9/11-Anschläge: Saudi-Arabien soll Testlauf der Terrorattacke finanziert haben

9/11-Anschläge: Saudi-Arabien soll Testlauf der Terrorattacke finanziert haben
Entsetzliche Szenen in New York am Morgen des 11. September 2001: Nachdem Flugzeuge in sie hineingekracht waren, stürzten die Zwillingstürme des World Trade Center in einer riesigen Wolke aus Schutt und Staub in sich zusammen.
Die Anschläge vom 11. September 2001 beschäftigen immer noch US-Gerichte. Hunderte Hinterbliebene von Opfern der Terrorattacke führen eine Klage gegen Saudi-Arabien. Das Königreich soll die Terroristen unterstützt haben. Neue Indizien stützen diesen Vorwurf.

Im September letzten Jahres hatte der US-Kongress den Weg freigemacht, der es Hinterbliebenen von Opfern von Terroranschlägen in den USA ermöglicht, Staaten auf dem zivilen Klageweg wegen Terrorunterstützung zu belangen.

Hintergrund war die mutmaßliche Verwicklung Saudi-Arabiens in die Anschläge vom 11. September 2001 ("9/11"), bei denen fast 3.000 Menschen starben. Laut offizieller Darstellung hatten 19 Al-Kaida-Mitglieder auf Geheiß Osama Bin Ladens, darunter 15 saudische Staatsbürger, vier Flugzeuge entführt, wovon sie zwei in die Zwillingstürme des World Trade Centers in New York steuerten. Eine weitere Maschine krachte in das Pentagon-Gebäude in Washington, D.C., das vierte entführte Flugzeug stürzte in ein Feld in Pennsylvania, nachdem Passagiere die Terroristen überwältigen konnten.

Die 9/11-Anschläge bilden laut Ganser die Rahmenerzählung für darauf folgende Kriege.

Familienangehörige von 9/11-Opfern versuchen schon seit langem, die Rolle Saudi-Arabiens bei der Terrorattacke aufzuklären. Im März reichten rund 800 Hinterbliebene in den USA eine Zivilklage gegen Saudi-Arabien ein, da das Königreich die 9/11-Attentäter finanziell und logistisch unterstützt haben soll.

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Vermeintliche Studenten fielen bereits durch verdächtige Fragen auf

Am Wochenende machte die New York Post neue Vorwürfe bekannt, die im Zusammenhang mit der Klage erhoben werden und die sich auf FBI-Dokumente stützen. Laut diesen sollen zwei als Studenten getarnte saudische Agenten im Jahr 1999 einen "Testlauf" der Terrorattacke geprobt haben, indem sie auf einem Flug von Washington nach Phoenix mehrmals versucht haben sollen, in das Cockpit einzudringen. Noch am Boden hätten sie dem technischen Personal verdächtig erscheinende Fragen gestellt. Den Klägern zufolge hätten sie auf diese Weise versucht, die Sicherheitsvorkehrungen in Flugzeugen im Vorfeld der 9/11-Attacke zu testen.

Das Verhalten der Männer veranlasste den Piloten schließlich, die Maschine außerplanmäßig zu landen. Das FBI verhörte daraufhin die angeblichen Studenten, deren Flugtickets von der saudischen Botschaft finanziert worden waren. Die Behörde ließen die Männer wieder gehen, die sie als "Agenten des Netzwerks des saudischen Königreichs in den USA" identifiziert hatten.

Verbindungen zu Al-Kaida und der saudischen Regierung 

Die Saudis namens Mohammed al-Qudhaeein und Hamdan al-Shalawi sollen zuvor in Afghanistan in einem Al-Kaida-Trainingslager ausgebildet worden sein. Zur gleichen Zeit haben sich dort der New York Post zufolge auch einige der mutmaßlichen 9/11-Entführer aufgehalten. Auch während ihres Aufenthalts in den Vereinigten Staaten sollen sie Kontakt zu einem der späteren Entführer sowie anderen Al-Kaida-Mitgliedern gehabt haben. Einer der beiden Männer habe einen Monat vor den Anschlägen versucht, wieder in die USA einzureisen. Das sei ihm aber verwehrt worden, weil er inzwischen auf einer Terrorliste stand.

Qudhaeein habe für das saudische Ministerium für Islamische Angelegenheiten gearbeitet. Auch bei Shalawi habe es sich um einen "langjährigen Angestellten der saudischen Regierung" gehandelt. Während ihres Aufenthalts in den USA sollen sie in "regelmäßigem Kontakt" zu saudischen Beamten gestanden haben.

Wir sind schon lange der Ansicht, dass es langanhaltende und enge Beziehungen zwischen Al-Kaida und den religiösen Teilen der saudischen Regierung gibt", zitiert die New York Post den klageführenden Anwalt Sean Carter.

US-Regierung führte Öffentlichkeit hinters Licht

Auf die Spur der als Studenten getarnten Agenten kamen die Kläger durch einen Bericht, der im Juli 2016 nach 15 Jahren Geheimhaltung veröffentlicht wurde. Das FBI hatte das 28-seitige Dokument nach dem 11. September 2001 für den Kongressausschuss angefertigt, der die Anschläge untersuchte. Der Bericht bestätigte Vermutungen, die bereits in den Jahren vor seiner Veröffentlichung in Medien kolportiert wurden – nämlich, dass Saudi-Arabien die 9/11-Terroristen unterstützte.

