Nach der Brexit-Abstimmung: Großbritanniens EU-Austritt polarisiert Russland

Nach der Brexit-Abstimmung: Großbritanniens EU-Austritt polarisiert Russland
Die Einwohner Großbritanniens haben mehrheitlich für einen Austritt aus der EU gestimmt. Wie ändert diese Entscheidung das politische und wirtschaftliche Leben in Russland? Wie beurteilen bekannte russische Politiker die Folgen des Brexit? RT Deutsch präsentiert einen Überblick der vielfältigen Meinungen in Russland zur heutigen Abstimmung in Großbritannien.

Der russische Präsident, Wladimir Putin, wies darauf hin, dass Russland sich, entgegnen westlicher Darstellung, nie in die Brexit-Kampagne eingemischt hatte:

„Ich habe es bereits gesagt: Vor der Abstimmung in Großbritannien und nach dieser Abstimmung haben wir uns weder eingemischt noch uns zu diesem Thema geäußert. Meines Erachtens haben wir uns sehr korrekt verhalten. Natürlich haben wir aufmerksam die Geschehnisse verfolgt. Allerdings haben wir diesen Prozess keineswegs beeinflusst. Wir haben es nicht einmal versucht“, so Wladimir Putin.

Der Pressesprecher des russischen Präsidenten, Dmitri Peskow, erklärte, dass Moskau daran interessiert sei, dass die EU eine große Wirtschaftsmacht bleibe. Das in Großbritannien durchgeführte Referendum über einen Austritt aus der EU sei aber eine innere Angelegenheit des Landes und eine Frage der Beziehungen zwischen London und Brüssel. 

„Ich möchte auf die Worte hinweisen, die Präsident Putin bereits gesagt hat: Das Thema Brexit ist eine innere Angelegenheit Großbritanniens und eine Frage der Beziehungen zwischen Großbritannien und der EU. Die Europäische Union ist ein sehr wichtiger handelswirtschaftlicher und Investitionspartner Russlands, daher ist man in Moskau daran interessiert, dass die EU eine große, florierende, stabile und vorhersagbare Wirtschaftsmacht bleibt“, so Dmitri Peskow.

Russlands Außenminister Sergej Lawrow nannte das Ergebnis des Referendums in Großbritannien eine innere Angelegenheit des Vereinigten Königreichs.   

„Das ist die innere Angelegenheit des britischen Volkes. Das ist der Wille der Völker Großbritanniens“, so Sergej Lawrow. „Dass politische Kräfte in verschiedenen EU-Staaten nach dem britischen Referendum erklären, sie möchten ähnliche Referenden organisieren, ist eine reine innere Angelegenheit der jeweiligen Länder und der Europäischen Union. Wir erwarten überhaupt nichts. Wir sind kein Mitglied dieser Organisation.“ 

Dabei wollte der russische Chefdiplomat die Worte seines britischen Kollegen, dass Moskau sich angeblich über das Resultat der Brexit-Abstimmung freue, nicht kommentieren. Medizin habe er nicht studiert, deswegen kommentiere er auch keine Fälle aus diesem Bereich, sagte Sergej Lawrow ironisch.

Die Vorsitzende des russischen Föderationsrates, Walentina Matwijenko, äußerte sich zum Thema kurz und bündig.

„Die Einwohner Großbritanniens haben ihre Wahl getroffen und wir respektieren sie. Allerdings ist das ein besorgniserregendes Signal, das davon zeugt, dass in Europa komplexe und widersprüchliche Prozesse im Gange sind“, so Walentina Matwijenko.

Der Vorsitzende des Außenausschusses der russischen Duma, Alexej Puschkow, hält das Ergebnis der Volksabstimmung in Großbritannien für eine Sensation, die ein langes Nachspiel haben wird.

„Das Ergebnis der britischen Abstimmung ist ein politisches Erdbeben, das weitreichende Auswirkungen haben wird. Seit dem 24. Juni 2016 leben wir in einem anderen Europa“, so Alexej Puschkow.

Der Vorsitzende der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation (KPRF), Gennadi Sjuganow, findet, dass Italien, Frankreich und die Niederlande dem Beispiel des Vereinigten Königreichs folgen werden.    

