Milzbrand-Epidemie auf russischer Jamal-Halbinsel: Zahlreiche Kinder infiziert, 2.300 tote Rentiere

Milzbrand-Epidemie auf russischer Jamal-Halbinsel: Zahlreiche Kinder infiziert, 2.300 tote Rentiere
Der Ausbruch der Krankheit ereignet sich zum ersten Mal seit 75 Jahren. Opfer gibt es sowohl unter Rentieren, als auch unter Menschen: Die Infektion hat bereits mehr als 2.300 Tiere und einen 12-jährigen Jungen hinweggerafft. Milzbrandkeime wurden bei 28 Menschen entdeckt. 70 weitere – die Hälfte von ihnen sind Kinder – befinden sich unter Quarantäne.

Seit dem 25. Juli gilt im Bezirk Jamal des Autonomen Kreises der Jamal-Nenzen eine Milzbrand-Quarantäne, nachdem mehr als 2.300 Rentiere an der Erkrankung verendet sind. 

„Das Ausmaß der Seuche ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass man zuerst geglaubt hat, dass die Rentiere am Hitzeschlag wegen des heißen Wetters verenden. Man hat eine Woche oder sogar etwas mehr Zeit verloren“, erklärte ein Einheimischer gegenüber RIA Nowosti.

28 Nenzen, die ihren Lebensunterhalt mit der Rentierzucht bestreiten, wurden auf Milzbrand diagnostiziert. Sie befanden sich im Infektionsherd in der Tundra. Die meisten erkrankten Nomaden weisen die Hautinfektion auf, die harmloseste Form der Krankheit.

„Alle Informationen zu der Seuche haben wir in erster Linie aus den sozialen Netzwerken, von Angehörigen der Ärzte und Rettungskräfte bekommen“, sagte eine Einwohnerin von Salechard gegenüber RIA Nowosti. Die Behörden und die Medien hätten sich darüber eine Woche lang ausgeschwiegen. 

Im Jahr 2007 hatten die Behörden die obligatorischen Milzbrandschutzimpfungen für die Rene abgeschafft, weil die Bodenproben keine Infektionskeime enthalten hatten. Immerhin war die letzte Seuche 1941 ausgebrochen.     

Die Verwaltung des Autonomen Kreises der Jamal-Nenzen musste die Armee um Hilfe bitten.

„Mit eigenen Kräften hätten wir die verendeten Rene kaum schnell genug bergen können, noch bevor sie verwest wären. Die Kadaver sind über eine große Fläche verstreut“, erklärte der Gouverneur des Autonomen Kreises der Jamal-Nenzen, Dmitri Kobylkin, mit.

Die ABC-Abwehrtruppen des Zentralen Militärbezirks Russlands haben seit dem 1. August 14 Prozent der verendeten Rene eingeäschert. An der Operation sind 250 Militärs beteiligt. Nach der Verbrennung der Kadaver wird der Boden zusätzlich desinfiziert. Die Situation erschwert sich dadurch, dass die angesteckten Tiere im Umkreis von zehn Kilometern auseinandergelaufen sind. Sie müssen alle gefangen werden. Die Behörden hoffen, die Folgen des Milzbrandausbruches auf der Jamal-Halbinsel bis zum ersten Schnee zu beheben.

Milzbrand ist eine hochansteckende und sehr oft tödlich verlaufende Infektion. Die Erregerkeime können mehrere Jahrhunderte lang im Boden überdauern. Zu Ausbrüchen der Krankheit kommt es oft bei Überschwemmungen, Ausgrabungen, aber auch bei Eisschmelze, was auf der Jamal-Halbinsel der Fall ist. Die Infektion kann Haut, Darm und Lunge befallen. Die Ansteckung erfolgt beim Ausschlachten oder Verzehr der kranken Tiere. Obwohl die Ansteckungsgefahr durch Staub und Wasser gering ist, empfehlen die Ärzte, im Infektionsherd nur Flaschenwasser zu trinken sowie keine Pilze und Beeren zu suchen.  

Die Seuche ist ein harter Schlag für die Nenzen, denn die Nomaden leben von der Rentierzucht. Traditionell wird nicht nur gedörrtes Fleisch, sondern auch frisches Blut der Tiere genossen. Ansonsten bietet die Tundra wenig Nahrungsvielfalt an. Das Ren wird in vielen nordischen Kulturen als Totem verehrt. Das ganze Leben der nomadisierenden Züchter dreht sich um ihre Herde. Ein starker Rückgang der Viehbestände wäre für die Nenzen eine humanitäre Katastrophe.

In die Region wurden 90.000 Schutzimpfungen befördert. Bereits 58.000 Tiere in der Quarantänezone und in Grenzgebieten wurden geimpft. Den örtlichen Behörden zufolge sei der Milzbrandherd lokalisiert, und es bestehe keine Ausbreitungsgefahr mehr.