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Nowitschok ist kein "Fingerabdruck" des Kreml: Viele Staaten sind im Besitz der Chemiewaffe

Nowitschok ist kein "Fingerabdruck" des Kreml: Viele Staaten sind im Besitz der Chemiewaffe
Russland besitzt nicht als einziges Land die Fähigkeit, Nowitschok herzustellen.
Nachdem in den Proben von Alexei Nawalny laut Bundesregierung "zweifelsfrei" Nowitschok festgestellt wurde, ist die Frage der Urheberschaft für das Giftattentat für viele Medien und Politiker bereits geklärt. Das Nervengift sei wie ein "Fingerabdruck", der Moskau überführe. Doch stimmt das?

Am vergangenen Mittwoch gab die Bundesregierung bekannt, dass "ein Speziallabor der Bundeswehr" in Proben des russischen Oppositionspolitikers Alexei Nawalny den "zweifelsfreien Nachweis eines chemischen Nervenkampfstoffes der Nowitschok-Gruppe" erbracht habe. 

Der deutsche Außenminister Heiko Maas und die Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer geben am 2. September in Berlin gemeinsam Erklärungen zum Zustand des russischen Bloggers und Oppositionellen Alexei Nawalny ab.

Für die CDU/CSU-Bundestagsfraktion liegt bereits auf der Hand, dass dieser Giftstoff "nur mit Hilfe der russischen Regierung beschafft und hergestellt werden konnte". Noch deutlicher äußerte sich der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages. Norbert Röttgen geht davon aus, dass "nur Putin persönlich" hinter diesem Anschlag stecken könne, da man den Giftstoff bereits vom Fall Skripal kenne. Der CDU-Politiker geht davon aus, dass der Kreml "bewusst Fingerabdrücke hinterlassen" habe.

Die Parallelen zum Fall Skripal drängen sich zwangsläufig auf, seitdem nun auch im Fall Nawalny von Nowitschok als Tatwaffe die Rede ist. Wer für das Attentat auf den ehemaligen russischen Doppelagenten Sergei Skripal und dessen Tochter Juli im März 2018 im englischen Salisbury verantwortlich ist, ist weiterhin ungeklärt – auch wenn im Diskurs der Massenmedien die Schuldigkeit des Kreml praktisch als erwiesen dargestellt wird. Einen russischen "Fingerabdruck" des Nervengifts konnten weder die britischen Ermittler noch die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) bestätigen.

Der Linken-Politiker Jan van Aken, seit 2016 im Bundesvorstand der Partei und zwischen 2004 und 2006 als Biowaffeninspekteur für die UN tätig, mahnt jedoch zur Vorsicht, wenn es um eilige Schlussfolgerungen und Schuldzuweisungen im Fall Nawalny geht. Am 2. September sagte er gegenüber den Tagesthemen

Das ist ein in der Sowjetunion damals entwickelter Giftstoff, der aber mittlerweile natürlich bekannt ist, auch andere Geheimdienste können sicherlich auf Nowitschok zurückgreifen. Deswegen liegt der Verdacht nahe, es könnte aus Moskau kommen. Es könnte aber auch von anderen Geheimdiensten sein, die es Moskau in die Schuhe schieben wollen. Das ist alles Spekulation. 

Viele Länder im Besitz von Nowitschok

Russland ist nämlich nicht das einzige Land, das im Besitz des Kampfstoffs ist. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gelangten verschiedene Staaten – darunter Deutschland – in den Besitz des Nervengiftes oder waren in der Lage, dieses unter OPCW-Aufsicht zu synthetisieren.

Das

So ergab sich während der Causa Skripal nach Recherchen von Süddeutsche Zeitung, NDR, WDR und Die Zeit, dass der Bundesnachrichtendienst (BND) bereits in den 1990er Jahren im Besitz einer Nowitschok-Probe war. Damals bot sich demnach ein russischer Wissenschaftler dem deutschen Auslandsgeheimdienst als Informant an und plante, mithilfe seiner Frau eine Probe des von der Sowjetunion unter strengster Geheimhaltung entwickelten Gifts nach Deutschland zu schmuggeln. Für den BND war diese Operation ein voller Erfolg.

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Spätestens seit diesem Zeitpunkt, so der Spiegel, verfügten also nicht nur Deutschland, sondern auch die USA, Großbritannien, Frankreich, die Niederlande und Kanada über die Zusammensetzung und eine Probe des neuen Kampfstoffs. Das Hauptargument der Anschuldigungen, das nur Russland über die Substanz verfüge, mit der die Skripals und nun auch Nawalny vergiftet worden sein sollen, erweis sich somit als nicht stichhaltig.

