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Martin Luther King: Von der Gefahr für die "nationale Sicherheit“ zum FBI-Helden

Martin Luther King: Von der Gefahr für die "nationale Sicherheit“ zum FBI-Helden
Martin Luther King Jr., Washington, D.C. am 1. Januar 1960
Am dritten Montag im Januar wurde in den USA wieder der sogenannte "Martin Luther King Day" gefeiert. Selbst US-Regierung und FBI scheuen sich nicht, die einst verhasste Ikone der Bürgerrechler posthum zu ehren und dabei für eigene Zwecke bis zur Unkenntlichkeit zu vereinnahmen.

von Kani Tuyala

Der friedfertige Pastor, dem nichts mehr am Herzen lag, als dass endlich Eintracht herrschen möge zwischen allen Bürger der USA und allen Menschen auf dem Erdenrund. Der entrückte Dr. King, der brav von der Gleichberechtigung seiner schwarzen Leidensgenossen träumte, von einer Welt, in der nicht die Farbe der Haut, sondern der Charakter eines Menschen ausschlagend für dessen Leben sein sollte. Hundertausende lauschten seinen Worten beim "Marsch auf Washington". King, ein unbeugsamer, aber dennoch "guter Amerikaner", der immer auch die andere Wange hinhielt und schlussendlich sein Leben selbstlos für die gute Sache opfern musste. Ein "amerikanischer Held".

Martin Luther King, in Chattanooga, Tennessee, USA,  16. Januar 2017.

Danach gefragt, würden wohl die meisten Menschen Martin Luther Kings Leben auf ähnlich eindimensionale Weise beschreiben. Und doch handelt es sich um ein sorgsam gepflegtes und reproduziertes Zerrbild der schwarzen Bürgerrechtsikone, dessen Leben und Wirken am gestrigen Montag – am Martin Luther King Day – in den USA gefeiert wurde.

Der Mann, der jetzt vermeintlich derart verehrt wird, war zu seinen Lebzeiten alles andere als populär. Im Jahr 1963 – King war gerade 34 Jahre alt – hatten nur 41 Prozent der US-Amerikaner ein positives Bild von dem Bürgerrechtler. Nur das sowjetische Staatsoberhaupt Nikita Chruschtschow schnitt in der Beliebtheitsskala demnach noch schlechter ab.

In den Folgejahren befand sich Kings Beliebtheit weiter im freien Fall. Im Jahr 1966 – zwei Jahre vor seiner Ermordung – äußerten zwei Drittel der US-Bürger eine negative Meinung vom längst zur Bürgerrechtsikone gewordenen Dr. King. In seinem letzten Lebensjahr zog kaum eine bekannte Persönlichkeit derart viel Ablehnung auf sich wie Martin Luther King. Selbst der französische Präsident Charles de Gaulle konnte da längst nicht mehr mithalten.

Doch je länger die Ermordung Kings zurückliegt, umso mehr steigt sein Beliebtheitsgrad. Im gleichen Maße sinkt allerdings auch die Auseinandersetzung mit seinem tatsächlichen Wirken zu Lebzeiten. Auch auf diese Weise können Menschen noch posthum "neutralisiert" werden.

Geradezu zwingend erscheint es da, dass Kings Erbe am Martin Luther King Day ausgerechnet von jenen staatlichen Kräften beschworen wird, die ihn zu seinen Lebzeiten verhöhnten, einsperrten und "brennen sehen" wollten.

Das Erbe der Bürgerrechtsikone – die den Kapitalismus scharf verurteilte, Rassismus und die Ausbeutung von Mensch und Umwelt als systemimmanent begriff, sich vehement gegen den US-Krieg in Vietnam aussprach und die große Mehrheit des liberalen US-Establishments entfremdete – wurde so gründlich glattgebügelt, dass dieselben Regierungsinstitutionen, die King damals den Tod wünschten, ihn Jahrzehnte nach seiner Ermordung in den Himmel loben.

Sogenannte

Kings vehemente Ablehnung des US-Kapitalismus durchzog dabei sein gesamtes politisch bewusstes Leben. Für ihn waren dessen Auswüchse unvereinbar mit seinem Glauben.

Wir sagen, dass etwas falsch ist (...) mit dem Kapitalismus. (...) Es muss eine bessere Verteilung des Reichtums geben, und vielleicht muss sich Amerika in Richtung eines demokratischen Sozialismus bewegen. Nennen Sie es, wie Sie wollen, nennen Sie es Demokratie, oder nennen Sie es demokratischen Sozialismus, aber es muss eine bessere Verteilung des Reichtums innerhalb dieses Landes für alle Kinder Gottes geben", erklärte King bei einer Ansprache gegenüber seinen Mitarbeitern im Jahr 1966.

