Umfrage zu russischem Protestpotenzial: Wenig Interesse an politisch motivierten Demonstrationen

Nicht alle Russen sind mit den Verhältnissen im Land zufrieden. Auf den Straßen wollen trotzdem nur wenige dagegen protestieren. 
Bild: Teilnehmer einer Kundgebung auf dem Leninplatz in Novosibirsk.
Nicht alle Russen sind mit den Verhältnissen im Land zufrieden. Auf den Straßen wollen trotzdem nur wenige dagegen protestieren. Bild: Teilnehmer einer Kundgebung auf dem Leninplatz in Novosibirsk.
Die jüngste Umfrage des Lewada-Zentrums zur Einstellung der Bevölkerung gegenüber ökonomisch und politisch motivierten Protesten hatte zum Ergebnis, dass es weiten Teilen der Bevölkerung dazu schlichtweg an Bereitschaft fehlt.

Über 80 Prozent der im Rahmen der Studie des Lewada-Zentrums Befragten sind offenbar grundsätzlich nicht bereit, an politisch oder ökonomisch motivierten Protesten teilzunehmen. Zudem ist sich die Mehrheit der Befragten sicher, dass Proteste in ihren Regionen eher unwahrscheinlich sind.

Der Direktor des Levada-Zentrums, Lew Gudkow.

Lediglich 18 Prozent glauben, dass es zu ökonomisch motivierten Massenprotesten gegen den sinkenden Lebensstandard kommen könnte. Allerdings ist die Bereitschaft, persönlich an solchen teilzunehmen, noch niedriger. Der Anteil derjenigen, die im Fall des Zustandekommens solcher Massendemonstrationen selbst protestieren wollen, beläuft sich auf nicht mehr als 12 Prozent.

Noch weniger Menschen in der Russischen Föderation interessieren sich für Proteste, die mit politischen Forderungen verbunden sind. Von allen Befragten schließen 15 Prozent nicht aus, dass es solche Proteste in Zukunft geben könnte. Die Bereitschaft, selbst daran teilzunehmen, liegt dagegen nur bei zehn Prozent.

Was sind die Gründe für das sinkende Interesse an politischen Kundegebungen in Russland? Ist die Zufriedenheit der Bürger mit den Verhältnissen im Land im Großen und Ganzen intakt? Sind die Massenproteste in den Augen der Menschen unglaubwürdig geworden?

Die Experten des jüngst wegen vermeintlicher Nähe zu ausländischen Interessensträgern in die Schlagzeilen geratenen Instituts warten mit unterschiedlichen Erklärungen auf. Der Stellvertretende Direktor des Lewada-Zentrums, Aleksej Grazhdankin, erklärt die Ergebnisse der Umfrage mit der Enttäuschung der Menschen von den Resultaten der jüngsten Protestwellen.

Die Geschichte der Proteste von 2011/2012 hat gezeigt, dass sich nichts im Land verändert hat. Die Angst vor Ereignissen wie in der Ukraine ist geblieben und die Proteste werden nicht als friedliche Aktionen wahrgenommen. Außerdem sind viele Menschen besorgt, dass die Regierung die Proteste als eine inakzeptable Form des Dialogs mit der Gesellschaft betrachtet: Sie erinnern sich an Haftstrafen in Zusammenhang mit 'Bolotnoe delo'."

Demonstration gegen Parlamentswahlergebnisse in Moskau 24. Dezember 2011
Demonstration gegen Parlamentswahlergebnisse in Moskau 24. Dezember 2011

Auch ein anderer Politologe, Aleksandr Kynew, ist der Meinung, dass die Erfahrungen von 2011/2012 bezüglich der geringen Protestneigung eine gewisse Rolle spielen. Ihm zufolge lässt sich das niedrige Niveau der Protestpotenzials mit einer "Depression" erklären, in welche die Gesellschaft nach den Protesten 2011/2012 gefallen wäre.

Damit ein Protest zustandekommt, bedarf es einer Hoffnung dahingehend, etwas zu erreichen. Heutzutage macht sich unter den Menschen ein Gefühl breit, wonach sie schon einmal protestieren gegangen wären und am Ende das Gegenteil von dem bekommen hätten, was sie sich ursprünglich erhofften." 

Einen weiteren Erklärungsansatz sieht Grazhdankin in der Tatsache, dass es den Regierenden und den Wahlbehörden im Vorfeld der jüngsten Staatsdumawahl gelungen war, die Protestidee zu diskreditieren. Dazu teilt er mit:

Es hat sich keine Erwartung verbreitet, dass die Wahlen gefälscht werden würden. Niemand führt aber eine aktive Kampagne gegen gesetzeskonforme Wahlen, deswegen gibt es auch keine Spannung."

Diesen Gedanken untermauert auch Aleksandr Pozhalov, Politologe und Direktor des Institutes für sozioökonomische und politische Forschung. Er ist der Meinung, dass Menschen von einer ehrlichen Wahl ausgingen und dass der Wahlkampf unter gleichberechtigter Beteiligung aller politischen Kräfte stattgefunden habe.

Auch die liberale Opposition weigerte sich, eine Proteststimmung zu schüren, weil die Oppositionsparteien unter anderem ja auch selbst an den Wahlen teilnahmen. Sie motivierten die Bevölkerung dazu, wählen zu gehen und nicht, zu protestieren."

Die Umfrage wurde im Zeitraum zwischen 26.-29. August unter 1600 Menschen aus 137 Orten durch das Lewada-Zentrum durchgeführt.