Wenn ein Spion das Essen kocht: Wie die CIA iranische Wissenschaftler anwarb

Wenn ein Spion das Essen kocht: Wie die CIA iranische Wissenschaftler anwarb
Die Eingangshalle des CIA-Hauptquartiers in McLean, Virginia.
Um ausländische Wissenschaftler für sich zu gewinnen, betreibt die CIA einen immensen Aufwand. Am Dienstag lieferte der Guardian einen Einblick in die Rekrutierungspraxis des US-Geheimdienstes. Im Fokus: Anwerbungsversuche iranischer Atomwissenschaftler.

In einem Artikel vom Dienstag gibt der Guardian einen seltenen Einblick in die Rekrutierungspraxis der CIA. Im Mittelpunkt stehen dabei die aufwendigen Versuche des US-Auslandsgeheimdienstes, iranische Nuklearwissenschaftler für sich zu gewinnen.

Internationale wissenschaftliche Konferenzen spielen dabei eine Schlüsselrolle. Sie bieten sich an, um mit ausländischen Akademikern auf unverdächtige Weise in Kontakt treten zu können. Die britische Zeitung schreibt:

Mike Pompeo während seiner Vereidigung als CIA-Direktor am 12. Januar 2017.

Die Wichtigkeit einer Konferenz zeigt sich vielleicht nicht an der Anzahl der teilnehmenden Nobelpreisgewinner, sondern an der Anzahl der anwesenden Spione. Geheimdienstoffiziere aus den USA und aus dem Ausland bevölkern diese Konferenzen aus demselben Grund, aus dem sich Armee-Anwerber auf einkommensschwache Nachbarschaften konzentrieren: Sie geben die besten Jagdgründe ab. Während es auf einem Uni-Campus vielleicht nur ein oder zwei Professoren gibt, die für Geheimdienste von Interesse sind, können es bei der richtigen Konferenz – zur Drohnentechnologie oder dem "Islamischen Staat" – Dutzende sein.

Der US-Geheimdienst belässt es laut dem Guardian nicht dabei, solche Konferenzen zu infiltrieren, um mit dem Objekt der Begierde auf Tuchfühlung gehen zu können. Er richtete - unter dem Deckmantel von Tarnorganisationen – solche Zusammenkünfte nicht selten gleich selbst aus, um beispielsweise iranische Atomwissenschaftler in ein von ihm kontrolliertes Umfeld zu locken.

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Die Konferenzteilnehmer ahnten nicht, dass sie in einem Drama auftraten, das die Realität simulierte, aber von weiter Entfernung aus inszeniert wurde. Ob die nationale Sicherheit diese Manipulation der Professorenschaft rechtfertigt, kann diskutiert werden, aber es gibt wenig Zweifel, dass sich die meisten Akademiker dagegen gesträubt hätten, an den betrügerischen CIA-Machenschaften mitzuwirken.

Anwerbung zwischen Tür und Angel

Die CIA gab Millionenbeträge aus, um solche Veranstaltungen in unverdächtig wirkenden Wissenschaftszentren im Ausland zu organisieren. Der Geheimdienst suchte die Redner aus und lud die Gäste ein. Seine Agenten platzierte er sogar im Küchenpersonal und der sonstigen für die Durchführung der Konferenz angeheuerten Belegschaft. Der ganze Aufwand wurde in der Hoffnung betrieben, die Zielperson für einen kurzen Moment alleine antreffen zu können.

Kommt es zum Erstkontakt, wird die Zielperson ohne Umschweife angegangen. Der Guardian berichtet über ein entsprechendes Tête-à-Tête eines CIA-Agenten mit einem iranischen Nuklearwissenschaftler. Der Agent klopft spätabends an der Hotelzimmertür des Iraners. In das Zimmer hatte die CIA zuvor Überwachungstechnologie installiert. Als der Wissenschaftler seine Tür öffnet, wird er ohne Vorrede mit dem Anliegen des US-Dienstes konfrontiert:

'Ich bin von der CIA und ich möchte, dass sie zusammen mit mir einen Flug in die USA nehmen'. Der Agent konnte die Reaktion des Iraners in dessen Gesicht ablesen: eine Mischung aus Schock, Angst und Neugier. Aus seiner Erfahrung mit vorherigen Überläufern kennt er die tausend Fragen, die dem Wissenschaftler nun durch den Kopf schießen: Was ist mit meiner Familie? Wie werdet Ihr mich schützen? Wo werde ich leben? Wovon werde ich leben? Wie bekomme ich ein Visum? Habe ich Zeit, zu packen? Was passiert, wenn ich nein sage? Der Wissenschaftler wollte gerade eine Frage stellen, da unterbrach ihn der Agent. 'Holen Sie zuerst den Eiskübel', sagte er. 'Warum?', fragte der Iraner. 'Wenn einer Ihrer Wächter aufwacht, können Sie ihm sagen, dass sie nur Eis holen gehen wollen.'

Um die Chancen zu erhöhen, die Zielperson alleine anzutreffen, vergiftete das CIA-Küchenpersonal auch schon mal das Essen ihrer Leibwächter, damit diese ihre Zeit mit Durchfall auf der Toilette verbringen.

Eines der berühmtesten Motive des 20. Jahrhunderts schoss der Fotograf Alberto Korda im März 1960 in Havanna.

Internationales Stelldichein der Schlapphüte

"Anwerbung ist ein langer Prozess der Verführung", so Mark Galeotti gegenüber dem Guardian. Laut dem Professor von der New York University, der einst dem britischen Außenministerium als Sonderberater diente, gehe es in der ersten Phase schlichtweg darum, mit der Zielperson im selben Workshop zu sitzen.

Selbst wenn du nur Banalitäten austauschst, das nächste Mal kannst du dann sagen: 'Haben wir uns nicht schon in Istanbul gesehen?'

Laut dem Guardian-Bericht nutzen die Geheimdienste aller Herren Länder wissenschaftliche Konferenzen als Rekrutierungspool. "Ausländische Geheimdienstoffiziere versuchen, Amerikaner anzuwerben; wir versuchen, sie anzuwerben", zitiert die Zeitung einen ehemaligen FBI-Agenten. Auf einer Konferenz der Internationalen Atomenergie-Organisation in Wien etwa säßen "wahrscheinlich mehr Geheimdienstoffiziere als tatsächliche Wissenschaftler", so Gene Coyle, der 30 Jahre lang für die CIA arbeitete.

Es ist jedoch davon auszugehen, dass kein anderes Land einen solchen Aufwand wie die Vereinigten Staaten betreibt. Manche Konferenzen seien von CIA-Agenten so sehr "überflutet", dass die Gefahr bestehe, die US-Schlapphüte könnten einander beim Anwerben einer bestimmten Person in die Quere kommen.

Und nicht immer verläuft die Zusammenarbeit, so sie denn zustandekommt, auf freiwilliger Basis. Eine perfide Masche besteht etwa darin, einem ausländischen Wissenschaftler über eine unverdächtig scheinende Tarnorganisation Gelder zur Finanzierung eines Projektes zukommen zu lassen – Finanziers für die eigene Forschung zu finden, ist schließlich eines der Hauptmotive für die Teilnahme an solchen Konferenzen. Nimmt jemand im guten Glauben das Geld an, hat ihn der US-Dienst am Wickel:

Sobald die CIA einen ausländischen Professor bezahlt, kontrolliert sie ihn, selbst wenn dieser sich der Finanzierungsquelle zunächst nicht bewusst ist, weil die Enthüllung dieser Beziehung dessen Karriere oder sogar sein Leben in seinem Heimatland gefährden könnte.

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