„Ich persönlich bin mit dem Ergebnis des Referendums zufrieden. Ich glaube, die nächsten werden Holland und Frankreich sein. Auch Italien mag die EU nicht. England hat erklärt, dass es nicht von gestern ist und sich selbst nach eigenem Ermessen verwalten kann, obwohl Amerika der ʻgroße Bruderʼ bleibt. England hat seinen Willen ziemlich entschieden bekundet“, so Gennadi Sjuganow.

Der Vorsitzende der Liberaldemokratischen Partei Russlands (LDPR), Wladimir Schirinowski, bezeichnete den Beschluss des britischen Volkes als richtig.

„Wir müssen uns mit dem britischen Volk solidarisch zeigen, denn es hat den richtigen Beschluss über den Austritt aus der Europäischen Union getroffen. Sie haben eine große Heldentat begangen“, sagte Wladimir Schirinowski heute im Parlament.

Der Chef der Republik Krim, Sergej Axjonow, meinte, dass die Fliehkräfte innerhalb der EU zunehmen und letztendlich zum Zerfall der Europäischen Union führen würden.

„Die mit der Zerstörung der EU verbundenen Tendenzen werden nur zunehmen. Eine der Ursachen sind die Sanktionen gegen Russland. Die EU wird zerfallen. Ich bin mir dessen sicher, weil die führenden Staaten nur ihre eigenen Interessen unterstützen. Wer heruntergekommen ist, sinkt weiter“, so Sergej Axjonow.

Dem Krim-Politiker zufolge zeige das Ergebnis des britischen Volksentscheides das Verhältnis der europäischen Bürger gegenüber der EU-Führung und deren Politik.

Der russische Finanzminister, Anton Siluanow, meinte, dass der britische Austritt aus der EU nur beschränkte Auswirkungen auf die russische Wirtschaft haben werde, obwohl er einen weiteren Absturz der Ölpreise, eine Schwächung des Rubels und eine stärkere Volatilität auf den Finanzmärkten zur Folge haben könnte.

„Die Abstimmung in Großbritannien hat gezeigt, dass die Hoffnungen auf eine ungetrübte Erholung sowohl der Märkte als auch der Weltwirtschaft zu sehr optimistisch waren. Zwei Schlüsselfolgen sind eine abrupte Zunahme an Volatilität auf den Märkten und die Ungewissheit in Bezug auf die weitere Entwicklung der globalen Wirtschaft“, so Anton Siluanow. „Ein ʻBlack-Swan-Eventʼ (ein negatives unerwartetes Ereignis – Anm.d.Red.) kann in der laufenden brüchigen Situation andere nach sich ziehen. Die Aufgabe der russischen Wirtschaftspolitik besteht jetzt darin, sich auf negative Entwicklungsszenarien in der Weltwirtschaft gefasst zu machen, was die Verwendung von konservativen Voraussetzungen bei der Planung impliziert.“

Der ehemalige Finanzminister Russlands und jetziges Vorstandsmitglied des Fonds „Zentrum für strategische Entwicklungen“, Alexej Kudrin, bezweifelte, dass sich der Beschluss der Briten, die EU zu verlassen, auf Russland auswirken wird.

„Der Brexit wirkt sich auf Russland nur unwesentlich aus. Wir haben eigene, viel fühlbarere Probleme“, so Alexej Kudrin.

„Ich glaube, die EU wird wieder zu sich kommen. Dennoch werden sowohl die EU als auch Großbritannien wirtschaftlich schwächer sein“, so Alexej Kudrin.

„Man kann den Beschluss der Briten über den Austritt aus der EU nur bedauern. Es wird sich aber keine Katastrophe ereignen, obwohl es auf den Finanzmärkten zu einer kurzfristigen Instabilität kommen wird“, so Alexej Kudrin.

In der Zentralbank Russlands sah man die Dinge professionell gelassen. 

„Die Reaktion der Weltmärkte auf das Ergebnis der britischen Abstimmung über einen Austritt aus der Europäischen Union ist erwartbar und stellt keine direkten Risiken für Russland dar. Die Bank Russlands verfolgt aufmerksam die Situation und verfügt über alle erforderlichen Instrumente, um unter den Umständen der instabilen Märkte zu arbeiten“, verlautete aus der Zentralbank Russlands.

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