Bei der hasserfüllten Ablehnung Kings spielte die politische Orientierung in Washington folglich eine untergeordnete Rolle.

Im "Kampf gegen den Kommunismus" befahl FBI-Direktor J. Edgar Hoover Martin Luther King und die Bürgerrechtsorganisation Southern Christian Leadership Conference zu überwachen. Um "die kommunistischen Einflüsse auf ihn einzuschätzen", verfolgte das FBI auch "alle von Kings Reisen und Aktivitäten".

Tatsächlich beschloss das FBI nach Kings Rede beim Marsch auf Washington – mit der Zustimmung von Präsident Kennedy –, die Überwachung des Bürgerrechtsführers noch zu verstärken. Da das FBI King als "demagogisch" und "gefährlichste (...) Bedrohung der nationalen Sicherheit" beschrieb, unterzeichnete Generalstaatsanwalt Robert Kennedy die lückenlose Überwachung seiner Wohnräume, Büros, Telefone und Hotelzimmer sowie die seiner Mitarbeiter.

Schließlich hielten die FBI-Abteilungsleiter ein Treffen ab, um "eine vollständige Analyse der Vorgehensweisen zur Neutralisierung Kings" zu diskutieren.

Knapp 50 Jahre nach dessen Unschädlichmachung schlägt man beim Federal Bureau of Investigation allerdings ganz andere Töne an. So veröffentlichte das FBI am Martin-Luther-King-Tag ohne Scham einen Tweet mit einem Zitat von King:

Es ist immer die richtige Zeit, das Richtige zu tun.

Getreu dem Motto: "Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer", denn die Gefahr, die von King ausging, ist schließlich heute gebannt.

Nicht nur versäumte es das FBI, in diesem Tweet zu erwähnen, dass King auch mit Hilfe des FBI dreißig Male in seinem Leben verhaftet wurde. Er war auch ein Hauptziel des COINTELPRO (Counter Intelligence Program). Bei COINTELPRO handelte es sich um ein sogenanntes Programm zur Spionageabwehr des FBI, das linke Aktivisten und Anführer der schwarzen Befreiungs-, sozialistischen und antiimperialistischen Bewegungen ausspionierte, bedrohte und auch vor Mord nicht zurückschreckte. Auch Anführer der Black Panther Party fielen diesem Programm der Bundespolizei FBI zum Opfer.

Die Geschichte von COINTELPRO zeigt, wie weit eine nominell demokratische Regierung gehen kann, um von ihr als bedrohlich empfundene linke Bewegungen auszuschalten – und welche Art von Rückstoß wir als Reaktion auf einen Bewegungsaufschwung im 21. Jahrhundert erwarten können", heißt es dazu in dem Artikel "The FBI's Secret War".

Das Oberhaupt der Hunkpapa-Lakota-Sioux, Sitting Bull, und Offizier George Armstrong Custer vom 7. US-Kavallerie-Regiment.

Als King im Oktober 1964 den Friedensnobelpreis erhielt, zeigte sich das FBI empört. In einer berüchtigten Pressekonferenz im November polterte FBI-Direktor Hoover, King sei der "berüchtigtste Lügner des Landes". Einige Tage nach der Pressekonferenz schickte das FBI King einen anonymen Brief, in dem man ihm nahelegte, sich doch besser umzubringen. In dem Schreiben wird King zudem als ein "böses, anormales Tier" beschrieben, zudem "verrate" und "betrüge" er die "schwarzen Amerikaner".

King, es gibt für Sie nur noch eine Sache zu tun. Sie wissen, was das ist. Sie sind fertig. Es gibt nur einen Ausweg für Sie. Sie sollten ihn besser nehmen, bevor ihr dreckiges, abnormales, betrügerisches Selbst der Nation gegenüber offenbart wird", schließt das anonyme FBI-Schreiben.

King hielt noch drei weitere Jahre durch. Im April 1968 wurde er schließlich ermordet. Einen Monat zuvor wurde in einem FBI-Memo diskutiert, wie "der Aufstieg eines 'Messias' verhindert werden kann, der die militante schwarze nationalistische Bewegung vereinen und elektrisieren könnte". Das geschwärzte Memo deutete an, dass ein Anführer wie King "ein echter Kandidat für so eine Position sein könnte, wenn er seinen vermeintlichen 'Gehorsam' gegenüber den 'weißen liberalen Doktrinen' aufgibt und den schwarzen Nationalismus annimmt".

