Ein Semester in St. Petersburg - Angekommen an der Uni

Die Immatrikulationsfeier für Erstsemester auf dem Akademiker-Sacharow-Platz
Die Immatrikulationsfeier für Erstsemester auf dem Akademiker-Sacharow-Platz
Danilo Flores hat sich für ein Austauschsemester in St. Petersburg entschieden. In den kommenden Monaten wird der Hamburger Jurastudent mit einer eigenen Kolumne regelmäßig von seinem Russland-Aufenthalt berichten. Kurz nach der Ankunft beginnt auch schon das Semester.

von Danilo Flores

Danilo Flores vor seiner Gastuniversität in St. Petersburg.

Am 1. September beginnt in St. Petersburg für Schüler das neue Schuljahr und für Studenten das Herbstsemester. Die allermeisten Stadtbewohner sind aus dem Urlaub zurückgekehrt. Das merkt man unter anderem daran, dass die zeitweilig stehengelassenen Autos verreister Petersburger wieder die Straßen verstopfen. Zwei Millionen Autos gibt es hier bei rund fünf Millionen Einwohnern. Und jede Menge Motorräder. Nach Einbruch der Dunkelheit hört man überall röhrende Motoren und knallende Auspuffe. Die Fahrer der zweirädrigen Rennmaschinen geben Gas und schlängeln sich halsbrecherisch durch den schleppenden Innenstadtverkehr. Die abendliche Straßenbeleuchtung taucht die Szenerie in orangenes Licht. Auf den belebten Straßen, im Gewimmel gut gelaunter Menschen, fühlt man sich wohl.

Mit dem Herbstsemester fängt für viele Erstsemester die Studienzeit erst an. Begrüßt werden die Neuankömmlinge mit einer Immatrikulationsfeier auf dem Akademiker-Sacharow-Platz vor der Bibliothek der Russischen Akademie der Wissenschaften. Selbige befindet sich in der Nähe des Hauptgebäudes der Staatlichen Universität Sankt Petersburg (SPbU) auf der Wassiljewski-Insel. Manche der frischgebackenen Studenten haben sich herausgeputzt und werden von ihren Eltern begleitet. Andere kleiden sich lässig und sind alleine unterwegs. Insgesamt wird der Studienbeginn hier festlicher begangen als in Deutschland. In seiner Rede preist der Rektor Nikolai Kropatschew die SPbU als die beste Uni Russlands. Nicht zu Unrecht: Zahlreiche weltberühmte Wissenschaftler haben hier studiert oder gelehrt, darunter der Chemiker Dmitri Mendelejew, dem wir das Periodensystem verdanken. Erst kürzlich machte ein Team von Petersburger Informatikstudenten Schlagzeilen, als es bei einem der prestigeträchtigsten Programmierwettbewerbe der Welt den ersten Platz errang – noch vor den Konkurrenten aus Harvard und dem MIT.

Rund 250 Menschen aus ganz Deutschland beteiligen sich an der Friedensfahrt von Berlin nach Moskau. Bild: NuoViso.tv

Ich spreche ein Grüppchen von Studenten an, um von ihnen zu erfahren, was sie studieren werden und warum sie sich für diese Uni entschieden haben. Valera, der trotz seiner jugendlichen Erscheinung einen reifen und besonnenen Eindruck macht, antwortet mir als erster. Sein Studienfach: Orientalistik. Das ist die Wissenschaft vom „Orient“, worunter im ursprünglichen Sinne der gesamte Osten, also der nahe und der ferne, zu verstehen ist. An dieser Stelle sei mir ein kurzer Einschub gestattet: Der Begriff „Orient“ steckt auch im Wort „Orient-ierung“. Sich zu orientieren heißt also nichts Anderes als „sich nach Osten wenden“. Eine orientierungslose Gesellschaft ist folglich eine, die sich vom Osten abgewendet hat. Klingelt´s?

Aber nun zurück zu unserem Orientalisten in spe. Ich frage Valera, ob er sich für ein bestimmtes Land interessiere. Seine Antwort kommt prompt: Syrien. Ich bin beeindruckt von der Zielgerichtetheit, mit der dieser junge Mann an sein zukünftiges Studium herangeht. Von den beiden Mädchen, die zu der Gruppe gehören, wird die eine Geographie und die andere Altphilologie studieren. Alle drei kommen aus derselben Gegend an der finnisch-russischen Grenze und haben sich wegen des guten Rufes der SPbU und wegen der Nähe zu ihrem Heimort für St. Petersburg entschieden. Nach seiner Meinung zum Syrien-Krieg gefragt, erbittet sich Valera etwas Bedenkzeit. Schließlich antwortet er, dass er sich einer Meinung enthalten wolle, bis er mehr über den Konflikt wisse. Weise Worte! Ich beglückwünsche Valera zu seiner Studienwahl und teile ihm mit, dass viele Menschen in Westeuropa leider keinen Zugang zu solch hochwertigen Informationen haben werden wie er.

Anmutig wie eine Ballerina sitzt diese Katze auf einem Mauervorsprung und beobachtet die Passanten
Anmutig wie eine Ballerina sitzt diese Katze auf einem Mauervorsprung und beobachtet die Passanten

Der September, so höre ich, gehört zu den schönsten Monaten in St. Petersburg. Mir fällt auf, dass die Petersburger eine Vorliebe für das Taubenfüttern haben. Die Vögel scheinen hier einen besseren Ruf als ihre Artgenossen in Deutschland zu genießen. Ob das daran liegt, dass die Taube ein Symbol für den heiligen Geist ist? Die russisch-orthodoxen Kirchen von St. Petersburg erfreuen sich jedenfalls eines regen Andrangs. Glaube ist keine Privatsache, sondern eine öffentliche Angelegenheit. Aber nicht nur die Tauben werden gut behandelt­: St. Petersburg ist auch eine ausgesprochen katzenfreundliche Stadt. Wer einen Blick in eine der vielen Toreinfahrten wirft, sieht hin und wieder ein Kätzchen in der Abgeschiedenheit eines ruhigen Innenhofes ein wohlverdientes Nickerchen machen.

Auch streunende Katzen bevölkern die Stadt. Einer von ihnen, die sich inmitten des Gedränges an der Sadowaja-Metrostation seelenruhig die Pfoten schleckt, hat man einen Napf mit Futter hingestellt. Als in einem Park eine Katze mit hervortretenden Rippen an mir vorüberzieht, frage ich mich, wie die Katzen von der Straße wohl die kalten Wintermonate überstehen. Da wird mir klar, dass es nicht nur Tiere sind, die den Winter überleben müssen.