"Tag des Wissens": Neue Ministerin weckt Hoffnungen auf Verbesserung des russischen Schulsystems

"Tag des Wissens": Neue Ministerin weckt Hoffnungen auf Verbesserung des russischen Schulsystems
Zu Beginn des neuen Schuljahres und wenige Tage vor der Duma-Wahl hat Russland eine neue Bildungsministerin. Doch ob es Olga Wassiljewa gelingt, die Tendenz zur Unterfinanzierung des Bildungssystems und das ineffiziente Management umzukehren kann, bleibt fraglich.

von Wladislaw Sankin

Jedes Jahr wird am 1. September in der Russischen Föderation und in vielen anderen Ländern der ehemaligen Sowjetunion der Beginn des neuen Schuljahres gefeiert. Passend dazu veranlasste Regierungschef Dmitri Medwedew eine Personalrochade an der Spitze des russischen Bildungssystems. Pünktlich zum 1. September, dem "Tag des Wissens", ersetzte er den glücklosen bisherigen Minister für Bildung-und Wissenschaft, Dmitri Liwanow, der vor allem in der Elternschaft anhaltend in der Kritik stand.

Minister für Bildung-und Wissenschaft, Dmitri Liwanow
Minister für Bildung-und Wissenschaft, Dmitri Liwanow

Medwedew lobte Liwanow auf den nur bedingt dankbaren Posten des Sondervertreters des Präsidenten für Handels- und Wirtschaftsbeziehungen mit der Ukraine weg. Am gleichen Tag, dem 19. August, gab der Regierungschef bekannt, dass die vorherige stellvertretende Leiterin des Ausschusses für gesellschaftliche Projekte beim Präsidialamt, die Historikerin Olga Wassiljewa (56), dessen Nachfolge antreten würde. Wassiljewa wurde am Donnerstag im Rahmen des Festakts zum "Tag des Wissens" in ihr neues Amt eingeführt.

Anhaltende Kritik an Vorgänger Liwanow

Die Absetzung von Liwanow kam nicht überraschend. Der Minister, ein bekannter Physik-Theoretiker und langjähriger Hochschulrektor, der 2012 sein Amt angetreten hatte, genoss seit Monaten den Ruf des unpopulärsten Ministers des Landes. Dabei musste er nicht nur für seine offenbar stark fehlerhafte Hochschulpolitik den Kopf hinhalten, die zu einem permanenten, massiven Streit zwischen dem Ministerium und der Russischen Akademie der Wissenschaften geführt hatte, sondern auch für viele umstrittene Schulreformen seiner Vorgänger geradestehen, die ihren hohen Ansprüchen nie gerecht wurden.

Ein Stein des Anstoßes ist beispielsweise seit Jahren das System des einheitlichen Staatsexamens an den Schulen, das die Schüler unter Druck setzt und, so die oft vertretene Meinung, "wahres", ganzheitliches Lernen beeinträchtigt. Besonders in der Kritik steht das durchgehend auf Multiple-Choice-Basis vonstattengehende Verfahren bei Tests, das selbst in sprachlastigen Fächern zur Anwendung kam und – so die weit verbreitete Kritik - Schülern jegliche Fähigkeit zu sprachlich versierter Beweisführung nehme. Zwar wurde auch unter Liwanow das Examenssystem immer wieder Verbesserungen unterzogen, doch als Technokrat und grundsätzlicher Verfechter der unpopulären Reformen wurde er im letzten Jahr endgültig zum Ballast für die Regierungspartei, die am 18. September ihre absolute Mehrheit verteidigen will.

In diesem Sinne herrscht unter politischen Beobachtern und innerhalb der Bevölkerung die Einschätzung vor, dass der Personalwechsel eher nicht dem Schulstart, sondern vor allem den bevorstehenden Duma-Wahlen geschuldet ist. Was in der Bevölkerung jedoch für besonderes Interesse gesorgt hat, ist die Person der neuen Bildungsministerin selbst. Ihr Erscheinungsbild und ihr beruflicher Hintergrund hätten zum bisherigen Minister kaum gegensätzlicher sein können.

Patriotische Persönlichkeitserziehung statt Multiple-Choice-Tests

Sowohl die Fachwelt als auch die Öffentlichkeit setzen nun große Hoffnungen auf Olga Wassiljewa. Gesellschaftlich engagiert, pflegt sie die Nähe zur Kirche und auch zum so genannten patriotischen Lager. Als Kind war Wassiljewa hochbegabt, mittlerweile kann sie drei Hochschulabschlüsse und eine steile wissenschaftliche und pädagogische Karriere vorweisen. Seit einigen Jahren hat sie zudem eine hohe Funktion im Präsidialamt inne.

Energisch trug die neue Ministerin bereits bei ihren ersten Auftritten in der Öffentlichkeit ihre Standpunkte vor. Schwerpunkte sollen dabei die Persönlichkeitserziehung bei den Schülern und die Motivation bei den Lehrern sein. Dabei will Wassiljewa auch auf einige bewährte Methoden des sowjetischen Bildungssystems zurückgreifen.

