Teil 1 der RT Deutsch-Reihe: Die ehemalige UdSSR - Heute und vor 25 Jahren

 Teil 1 der RT Deutsch-Reihe: Die ehemalige UdSSR - Heute und vor 25 Jahren
Heute ist der 25. Jahrestag des gescheiterten „Drei-Tage Putsches“ in der UdSSR. Die Initiatoren des geplanten Umsturzes wollten damals Gorbatschow absetzen und den Zerfall der UdSSR verhindern. Doch ihr gescheiterter Putsch hat die Auflösung, die am 26 Dezember besiegelt wurde, nur beschleunigt. Am 19. August 1991 begann der Countdown.

von Wladislaw Sankin

RSFSR-Präsident Boris Jelzin vor dem Weißen Haus in Moskau

Am 19. August 1991 erwachten die Bürger der UdSSR ohne Radio, Fernsehen und Zeitungen. Statt der üblichen Programme gab es nur das Tschaikowski-Ballettstück „Schwanensee“. Sie waren daran gewöhnt, dass dies ein sicheres Zeichen für Staatstrauer war, die nach dem Tod der Generalsekretäre der Partei immer angeordnet wurde. Später verkündete der Moderator die Ausrufung eines „Staatskomitees für den Ausnahmezustand“, das die Geschicke des Landes für 6 Monaten übernehmen sollte. Der Putsch hatte begonnen.

Die Reste der sowjetischen Führungselite wollten kurz vor ihrer drohenden Entmachtung nach der geplanten Unterzeichnung des neuen Union-Vertrages zwischen den auseinanderdriftenden Teil-Republiken am 24. August den ersten Präsidenten der UdSSR Michail Gorbatschow absetzen. Er wurde in seinem Urlaubsort in Foros auf der Krim mit seiner Familie und Leibwächtern vom Sewastopoler KGB-Regiment umzingelt und isoliert.

Doch die Ausschaltung der Medien war der einzige Coup, der den Putschisten kurzzeitig gelang. Zwar entsendeten die Verschwörer knapp 4.000 Soldaten auf 360 Panzern und gepanzerten Fahrzeugen in die Hauptstadt, doch diese Drohung bewirkte das Gegenteil.

Die Menschen auf den Straßen und Plätzen redeten auf die Soldaten ein und begannen Barrikaden zu errichten. Eine Panzer-Kompanie mit sechs Fahrzeugen wechselte bereits gegen Mittag die Seiten. Der „beschlagnahmte Panzer“ ermöglichte Boris Jelzin, dem kurz davor gewählten Präsidenten der Russischen Föderation, seine legendäre Rede perfekt in Szene zu setzen. Das Bild von ihm vor dem Parlament auf dem Panzer, umgeben von Leibwächtern, ging um die Welt. Dass Jelzin nicht wie Gorbatschow von den Putschisten eingesperrt wurde, sollte sich als entscheidender Fehler der Verschwörer erweisen.

Ein anderes Bild, wenige Stunden später, lieferten die Putschisten selbst. Sie waren in Erklärungsnot und gaben – ganz dem Zeitgeist entsprechend – eine Pressekonferenz. Vor der schmucklosen Kulisse saßen sechs unsicher wirkende graue Männer. Die treibenden Kräfte der Aktion, der KGB-Chef Krоutschkow, der Verteidigungsminister Jasow und Ministerpräsident Pawlow, waren nicht auf dem Bild. Ihr Sprecher, der Vize-Präsident Gennadij Janaew, der die Macht anstatt des „erkrankten“ Gorbatschow übernehmen sollte, konnte nicht überzeugen. Die laufenden Bilder von ihm mit zitternden Händen, die ebenso um die Welt gingen, wurden zum Gegensymbol des gescheiterten Putsches.

Schnell offenbarte sich, dass der Putsch laienhaft organisiert war. Am nächsten Tag fanden in den größten Städten des Landes massenhafte Kundgebungen statt. Die relativ gewaltlose Konfrontation auf den Straßen mit dem Militär dauerte noch einen Tag, immer mehr Soldaten schlossen sich den Demonstranten an. In der Nacht zum 21. August wurde der Rückzug der Truppen aus Moskau angeordnet. Kurz davor, im Folge eines Zwischenfalls, wurden drei junge Männer durch Panzer in einem Tunnel im Zentrum der Stadt überrollt. Sie waren die einzigen Opfer des Putsches. Am nächsten Tag feierte die Menge den Sieg auf den noch größerer Kundgebungen, Gorbatschow kehrte nach Moskau zurück.

Unterstützungsdemo für Gorbatschow im August 1991.
Unterstützungsdemo für Gorbatschow im August 1991.

Das Versagen der selbsternannten „Retter des Vaterlandes“, die die höchsten Ämter im sich auflösenden Staat bekleideten, demonstrierte sinnbildlich, wie in der Tat marode die absterbenden Staatsstrukturen der UdSSR waren. Das System konnte bereits seit Jahren nur noch solche politische Figuren hervorbringen. Es war Jelzin ein Leichtes, die machttragenden Strukturen der UdSSR nach dem Putsch zu zerschlagen und die Kontrolle über das Militär in die Kompetenz der Russischen Föderation zu überführen. Er wusste perfekt, die Gunst der Stunde zur Sicherung seiner Macht zu nutzen. In den darauffolgenden Tagen wurde die Kommunistische Partei der Russischen Föderation verboten und die Unions-Republiken veranstalteten „Paraden der Souveränitäten“. Ab nun an waren die Stunden der UdSSR gezählt.

Einer der Putschisten beging Selbstmord, die anderen wurden samt ihrer Unterstützer verhaftet. Doch bereits 1992 wurden sie aus der Haft entlassen und Februar 1994 amnestiert. Einige von ihnen sind heute noch am Leben. Das Verhältnis zu ihnen und ihrem Versuch, „den Staatszerfall zu verhindern“, wie es in ihrem Aufruf an die Bürger des Landes hieß, änderte sich mit den Jahren. Wenn in den 90er Jahren das Ende des Putsches in Russland als staatstragendes Ereignis gefeiert wurde, wird heute „der August-Putsch 1991“ sehr kontrovers diskutiert. Circa ein Drittel der im Juli diesen Jahres vom Lewada-Zentrum Befragten Russen gab an, dass der Putsch „ein tragisches Ereignis war, das unheilvolle Folgen für das Land und das Volk hatte.“

Und das liegt nicht nur in einer sentimentalen „Sowjet-Nostalgie“, die immer mehr Menschen in ihren Bann zieht. Experten und Medien beschäftigen sich in Russland bereits seit Jahren sehr intensiv mit den Fragen nach den Ursachen für das Scheitern der Sowjetunion und dessen Folgen. Der 25. Jahrestag bietet eine gute Gelegenheit, um unseren heutigen Standpunkt Revue passieren zu lassen, was und warum das damals geschah, was heute aus den Ländern, die die UdSSR bildeten, geworden ist und welche Auswirkung deren Zerfall auf die Weltpolitik hatte.

Mit diesem Artikel beginnt RT Deutsch bis zum 26. Dezember 2016 die Artikelserie „Die ehemalige UdSSR - Heute und vor 25 Jahren".