Russland

Das sagenumwobene Z – Wie ein Buchstabe zum Symbol der russischen Militäroperation wurde

Was bedeutet das "Z", das das russische Militär auf seinen Fahrzeugen aufgemalt hat und das wie ein Lauffeuer durch das Internet geht? Wer hat es erfunden, und wie wurde es zum Symbol der Unterstützung für die russische Militäroperation? Inzwischen hat ein Urheber der viralen Idee das Geheimnis gelüftet.
Das sagenumwobene Z – Wie ein Buchstabe zum Symbol der russischen Militäroperation wurdeQuelle: Sputnik © Konstantin Mihalchevskiy

Als die russische Armee in der Nacht vom 23. zum 24. Februar die Grenze zur Ukraine überschritt und die sogenannte "militärische Sonderoperation" begann, fiel Beobachtern bald auf, dass auf jedem Panzer, Geschütz, Lkw  und auf sonstiger beweglicher Technik ein lateinischer Buchstabe aufgemalt war: "Z". Wie ein Lauffeuer verbreitete sich dieses Zeichen im Internet und wurde schon bald zu dem Symbol, das die Befürworter des russischen Vorgehens nutzen, um ihre Unterstützung auszudrücken. Man findet es aufgemalt auf Autos und Häusern in Russland, in Profilen in sozialen Netzwerken, sei es als Profilbild oder als Ergänzung oder Abwandelung des Profilnamens. Dabei ersetzt das "Z" in russischen Wörtern das stimmhafte "S". Videos mit dem Symbol gehen viral, und in Blogs ranken sich Legenden.

Ein Teil des rasanten Erfolges des militärischen Symbols ist darauf zurückzuführen, dass seine Bedeutung bis zuletzt niemandem bekannt war und so Raum für Spekulationen und Mystifikationen ließ. Ist dies das Zorro-Zeichen? Ist es von einem russischen oder englischen Begriff abgeleitet, wenn ja – von welchem? Eine Anspielung auf den Namen des ukrainischen Präsidenten oder auf die "Dekommunisierung", die Putin der Ukraine angedroht hat? Und wer war der Erfinder dieses Marketing-Coups?

Hätten die Internetkrieger gewusst, wie banal die Bedeutung des Zeichens ursprünglich war, hätte es möglicherweise nicht diese rasante Verbreitung gefunden. Doch zur Bedeutung später. Stellen wir zuerst den Urheber der Marketing-Idee vor. 

Wladimir Grubnik hat einen hohen Preis für seine Überzeugungen bezahlt. Der heute 38-jährige promovierte Mediziner, ein talentierter Chirurg, leidenschaftlicher Odessit und bekennender Sowjetmensch war von Beginn an ein Gegner des ukrainischen Euro-Maidan des Jahres 2014. Im Jahr 2015 griff ihn der ukrainische Geheimdienst SBU auf und beschuldigte ihn des "Terrorismus". Vier Jahre und zwei Monate, davon zwei Jahre in strenger Einzelhaft, verbrachte Grubnik in Untersuchungshaft, ohne Urteil und ohne Aussicht auf ein faires Verfahren, bevor er im Dezember 2019 durch die Volksrepublik Donezk gegen ukrainische Kriegsgefangene ausgetauscht werden konnte.

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat all diese Zustände – foltergleiche Einzelhaft, langjährige Untersuchungshaft ohne Anklage und Urteil – übrigens in seiner Entscheidung vom 17. September 2020 für mit der Europäischen Menschenrechtskonvention vereinbar angesehen. In der ukrainischen Propaganda wird Grubnik bis heute als "der Terrorist von Odessa" tituliert, er selbst bestreitet die gegen ihn erhobenen Vorwürfe. 

Nach seiner Entlassung ließ sich Grubnik in Donezk nieder und betätigte sich – neben seiner Arbeit als Chirurg – als politischer Blogger. Er kritisierte die Untätigkeit Russlands im Donbass-Krieg scharf, sprach eine mehr als deutliche Sprache in Richtung der russischen Machthaber. Erst Anfang Februar 2022 wandelte sich der Ton. Wäre das damals aufgefallen, hätte ein Beobachter vielleicht ahnen können, dass die russische Politik gerade eine scharfe Wendung vollzieht. Zumindest ist das der Zeitpunkt, an dem Grubnik von der bevorstehenden militärischen Intervention in der Ukraine erfährt, für die er sich als Blogger und Aktivist eingesetzt hat.

Es ist aber kein offizieller Auftrag, den Grubnik hat, als er mit einem anderen Blogger Ideen für die informationelle Begleitung der bevorstehenden Ereignisse diskutiert. Ihm fällt auf, dass die Lkw des westlichen Militärbezirkes (auf Russisch: Zapad) mit einem "Z" markiert werden, der Buchstabe wird mit leuchtender Farbe aufgemalt. Die Markierung hat keine andere Funktion als "friendly Fire" vorzubeugen: Piloten sollen auch nachts eigene Technik von der feindlichen unterscheiden können. 

Dann entwickelt sich im Chat dieser Dialog: 

Grubnik: "Lasst uns auf Telegram einen Flashmob starten. Setzen wir auf die Profilbilder ein Z."

"Z als Avatar?"

"Ja! Und erklären keinem, was es bedeutet."

"Geh!"

 "Wie lädt man denn das Avatar herunter?"

"Warte, lass uns einige Muster entwerfen. Kannst du das mal schnell machen?"

Das Geheimnis wurde schließlich am 4. März gelüftet. Der damalige Gesprächspartner von Grubnik hat die Screenshots des damaligen Chatverlaufs und die ersten Entwürfe des Logos auf Telegram geteilt. Grubnik ist der im Nacholgenden erwähnte "Kollege":     

"Ich denke, es ist an der Zeit, das 'streng geheime' Geheimnis des Ursprungs des Buchstabens Z zu lüften.

Das ursprüngliche Copyright gehört dem russischen Verteidigungsministerium – einfach als konventionelle Bezeichnung für die Gruppe 'West', den westlichen Militärbezirk.

Aber die Urheber der Öffentlichkeitskampagne – das sind wir, ein Netzwerk bescheidener Patrioten, die von Noworossija und der Vereinigung des Volkes träumten und träumen. (...)

Wie die Idee entstanden ist, können Sie auf den Screenshots sehen. Die Screenshots sind vom 19. Februar. Keine ausgeklügelten Pläne und Geheimnisse. Die Realität ist, wie immer, banal und einfach.

Aber die Tatsache, dass die Idee so gut ankam, ist ein Verdienst des gesamten russischen Volkes, des Volkes von Noworossija, des Volkes der Volksrepubliken – von ganz Großrussland. Denn nur dank ihnen wurde ein einfaches Symbol mit Bedeutung gefüllt und 'ging unter die Menschen'. Und jetzt gehört es dem ganzen Volk."

So banal ist die Realität: Es war schlicht eine spontane Idee ohne eine von den Erfindern mitgelieferte Bedeutung. Dass aus der spontanen Idee ein großer Wurf wurde und der Buchstabe Z zum Symbol der russischen Militäroperation schlechthin wurde, ist reiner Zufall. Die Idee ging viral, entwickelte ein Eigenleben und wurde mit Bedeutungsinhalten gefüllt, die die Erfinder selbst nicht vorausgeahnt hatten. 

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