Drei Jahrzehnte später entschied eine Jury 1999 in einem Zivilprozess im US-Bundesstaat Tennessee, dass die US-Regierung mitverantwortlich für die Ermordung Kings sei.

Aber fünf Jahrzehnte später – und trotz der gut dokumentierten staatlich organisierten Versuche, King psychisch und physisch zu zerstören – benutzen das FBI und andere Regierungsinstitutionen sein Andenken nun, um ihre eigene Geschichte zu verschleiern. Dadurch ehren sie King nicht, sondern sie verzerren sein Erbe bis zur Unkenntlichkeit und töten ihn dadurch ein ums andere Mal erneut.

Der wahre Martin Luther King war radikal und politisch kompromisslos. Obwohl ihm bewusst war, dass er seine Ansichten wohl mit dem Leben bezahlen würde und diesen Tag fürchtete, scheute er sich nicht, den Finger in die Wunde zu legen. Durch das, was er "eine tiefere Ebene des Bewusstwerdens" nannte, war er zu der Ansicht gelangt, dass die US-Regierung "der größte Gewaltverursacher der Welt" sei.

(...) Ich wusste, dass ich nie wieder meine Stimme gegen die Gewalt gegenüber den Unterdrückten in den Ghettos erheben konnte, ohne vorher klar mit dem größten Gewaltverursacher der heutigen Welt gesprochen zu haben: meiner eigenen Regierung. Um dieser Jungs [die US-Vietnamsoldaten, Anm. d. Red.] willen, um dieser Regierung willen, um der Hunderttausenden von Menschen willen, die unter unserer Gewalt zittern, kann ich nicht schweigen", erklärte King in einer Rede im April 1967.

Rosa Parks, 1988

Während er sich immer wieder gegen den herbeigelogenen und verheerenden Vietnamkrieg aussprach, der Millionen von Toten hinterlassen würde, wurde er von vermeintlichen US-Liberalen und Konservativen gleichermaßen scharf angegangen. Die Redaktionen der New York Times und der Washington Post verachteten King.

Ebenso appellierte die Bürgerrechtsikone an die Menschen, "die kapitalistische Wirtschaft in Frage zu stellen".

Wir können unser Problem jetzt nicht lösen, solange es keine radikale Umverteilung der wirtschaftlichen und politischen Macht gibt", war sich King sicher.

King erkannte, dass Rassismus, wirtschaftliche Ausbeutung und Militarismus in einer engen Wechselbeziehung stehen und nicht getrennt voneinander betrachtet werden können.

Es gibt drei große Übel – das Übel des Rassismus, das Übel der Armut und das Übel des Krieges. (...)  Diese drei Übel sind miteinander verbunden. Das dreifache Übel – Rassismus, wirtschaftliche Ausbeutung und Militarismus", erläuterte King in seiner Rede "Die drei Übel" vom Mai 1976.

Mittlerweile lassen es sich auch global agierende Konzerne nicht mehr nehmen, Dr. Martin Luther King jr. zu gedenken. Der Technologiegigant Apple tat dies in diesem Jahr gleich mit einer ganzseitigen Hommage auf der eigenen Webseite. Apple-CEO Tim Cook legte mit einem Zitat von King auf Twitter nach:

Ich habe die Kühnheit zu glauben, dass Menschen überall drei Mahlzeiten am Tag für ihren Körper, Bildung und Kultur für ihr Bewusstsein und Würde, Gleichheit und Freiheit für ihren Geist haben können". Lasst uns alle so mutig sein und daran arbeiten, den Traum von MLK [Martin Luther King, Anm. d. Red.] für uns alle zu verwirklichen.

Erst vor wenigen Wochen reichte die US-amerikanische Menschenrechtsorganisation International Rights Advocates im Namen von 14 Familien aus dem Kongo eine Klage unter anderem gegen den Apple-Konzern ein.

Die Kläger werfen auch Apple vor, den Tod und die Verletzungen von Kindern wissentlich in Kauf genommen zu haben, die in der Demokratischen Republik Kongo (DRK) unter menschenunwürdigen Umständen in Kobaltminen arbeiten müssen. Kobalt ist unter anderem unerlässlich für die Herstellung wiederaufladbarer Lithium-Batterien.

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