Anatoli Antonow: „Schluss mit dem Krieg, man muss ein neues Syrien aufbauen“

Anatoli Antonow: „Schluss mit dem Krieg, man muss ein neues Syrien aufbauen“
In Moskau findet Ende des Monats die 5. jährliche "Konferenz für internationale Sicherheit" statt. Im exklusiven Interview mit RT erläutert der Stellvertretende Verteidigungsminister Russlands, Anatoli Antonow, die Einschätzungen zur internationalen Sicherheitslage sowie Russlands weitere Pläne zum Truppenabzug aus Syrien. In diesem Jahr wird der internationale Terrorismus das Schwerpunktthema sein.

Demnächst beginnt die jährliche Konferenz für internationale Sicherheit. Welche Bedeutung hat die Veranstaltung?

Wir versuchen jedes Jahr das akuteste Thema zu wählen, das aktuell die Welt bewegt, also Themen, von denen das Leben der einfachen Menschen abhängt und der Wohlstand eines jeglichen Staates. Zur diesjährigen Konferenz haben wir ungefähr 100 Länder eingeladen. Ihre Teilnahme haben bereits Vertreter aus 80 Ländern, drei Vizepremiers, ungefähr 20 Verteidigungsminister, 15 Generalstabschefs und verschiedene Delegationen der Militärbehörden bestätigt. Wir erwarten insgesamt etwa 500 Gäste.

Wichtig ist, dass in diesem Jahr zehn Vertreter von internationalen Organisationen, zwei Stellvertreter des UNO-Generalsekretärs, die Spitzen der OSZE und des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz sowie unsere Kollegen aus den Administrationen der GUS, der OVKS und der Arabischen Liga kommen. Die Konferenz ist also sehr repräsentativ.

Im vorigen Jahr haben wir lange überlegt, was in diesem Jahr im Mittelpunkt der Diskussion stehen könnte. Und unsere Wahl wurde durch das Leben bestätigt. Erinnern Sie sich an die Terroranschläge in Europa und die aktuelle Lage im Nahen Osten. Vergessen Sie nicht die Situation in Afghanistan, d.h. an der Südgrenze der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit.

Die Konferenz wird sich in diesem Jahr um das Thema Terrorismus drehen...

Wir sehen die Versuche der Terroristen, neue Territorien in Zentralasien und im Asiatisch-Pazifischen Raum zu erschließen. Schon vor drei Jahren schien es uns, dass der internationale Terrorismus im Mittelpunkt von allen Diskussionen stehen muss. Und es scheint mir, dass es heute kein akuteres Problem gibt, zu dessen Lösung sich die Weltgemeinschaft vereinigen soll.

Deswegen haben wir den internationalen Terrorismus zum Thema unserer Konferenz gewählt. Ich möchte dabei betonen, dass eben dieses Problem sich durch alle Sitzungen wie ein roter Faden ziehen wird, sei es die Problematik im Asiatisch-Pazifischen Raum, die Situation in Europa oder im Nahen Osten und in Zentralasien.

Was war das politische Ziel der Militäroperation in Syrien?

Die Hauptaufgabe der russischen Militärs, die auch bereits vor der Entscheidung des Präsidenten über den Truppenabzug bestand, besteht darin, den Terrorismus zu stoppen, eine Verbreitung des Terrors auf das Territorium Russlands nicht zuzulassen, keine Metastasen von diesem Übel in der GUS und vor allem im OVKS-Raum zuzulassen.

Während unserer Militäroperation haben wir viel geschafft: Wir haben dem Terrorismus einen ernsten Schlag versetzt, zahlreiche Waffenverstecke, Terroristen, Kommandostellen, verschiedene Gruppierungen vernichtet, Finanzierungsquellen des Terrorismus unterbunden. Alle wissen Bescheid, woher die Terroristen Geld bekommen.

Das ist der illegale Erdölhandel. Alle wissen Bescheid, wie man das gestohlene Öl aus Syrien schmuggelt, zu wem dieses Geld gelangt. Aber leider werden unsere Anstrengungen von bei weitem nicht allen Staaten unterstützt. Was ist passiert, nachdem Präsident Putin über den Teilabzug von Truppen entschieden hatte?

Ein Teil der russischen Militärs befindet sich weiter in Syrien. Was sind ihre Aufgaben?

Erstens setzen wir den Kampf gegen die Terrorgruppen Daesh, beziehungsweise Islamischer Staat und al-Nusra sowie gegen weitere vom UN-Sicherheitsrat benannte Terrororganisationen fort. Andererseits findet im Leben Syriens und natürlich seiner Militärs eine neue Etappe statt. Heute tragen wir zum politischen Prozess bei, der mit der 'Befriedung' - ich setze dieses Wort in Gänsefüßchen - begonnen hat, die wir jetzt in Syrien beobachten.

Die Situation ist sehr zerbrechlich, wackelig. Ich glaube, dass nicht nur Russland, sondern auch alle anderen Länder ihr Bestes tun müssen, damit dieser zerbrechliche Frieden stärker und nicht unterminiert wird. Darum leisten wir Syrien Hilfe, nicht nur im Kampf gegen internationalen Terrorismus, sondern auch auf dem Weg zum friedlichen Leben.

Die militärische Bekämpfung der sunnitischen Extremisten ist ein Teil der Auseinandersetzung. Welche Initiativen gab es, um die Bevölkerung zu unterstützen?

Die russischen Militärs haben ungefähr 700 Tonnen Hilfsgüter nach Syrien geliefert. Das sind die einfachsten Sachen, die im Alltag von jedem Bürger Syriens nötig sind. Sie können sich vielleicht an die TV-Reportagen erinnern, wo unsere Soldaten diese Hilfsgüter an Kinder, ältere Leute und Frauen verteilen, an die Bevölkerung von Syrien.

Ich glaube, dass die Befreiung Palmyras der Wendepunkt in der syrischen Operation war. Unsere Pioniertruppen sind schon mit der Räumung von Minen beschäftigt, einer Notwendigkeit für die gesamte Bevölkerung. Ich glaube - apropos -, dass die Minenräumarbeiten heute eine sehr große Aufgabe in Syrien sind, so dass es passend wäre, wenn die Weltgemeinschaft ihre Hilfe anbieten und die Aktivitäten der russischen Militärs unterstützen würde.

Ist das - die Vorbereitung für einen Wiederaufbau in Syrien - eine Aufgabe, die Russland alleine meistern kann?

Wir haben schon die UNO, auch ihre Fachstrukturen sowie Minenentschärfungsfachzentren auf diesen Vorschlag angesprochen. Und erinnern Sie sich an die jüngsten TV-Aufnahmen, wo unsere Militärangehörigen das Brotbacken organisieren. Das heißt, wir tun alles, damit das Leben in Syrien für einfache Bürger leichter wird, damit alle diesen Waffenstillstand fühlen, spüren, erleben und wieder friedliche Luft atmen. Schluss mit dem Krieg, man muss ein neues Syrien aufbauen.