Vor allem die Rückbesinnung auf konservative Werte wurde unter patriotischen Intellektuellen besonders positiv aufgenommen. So kommentierte das Mitglied des Ausschusses für Bildung und Wissenschaft im Föderationsrat, Sergej Scheblygin, die Neubesetzung wie folgt:

"Diese Entscheidung ist dadurch bestimmt, dass die Lenker des Landes Verständnis für den erforderlichen Paradigmenwechsel im Bereich der Bildung haben; dafür, dass unsere Schule neue Aufgaben lösen muss. Außer dem Erlernen eines Faches ist es notwendig, auch eine Persönlichkeit zu erziehen, einen Bürger, der sich in der modernen Gesellschaft wiederfinden würde, und der verstehen würde, dass seine Wurzeln hier in Russland sind."

Natürlich waren nicht alle glücklich mit der neuen Ministerin. So verließ der bekannte Journalist Alexei Wenediktow, der Chefredakteur des Radiosenders "Echo Moskvy", öffentlichkeitswirksam die Gesellschaftliche Kammer, deren Mitglied er ist, aus Protest "gegen Obskurantismus", den er der neuen Ministerin auf Grund der ihr nachgesagten Nähe zu den Spitzen der Orthodoxen Kirche zuschreibt. Vesti FM wertete diese Geste postwendend als "das übliche Geheule der Liberalen" abgetan, welches sogar eher auf die Richtigkeit der Entscheidung hindeute. Ein üblicher Schlagabtausch also, die Bevölkerung zeigt sich unbeeindruckt.

Vorhersehbarer "Stalinismus"-Vorwurf der prowestlichen Opposition

Was stimmt, ist, dass Olga Wassiljewa in eine religiöse Familie geboren wurde und ihre berufliche Tätigkeit stets eng mit der Geschichte der Kirche und der Religion verbunden war. Seit 1991 ist sie die Lehrbeauftragte im Zentrum für Geschichte für Religion und Kirche an der Akademie der Wissenschaften. Das langjährige Forschungsgebiet der künftigen Ministerin war die Beziehung zwischen der Russisch-Orthodoxen Kirche und dem Staat in der Ära Josef Stalins. Dabei lag ihr Schwerpunkt nicht auf der Periode der starken Verfolgung der Kirche in den 1920er und 30er Jahren, sondern in der späteren Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staatsmacht. Unter dem Eindruck des Großen Vaterländischen Krieges hatte der bekannte Sowjetführer begonnen, im Zeichen des Patriotismus zuvor verbreitetes aggressives Vorgehen gegen die Religion aktiv zu unterbinden.

Kein Wunder, dass prowestliche Teile der Opposition und notorisch russophobe Kommentatoren im Westen gegen die neue Ministerin den Vorwurf des "Stalinismus" erheben und auch die angestrebte Wiederbesinnung auf die Grundzüge der Sowjeterziehung zum Anlass für Kritik nehmen.

Es sind aber nicht nur ideologische Fragen, die die Menschen bewegen, sondern vor allem auch solche, auf die insbesondere die prowestliche Opposition – die in den 1990er Jahren selbst noch regiert hatte – keine befriedigenden Antworten hatte. Die Probleme der Unterfinanzierung und eines ineffizienten Managements im Bildungssystem sind offensichtlich. Auch das immer wieder beschworene Ziel, die Gehälter des Lehrpersonals an Schulen und Hochschulen auf einem angemessenen Niveau zu halten, scheitert oft am chronischen Geldmangel vieler Provinzkommunen und an den Folgen des Bevölkerungsrückgangs der 1990er Jahre, die mittlerweile auch die Hochschulen ereilen.

So wurde die Nominierung der Ministerin zum Anlass für den oppositionellen Politiker Sergej Ryschkow aus der "Jabloko"-Partei, im Radiosender "Echo Moskvy" eine flammende Wahlrede zu halten, in der er die Armut der Provinzlehrer und eine mangelnde Unterstützung für sozial schwachen Familien beklagte. Das Problem sieht er in der systematischen Kürzung beim Budget in den Bereichen Bildung und Soziales.

Nicht die ideologischen Fragen bewegen die Bevölkerung
 
Skeptisch zu der Frage, ob die neue Ministerin zur Lobbyistin für eine Erhöhung der Ausgaben zu Gunsten der Bildung werden kann, teilen auch Experten, die RIA Novosti zur Nominierung der neuen Ministerin befragt hat. Es wäre schon ein erster Schritt, wenigstens die vorhandenen Mittel rationaler zu verwenden, war der überwiegende Tenor. Der angekündigte Trend zur Entbürokratisierung und Transparenz lasse dieses Ziel als realistischer erscheinen.

Der bisherige Minister wird künftig den Posten des Sondervertreters für Handels- und Wirtschaftsbeziehungen mit der Ukraine bekleiden, eine vor dem Hintergrund der bestehenden politischen Spannungen undankbare Aufgabe. In Russland ist es unüblich, in Ungnade gefallenen Beamte skandalträchtig zu kündigen, sie werden vielmehr umgesetzt, sozusagen "weggelobt". Das Schicksal von Liwanow entspricht fast eins zu eins dem des früheren Gesundheitsministers Michail Zurabow, der nach sieben Jahren im Amt, die auch sieben Jahre massiver Kritik waren, zum Botschafter in der Ukraine wurde. Auch seine Abberufung vom Amt des Botschafters vor einem Monat soll mit großer Erleichterung aufgenommen worden sein.