RT-Exklusiv: Von Wolgograd zum IS nach Syrien - Die Radikalisierung einer ganzen russischen Familie

RT-Exklusiv: Von Wolgograd zum IS nach Syrien - Die Radikalisierung einer ganzen russischen Familie
RT-Journalisten haben bei Dreh- und Recherchearbeiten in Syrien Reisepässe einer jungen Familie aus Russland gefunden, die nach Syrien gezogen war, um sich dem „Islamischen Staat“ anzuschließen. Das Schicksal der Familie ist ungewiss. Allerdings konnte RT mit Familienangehörigen in Kontakt treten. RT-Korrespondentin Maria Finoschina versuchte in Wolgograd eine Antwort auf die Frage zu finden, was die Familie bewogen haben könnte, auf der Seite des IS zu kämpfen

In Wolgograd kamen die RT-Korrespondenten mit einem achtbaren Universitäts-Professor zusammen, den sie nach der exklusiven Enthüllung des Fernsehsenders ausfindig gemacht hatten. Es ist kaum zu glauben, dass dieser bescheidene und intelligente Mann der Vater eines IS-Terroristen ist.  

Sein Sohn Alexei schien ein erfolgreicher Mensch zu sein: akademischer Abschluss, gute Arbeit, liebende Frau und drei artige Kinder. Der Vater gibt sich nun Schuld, die wahren Vorhaben seines Sohnes übersehen zu haben. Alexei habe nämlich eine Art Abwehrsystem entwickelt, um zu vereiteln, dass man ihn aufhalte. Er habe allen gesagt, er fahre mit seiner Familie nach Deutschland. In der Tat war er nach Syrien gefahren, um sich zum „Islamischen Staat“ zu gesellen. Alexeis Vater glaubt ihn nicht mehr unter den Lebenden.       

„Er, seine Frau und seine kleinen Kinder – sie alle sind dorthin gefahren. Ich weiß nicht, wie es ihnen geht. Ich habe ihm angedeutet: ʻHast du keine Angst, dass man deinen Kindern – meinen Enkeln – einfach Organe entnehmen wird?ʼ“, erzählte der Vater des jungen Mannes. 

Alexeis Frau Tamara wird wohl auch tot sein. „Das war mein größter Alptraum. Aber ich habe dennoch gehofft, dass das nicht passiert“, erklärte ihre Freundin.

Alexeis Vater zufolge habe sein Sohn den verhängnisvollen Weg vor mehreren Jahren betreten. „Vor 10 Jahren hat er sich zum Islam bekehrt. Dazu hat ihn ein Ägypter verleitet, der hier an der Uni Medizin studiert hat und zusammen mit ihm zum Bodybuilding gegangen ist“, teilte er gegenüber RT mit. 

Tamaras Freundin zufolge sei Alexeis Frau auch sehr religiös geworden. „Ich hatte Angst vor dem Fanatismus, mit dem sie sich dem Islam gewidmet hat“, erklärte die Frau.

Das RT-Team fuhr zur Moschee, die im Kirowski-Bezirk in Wolgograd steht. Die Journalisten beschlossen, dort ungeladen zu erscheinen, nachdem alle Versuche gescheitert waren, ein Interview telefonisch zu vereinbaren. Als der Taxifahrer hörte, wohin sich die Korrespondenten begaben, teilte er seine Beobachtungen:

„Die Polizei führt aus der Moschee ständig Menschen ab. Sie umzingelt das Gebäude und führt Menschen ab. Wer diese Menschen sind? Das weiß ich nicht. Vielleicht sind das Wahhabiten. Wie sie aussehen? Wie ganz normale Bartträger. Wer weiß denn, ob sie Terroristen oder jemand anders sind…“  

Obwohl Alexei ziemlich weit von dieser Moschee gewohnt hatte, hatte es ihn ausgerechnet zu dieser Gemeinde hingezogen. Als die RT-Journalisten ankamen, war der Imam nicht im Gotteshaus. Im Telefongespräch erklärte er aber, dass das nicht unter seiner Leitung passiert sei. Die Korrespondenten baten ein Mitglied der Gemeinde, sie mit dem vorigen Imam in Verbindung zu setzen. Es stellte sich heraus, dass Rustam Jakubow dort in den vergangenen zehn Jahren als Imam tätig gewesen war. Damals hatte die Polizei die Moschee mehrmals durchsucht. Das Gebetshaus war ins Blickfeld der Geheimdienste geraten. Nicht ohne Grund, meinten viele.

„Hier in Wolgograd haben wir eine Moschee im Kirowski-Bezirk. Der Imam und seine Freunde haben dort Menschen bearbeitet. Und nicht nur dort, sondern auch in anderen Moscheen. Ihr Ziel ist es, Jugendliche für den IS anzuwerben. Sie nehmen einen Vers aus dem Koran, streichen alle für sie unpassenden Wörter weg und lassen nur ʻgegen die Ungläubigen kämpfenʼ übrig. Nichtkenner geraten unter diesen Einfluss“, erzählte der Vorsitzende des Verbandes der Muslime im Gebiet Wolgograd, Sultan-Chanschi Abubakarow, gegenüber RT.  

Der Mufti des Gebiets Wolgograd, Iljas Biktimirow, wollte mit dem Sender vor laufender Kamera nicht sprechen. Stattdessen gewährte er den Korrespondenten ein Telefoninterview. Ihm zufolge führe man nun in den Moscheen regelmäßig Extremismusvorsorge durch.  

Die religiöse Komponente macht solche Geschichten besonders brenzlig. Denn sie beleidigten Millionen friedlicher Muslime, die glauben, dass Islamisten ihnen ihre Religion gestohlen haben. Auch der Vater des Wolgograder Terroristen glaubt, dass man den Extremismus und die Religion auseinanderhalten sollte:

„Es geht nicht um den Islam, sondern um Pest.“    

Dabei hat sich diese "Pest" weltweit ausgebreitet. Dem „Islamischen Staat“ treten Tausende Menschen in der ganzen Welt bei. Laut den jüngsten Statistiken des russischen Innenministeriums sollen sich den IS-Terroristen bis zu 3.500 russische Staatsbürger angeschlossen haben.

„Dass die russische Führung beschlossen hat, allen, die dort kämpfen, und besonders denjenigen, die aus Russland gekommen sind, den Garaus zu machen, ist eine gute Entscheidung“, meinte Alexeis Vater. Er begreife dabei ganz gut, dass diese Operation auch gegen seinen Sohn gerichtet sei.