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Vor dem Militärgericht auf dem US-Stützpunkt in Guantanamo beginnen die Voranhörungen zum 9/11-Prozess. Zwischenzeitlich waren dort fast 800 Personen unter teilweise unmenschlichen Bedingungen inhaftiert.

Nach der Freigabe des Berichts schrieb die New York Post:

Jetzt wissen wir, warum die 28 Seiten 15 Jahre lang hinter Schloss und Riegel verschwanden: Sie zeigen, dass die Attentäter in den USA von saudischen Diplomaten und Agenten im Vorfeld der Anschläge Hilfe erhielten.

Das konservative Blatt ging auch mit der US-Regierung hart ins Gericht, denn diese habe den 9/11-Hinterbliebenen den Zugang zu Beweisen verwehrt und die Öffentlichkeit hinters Licht geführt. Die Zeitung sprach von einer "monströsen Lüge":

Fünfzehn Jahre lang wurde uns erklärt, dass Al-Kaida alleine und ohne staatliche Unterstützung handelte. Uns wurde weisgemacht, dass fünfzehn Saudis, die kaum Englisch sprachen, keinerlei Unterstützung erhielten, als sie in den USA waren. Sie hätten isoliert operiert, wie Besucher aus dem All. 

Saudische Agenten als Hintermänner

Im Zentrum des Skandals um die Verwicklung Saudi-Arabiens in die Terrorattacke von 9/11 steht Omar al-Bayoumi, der vom FBI bereits zuvor als saudischer Agent identifiziert worden war. Er soll "Zugang zu unbegrenzter Finanzierung aus Saudi-Arabien" gehabt haben, heißt es im Abschlussbericht des US-Kongresses.

Alleine 400.000 US-Dollar stellte al-Bayoumi für den Kauf einer Moschee in San Diego zur Verfügung, die von muslimischen Extremisten frequentiert wurde. In der kalifornischen Stadt verschaffte der mutmaßliche Agent zudem Nawaf al-Hamzi und Khalid al-Mihdhar eine Wohnung, hinterlegte die Kaution und bezahlte fortan die Miete, wie aus FBI-Dokumenten hervorgeht. 

Die beiden Saudis waren im Januar 2000 als erste der 19 mutmaßlichen Hijacker in die USA eingereist – ungehindert, obwohl sie von US-Geheimdiensten bereits als Al-Kaida-Mitglieder identifiziert worden waren. Al-Bayoumi hatte ihnen "erhebliche Unterstützung" zukommen lassen, heißt es in dem im Vorjahr freigegebenen Bericht.

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Al-Hamzi und al-Mihdhar gelten als führende Köpfe unter den 9/11-Terroristen. In dem Haus, in dem sie ihre Wohnung bezogen, lebte auch der FBI-Informant Abdussattar Shaikh (Deckname "Muppet"), dessen Vernehmung durch die offizielle 9/11-Untersuchungskommission die Regierung unter Präsident George W. Bush aber verhindert hatte.

Gleich gegenüber wohnte Osama Bassnan, den US-Ermittler als "engen Gefährten" al-Bayoumis mit "vielfältigen" Kontakten zur saudischen Regierung beschrieben. Laut dem Kongressbericht handelte es sich bei Bassnan um einen Unterstützer Osama bin Ladens mit Verbindungen zu den 9/11-Hijackern.

9/11: Die Bilder brannten sich ins Gedächtnis. Doch auch 15 Jahre später bleiben Fragen offen.

Der zwielichtige Freund des US-Präsidenten

Die beiden mutmaßlichen Agenten Bassnan und al-Bayoumi erhielten – vermittelt über ihre Ehefrauen – Geldzahlungen in Höhe von mehreren zehntausend US-Dollar vom damaligen saudischen US-Botschafter Prinz Bandar ibn Sultan, der später den saudischen Geheimdienst leitete. Ob die Gelder zur Finanzierung der Anschläge verwendet wurden, lässt sich nicht beweisen. Das FBI stellte jedoch fest, dass die Ehefrau von Bassnan keine Pflegedienste anbot, für die die Zahlungen offiziell erfolgt waren.

Prinz Bandar ibn Sultan war seinerseits ein enger Freund des US-Präsidenten George W. Bush, der ihm gar den Spitznamen "Bandar Bush" verlieh. Über den saudischen Botschafter heißt es auf Wikipedia, dass dieser "praktisch selbst Regierungsmitglied" war.

Er besuchte unangemeldet das Weiße Haus und galt als der einzige in Washington angesiedelte Botschafter, der Personenschutz durch das Auswärtige Amt erhielt.

Womöglich habe kein Botschafter jemals einen so großen Einfluss in Washington gehabt, so die Online-Enzyklopädie. Ein enger Freund des US-Präsidenten, der die Hintermänner der 9/11-Terroristen finanziert? Das war der offiziellen 9/11-Untersuchungskommission dann wohl doch zu brisant.

In ihrem Abschlussbericht behauptete sie wahrheitswidrig, keine Beweise für eine Finanzierung der Al-Kaida-Mitglieder in den USA durch Bedienstete einer ausländischen Regierung gefunden zu haben. Woher die Gelder für die Finanzierung der 9/11-Operation stammten, konnte die Kommission angeblich nicht feststellen. Aber diese Frage sei ohnehin nur von "geringer praktischer Bedeutung", schrieb sie in ihrem Bericht.

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