Studie: Jeder Zweite, der in den USA von der Polizei getötet wird, erscheint nicht in Statistik

Studie: Jeder Zweite, der in den USA von der Polizei getötet wird, erscheint nicht in Statistik
Ebenso wie diese beiden Polizisten in Las Vegas bleiben viele der Todesfälle in den USA im Dunkeln, die auf Polizeieinsätze zurückgehen.
Laut einer aktuellen Studie der Harvard-Universität wird über die Hälfte derer, die in den USA bei Polizeieinsätzen getötet werden, statistisch nicht erfasst. Besonders hoch ist die Fehlerquote bei Minderjährigen oder Menschen schwarzer Hautfarbe sowie in einkommensschwachen Bezirken.
Eine schwer bewaffnete SWAT-Spezialeinheit am Rande einer Demonstration im Juni in Minnesota. Auch diese Spezialeinheiten zählen zu den Empfängern militärischen Geräts.

Um sich einen genauen Überblick über die Zahl der bei Polizeieinsätzen in den USA getöteten Menschen zu verschaffen, verglichen Forscher der Harvard-Universität in einer Studie die offiziellen Angaben des National Vital Statistics System (NVSS) für das Jahr 2015 mit den Daten von „The Counted“. Das vom britischen Guardian ins Leben gerufene Projekt ermittelt nach eigenen Angaben mithilfe von Bürgern und Basisaktivisten „die wahre Zahl der von Gesetzeshütern getöteten Menschen“ und recherchiert die jeweiligen Umstände.

In dem NVSS werden bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts für das Gesundheitsministerium die Todesfälle in den USA erfasst. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Kategorie „Gesetzliche Intervention“ als einer der Todesumstände eingeführt. Die Zuordnung zu einer bestimmten Kategorie erfolgt in der Regel durch örtliche Ärzte und Gerichtsmediziner. 

Tod nach Polizeieinsatz: Über die Hälfte der Fälle werden nicht aufgeführt

Die Harvard-Forscher verglichen nun die Angaben von The Counted mit denen des NVSS. Laut The Counted kamen im Zeitraum des Jahres 2015 insgesamt 1.146 Menschen in den Vereinigten Staaten bei Polizeieinsätzen ums Leben. Davon entsprachen 60 Fälle nicht der Definition einer „Gesetzlichen Intervention“. In den übrigen 1.086 Fällen sichteten die Forscher die jeweiligen Sterbeurkunden.

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Sie fanden heraus, dass eine Mehrheit davon – 599 Todesfälle - fälschlicherweise nicht einer „Gesetzlichen Intervention“ zugeordnet wurde, sondern nur pauschal einem „Angriff“. Demnach wird die Zahl der von Polizeibeamten getöteten Menschen in den offiziellen Angaben stark untertrieben. „Die Datenqualität ist momentan schlecht und inakzeptabel“, sagte der Projektleiter Justin Feldman gegenüber dem Guardian.

Um das Problem der Todesfälle im Zusammenhang mit dem Gesetzesvollzug wirksam anzugehen, braucht die Öffentlichkeit bessere Daten darüber wer, wo und unter welchen Umständen getötet wird."

Auf der Ausschau nach Verdächtigen: In vielen Bundestaaten darf die Polizei das Vermögen von verdächtigen Personen dauerhaft beschlagnahmen und anschließend behalten.

Statistische Nichterfassung ist ein spezifisches Problem 

Feldman merkte zudem an, dass das Problem der statistischen Erfassung der Umstände von Todesfällen nur im Zusammenhang mit tödlich verlaufenden Polizeieinsätzen bestehe. Dagegen sei die Genauigkeit der Kategorisierung der Umstände bei Tötungsdelikten allgemein „sehr hoch“. Eine in diesem Zusammenhang zitierte Studie aus dem Jahr 2014 beziffert die Zahl der richtig zugeordneten Fälle auf 99 Prozent.

Hingegen werden 55,2 Prozent der Todesfälle, die insgesamt auf Polizeieinsätze zurückzuführen sind, falsch zugeordnet. Die fehlerhaften Abweichungen variieren dabei stark von Bundestaat zu Bundesstaat. So betrage die Fehlerquote in Washington lediglich 17,6 Prozent, während sie in Oklahoma bei unübertrefflichen 100 Prozent liege.

In Oklahoma wurden im Jahr 2015 über 30 Personen von der Polizei getötet, was in keiner der jeweiligen Sterbeurkunden aufgeführt wurde“, so Feldman.

Laut der Harvard-Studie fällt die Fehlerquote mit über 60 Prozent besonders hoch aus, wenn es sich bei den Getöteten um Minderjährige oder Menschen mit schwarzer Hautfarbe handelt. Ebenso verhält es sich, wenn die Betroffenen nicht durch Schusswaffeneinsatz, sondern durch andere Mittel wie "Taser" (46 Todesfälle) oder in einkommensschwachen Gegenden ums Leben kamen.

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