Skandal um Insektizid Chlorpyrifos: Fast jedes neugeborene Baby in den USA hat es inzwischen im Blut

Skandal um Insektizid Chlorpyrifos: Fast jedes neugeborene Baby in den USA hat es inzwischen im Blut
US-Präsident Donald Trump hat Pläne der Umweltbehörde durchkreuzt, den landwirtschaftlichen Einsatz des Insektizids Chlorpyrifos zu verbieten.
Chlorpyrifos ist weniger bekannt, aber ebenso umstritten wie der Unkrautvernichter Glyphosat. In der US-Landwirtschaft kommt das Insektizid großflächig zum Einsatz. Verbote scheiterten bisher an der US-Regierung. Die opfert die Gesundheit der Bevölkerung den Konzerninteressen.

Während die EU noch mit sich um die weitere Zulassung des umstrittenen Unkrautvernichters Glyphosat ringt, gerät in den USA eine andere Chemikalie in den Fokus der Öffentlichkeit, die weitflächig in der Landwirtschaft eingesetzt wird. Die Rede ist von dem Insektizid Chlorpyrifos, das von Dow Chemical hergestellt und seit den 1960er Jahren gegen Bodenschädlinge eingesetzt wird. Laut der Los Angeles Times geht das Mittel auf ein Nervengas zurück, das von den Nazis entwickelt wurde. 

Bereits zur Jahrtausendwende verbot die US-Umweltbehörde EPA den Einsatz der Chemikalie in geschlossenen Räumen aufgrund ihrer gesundheitsschädlichen Wirkung. Zwischen den Jahren 1998 und 2001 gesammelte Proben aus New York hatten gezeigt, dass sich das Mittel in der Luft fast aller überprüften Wohnungen nachweisen ließ.

Glyphosat ist eine chemische Verbindung aus der Gruppe der Phosphonate. Es wird seit der zweiten Hälfte der 1970er Jahre zur Unkrautbekämpfung in Landwirtschaft, Gartenbau, Industrie und Privathaushalten eingesetzt. Die Verwendung ist jedoch hoch umstritten.

Die EPA will das Insektenvernichtungsmittel auch aus der Landwirtschaft verbannen. Eine Maßnahme, für die es höchste Zeit wäre: Eine Studie aus dem Jahr 2012 ergab, dass Blutproben, die den Nabelschnüren von Neugeborenen entnommen wurden, in 87 Prozent der Fälle mit der Chemikalie kontaminiert waren. Das Mittel wird für Hirnschäden verantwortlich gemacht, die in verminderter Intelligenz resultieren sowie mit Lungenkrebs und der Parkinson-Krankheit in Verbindung gebracht. 

US-Regierung vereitelt Chlorpyrifos-Verbot 

Die EPA hat das Insektizid nach Angaben der New York Times in Lebensmitteln nachgewiesen, wobei der gesundheitsbedenkliche Grenzwert teilweise um das 140-fache überstiegen wurde. Dabei rufen selbst kleinste Mengen, die bis dahin noch als ungiftig galten, erhebliche Schäden bei Ungeborenen hervor, wie eine weitere Studie aus dem Jahr 2012 ergab. Demnach führt Chlorpyrifos zum Schrumpfen der Großhirnrinde. Gegenüber der New York Times äußerte sich Professorin Virginia Rauh, die zu dem Thema entscheidende Forschungsbeiträge geleistet hat, folgendermaßen: 

Diese Chemikalie wurde entwickelt, um das Nervensystem anzugreifen. Also sollte es nicht überraschen, dass es nicht gut für Menschen ist.

In der EU wurde Chlorpyrifos im Jahr 2006 als Pflanzenschutzmittel genehmigt. Die Zulassung ist auf den 31. Januar 2018 befristet, bis dahin muss über die Anträge auf eine Erneuerung der Genehmigung entschieden werden. In Europa wird beziehungsweise wurde die Chemikalie allerdings nicht so massiv eingesetzt wie in den USA.

Dem langjährigen Vorhaben der EPA, das Verbot des Insektizides nicht nur auf den Hausgebrauch zu beschränken, sondern auch auf die Landwirtschaft auszuweiten, machte die Regierung unter Präsident Donald Trump allerdings einen Strich durch die Rechnung. Kritiker dieser Entscheidung merken an, dass Dow Chemical eine Million US-Dollar in den sogenannten „Inauguration Fund“ zur Amtseinführung Trumps eingezahlt hat.

Trump bringt Umweltbehörde auf Industriekurs

Zudem hat der US-Präsident innerhalb der Umweltbehörde verschiedene Personalwechsel durchgesetzt, die die Vertreter der chemischen Industrie erfreuen dürften. Die abrupte Neuausrichtung der EPA sei Teil einer „breit angelegten Initiative“ der Trump-Regierung, bei der die Bewertung von Gesundheits- und Umweltrisiken „stärker auf die Wünsche der Industrie“ ausgerichtet werden sollen, so die New York Times vor zwei Wochen. Weiter schreibt das Blatt:

Der Konsum von Heroin und anderen opiathaltigen Substanzen hat in den USA epidemische Ausmaße erreicht - nicht zuletzt aufgrund des Wirkens der Pharmalobby.

Die chemische Industrie und viele der Firmen, die ihre Mittel verwenden, preisen jetzt die von der Trump-Regierung eingeschlagene Neuausrichtung und sagen, dass neue Chemikalien nun schneller überprüft werden und bereits existente Chemikalien von einer weniger dogmatischen Herangehensweise bei der Risikobestimmung profitieren. 

Der von Trump angeordnete Personalwechsel in der EPA gleiche einer Situation, wo der Bock zum Gärtner gemacht wird, so die US-Zeitung. Mit einer Politik, die vor allem die Gewinnmaximierung der Konzerne im Auge hat, erweist sich Donald Trump zunehmend als Gesundheitsrisiko für die US-Bevölkerung.

Erst im September hat der Ex-Immobilienmogul den Republikaner Tom Marino zum Vorsitzenden des Amts für Nationale Drogenkontrolle (ONCDP) ernannt. Der Abgeordnete aus Pennsylvania war über Jahre der lauteste Fürsprecher für ein im April 2016 verabschiedetes Gesetz, das die Befugnisse der Antidrogenbehörde DEA im Kampf gegen die derweil grassierende Opiat-Epidemie erheblich einschränkt – schließlich verdient die Pharmaindustrie kräftig mit an der Epidemie, die zum höchsten Stand der Toten durch Drogenmissbrauch in der Geschichte der Vereinigten Staaten führte.

Verbraucher können sich ungeachtet von Regierungsentscheidungen relativ einfach vor den Folgen von Chlorpyrifos schützen, müssen dazu aber tiefer in den Geldbeutel greifen: Der Konsum industriell unverarbeiteter Bio-Lebensmittel führt laut Studien zu einer drastischen Senkung der im Blut nachgewiesenen Werte des Insektizids.

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