Russlands Außenminister Sergej Lawrow: "IS will ein Kalifat von Lissabon bis Pakistan errichten“

Russlands Außenminister Sergej Lawrow: "IS will ein Kalifat von Lissabon bis Pakistan errichten“
Russlands Außenminister Sergej Lawrow hat im Vorfeld seines Besuches in Laos der Kaiserlichen Orthodoxen Palästina-Gesellschaft (KOPG) ein Interview gewährt. Der russische Chefdiplomat betonte die Rolle der humanitären und aufklärerischen Arbeit bei der Vereitelung von religiösen Konflikten in der Nahost-Region. Der IS beschränke sich nicht auf Repressalien gegen die Christen und wolle ein Kalifat von Lissabon bis Pakistan schaffen, so Sergej Lawrow.

Die Wiedergeburt der russischen Gesellschaftsdiplomatie im Nahen Osten

Sergej Lawrow zufolge sei die Wiederherstellung der Kaiserlichen Orthodoxen Palästina-Gesellschaft (KOPG) in der postsowjetischen Geschichte Russlands ein wichtiges Ereignis für die russische Gesellschaftsdiplomatie geworden.

„Meines Erachtens entspricht die Tatsache, dass wir uns jetzt nach der Pause, die es in der sowjetischen Periode gegeben hat, aktiv mit der Wiederherstellung der Positionen der Kaiserlichen Orthodoxen Palästina-Gesellschaft beschäftigen, den grundlegenden Interessen des russischen Staates und der ehrenvollen Aufgabe, die Kontinuität unserer Geschichte aufrechtzuerhalten. Heute stellt das neben den geistlichen Aspekten des ʻRussischen Palästinaʼ ein sehr wichtiges Instrument zur Stärkung der Positionen Russlands dar, nämlich die zusätzliche gesellschaftliche Dimension unserer Diplomatie in dieser sehr wichtigen Richtung“, erklärte der russische Außenminister.    

Die Bedrohung für das Christentum

Der russische Chefdiplomat betonte, dass die Lage der Christen im Nahen Osten vor dem Hintergrund des zunehmenden Extremismus und der sich zuspitzenden religiösen Intoleranz ziemlich bedrohlich erscheine.

„Heutzutage werden die Christen im Nahen Osten, vor allem in Syrien und in dem Irak, sehr hart verfolgt. Ihre Zahl in diesen Ländern ist stark zurückgegangen. Der Exodus der Christen aus der Region, in der das Christentum ja entstanden ist, wäre natürlich ein kolossaler Schlag gegen die ganze Geschichte“, bemerkte Sergej Lawrow.

Unter diesen Umständen leiste Russland seinen Beitrag, um die christliche Bevölkerung der Region zu schützen und die interkonfessionellen Spannungen abzubauen. Zu diesem Zweck ziehe Russland auch internationale Organisationen heran: 

„Zusammen mit der Kaiserlichen Orthodoxen Palästina-Gesellschaft und unseren Regierungsorganisationen gewinnen wir für uns aktiv internationale Institutionen, um auf dieses akute Problem aufmerksam zu machen. Vor anderthalb Jahren haben wir zusammen mit Vertretern aus dem Vatikan und unseren Kollegen aus dem Libanon und aus Armenien die erste Christenschutz-Konferenz durchgeführt. Heute bereiten wir die zweite Konferenz vor, die noch größer sein wird. Sie ist voraussichtlich für den Herbst 2016 geplant.“

Als mögliche Richtung in dieser Tätigkeit nannte der russische Außenminister die Ausarbeitung von universalen Mechanismen zur Verbesserung des interreligiösen und interkulturellen Dialogs.

DerTerrorismusimNahenOsten

Sergej Lawrow betonte, dass die Hauptgefahr für die Christen im Nahen Osten von den religiösen Fanatikern ausgehe, deren Tätigkeit auf die physische Beseitigung ihrer ideologischen Gegner gerichtet sei. Die Zielscheibe seien dabei nicht nur die Christen, fügte der russische Außenminister hinzu:

„Der IS beschränkt sich nicht auf Repressalien gegen die Christen. Mit derselben Wut köpfen sie die Schiiten. Sie schänden und zerstören sowohl christliche als auch schiitische Heiligtümer. Mehr noch, ʻbesondere Kriterienʼ gelten auch den Sunniten gegenüber. Nicht jeder Sunnit ist für den IS mit dessen Ideologie ʻakzeptabelʼ. Wir begreifen alle, dass diejenigen, die an der Spitze dieses Terrornetzwerkes stehen und es inspirieren, alles andere als fromme Menschen sind. Das sind Menschen, die um Macht und Territorien kämpfen. Der IS ist die erste unter den anderen Terrororganisationen, die ein Kalifat von Lissabon bis Pakistan schaffen will, wie sie es selbst behaupten“, schilderte Sergej Lawrow die Lage.

Ein solch stabiles Terrornetzwerk habe wegen einer Reihe von Fehlern entstehen können, die bei der Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Länder der Region begangen worden seien. Die Invasion der US-Truppen in den Irak im Jahr 2003 habe eine verhängnisvolle Rolle gespielt.   

„Den Kern der IS-Schlagkraft bilden ehemalige Generäle der Armee von Saddam Hussein, die die Amerikaner nach der Besetzung des Iraks im Jahr 2003 aufgelöst haben. Die USA haben die Armee und die Sicherheitskräfte des Iraks auseinander getrieben und somit gut kämpfende Menschen ohne Existenzmittel gelassen. Nun verstehen das alle sehr gut. Meines Erachtens zeigen die immer wieder hörbaren heuchlerischen Aufrufe zu Regimewechseln, darunter auch in Syrien, nach den Ereignissen im Irak, als Hussein gestürzt wurde, oder in Libyen, als Muammar al-Gaddafi barbarisch zerfleischt wurde, dass die Menschen, die solche Positionen beziehen, zumindest beschränkt, wenn nicht Verbrecher sind, die die Zerstörung ganzer Länder und Regionen genießen oder sie sich in der Hoffnung auf Profite zum Ziel setzen“, so Sergej Lawrow abschließend.