

Es ist schade. Wir Ukrainer und Russen haben so viel gemeinsam, geschichtlich und kulturell. Ich bin ukrainisch-russisch und verstehe den Konflikt nicht.

Sie zeigt mir eine Filmidee für einen Dokumentarfilm, in dem es um gestohlene Teile ukrainischer Nuklearwaffen gehen soll. Bis heute wisse niemand, was mit diesen geschehen sei.

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