Als zahlreiche westliche Staaten im Zusammenhang mit der Skripal-Affäre russische Diplomaten auswiesen, weigerte sich Israel, diesen Schritt mitzugehen. Laut der geheimdienstnahen Nachrichtenwebseite DEBKAfile habe sich Tel Aviv seinen westlichen Partnern unter anderem deshalb nicht angeschlossen, weil ein für die israelische Regierung angefertigter Geheimdienstbericht zu dem Schluss kam, dass "mindestens 20" Länder in der Lage seien, Nowitschock herzustellen oder über Vorräte der giftigen Chemikalie verfügten. 

Weiterhin wurde bekannt, dass Tschechien im Jahr 2017 mit Kampfstoffen aus der Nowitschok-Reihe experimentiert hat. Auch wenn Premierminister Andrej Babiš es zunächst leugnete, gab Präsident Miloš Zeman später bekannt, dass der Kampfstoff in der Stadt Brünn zu Forschungszwecken hergestellt wurde. Nach Beendigung des Programms seien aber sämtliche Proben vernichtet worden. Außerdem sei bei den Versuchen eine Substanz zum Einsatz gekommen, die als A-230 bezeichnet wurde, während in der Causa Skripal A-234 zum Einsatz gekommen sein soll. Der Leiter des tschechischen Chemiewaffenzentrums wurde im Übrigen kurz darauf entlassen.

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Ursprünglich wurden die Nervengifte der Nowitschok-Gruppe im Rahmen des Geheimprojekts "Foliant" in den 1970er Jahren als sowjetische Version von amerikanischen Kampfstoffen wie VX entwickelt. Die Sowjets selber nutzten den Namen Nowitschok ("Neuling") im Rahmen des offiziellen Projekts jedoch nie. Anfang der 1990er Jahre machte ein Mitarbeiter des Projekts, Will Mirsajanow, die Informationen und Formeln dieser Kampfstoffgruppe in einem Zeitungsartikel und später in einem Buch bekannt. Seitdem waren die Informationen über Nowitschok überall frei zugänglich.

Russlands Präsident Wladimir Putin: Laut der vorherrschenden Medienberichterstattung hat er ein Gift-Attentat auf Alexei Nawalny befohlen.

Eine der größeren Nowitschok-Produktionsanlagen befand sich einst in Usbekistan und wurde laut einem Bericht der New York Times aus dem Jahr 1999 von den USA abgewickelt. Die USA ließen sich 2015 auch Patente zu chemischen Kampfstoffen des Typs Nowitschok registrieren.

Mafia verübte Mordanschlag mit Nowitschok

Und nicht nur Staaten können in den Besitz des Kampfstoffs gelangen. Anfang der 1990er Jahre wurde der prominente russische Banker Iwan Kiwelidi und seine Sekretärin mit einer Substanz aus der Nowitschok-Familie vergiftet. Wie sich überraschenderweise herausstellte, stammte das Gift aus dem Labor in der geschlossenen Stadt Schichani, in der die Kampfstoffe entwickelt wurden. Wladimir Ugljow, einer der Entwickler der Kampfstoffe, erinnert sich:

Zu Zeiten der Sowjetunion wussten nur Eingeweihte von der Stadt, die nur unter strengsten Geheimhaltungsvorschriften betreten werden durfte.

In einem Interview mit dem SRF erklärte er, dass die Kontrollen nach dem Zerfall der Sowjetunion aber eher lasch waren. So gelang es einem seiner Mitarbeiter, Leonid Rink, Ampullen mit dem Nervengift aus dem Labor zu schmuggeln und an die Mafia zu verkaufen. Die brachte Kiweldi dann damit um, indem sie einen von ihm benutzten Telefonhörer mit dem Gift präparierte. Ugljow selber habe ebenfalls Geld für das Nervengift geboten bekommen, aber abgelehnt. Auch aus Angst vor einer "Falle des Geheimdienstes", wie er erläutert. Heutzutage dürften solche Sicherheits-Fiaskos wie in der chaotischen Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion undenkbar sein. Allerdings ist unklar, ob damals eventuell weitere Mengen des Nervenkampfstoffes verschwanden.

Wenn es nun im medialen Diskurs also heißt, Nowitschok sei gleichbedeutend mit einer russischen "Visitenkarte", dann entspricht das nicht den öffentlich bekannten Tatsachen. 

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