Bizarre Rechnung bei US-Medien: "Lieber eine Million tote Nordkoreaner als Tausend tote Amerikaner"

Bizarre Rechnung bei US-Medien: "Lieber eine Million tote Nordkoreaner als Tausend tote Amerikaner"
Eine B-1B der US-Luftwaffe während eines gemeinsamen Manövers mit Südkorea
Das Säbelrasseln zwischen Nordkorea und den USA geht weiter. Keiner der beiden Kontrahenten scheint bereit einzulenken. Im Gegenteil: Trotz diplomatischer Bemühungen Russlands und Chinas werden die Rufe nach einem Militärschlag durch Washington lauter.

von Dr. Kani Tuyala

Ob es letztendlich dazu kommen wird, ist eine andere Frage. Doch es ist schon erstaunlich, wie wenig Bereitschaft Pjöngjang und Washington zeigen, den gordischen Knoten zu durchtrennen und die schwere Krise am Verhandlungstisch zu lösen. Von Seiten des internationalen Parier-Regimes Nordkoreas mag man nichts anderes erwarten, doch wie ist es um die USA als eine in ihrem Selbstverständnis von humanistischen Werten geleitete Weltmacht bestellt?

Proteste gegen die Aufstellung von THAAD in Seongju, South Korea, 7. September 2017

Zumindest aktuell zeigt die grundlegende Argumentation in die entgegengesetzte Richtung. Hier das kriegslüsterne Nordkorea, dort die sich bedroht fühlenden, defensiven USA und deren Verbündeten Japan und Südkorea. Verschiedenste US-Medien reproduzieren nicht nur das entsprechende Narrativ, sondern schüren das Feuer, dessen Funkenflug zu einem Flächenbrand bisher nicht gekannter Intensität führen könnte. Doch es ist erneut der humanistische Grundgedanke, allerdings in seiner Perversion, der ins Feld geführt wird, um gar einen Krieg zu rechtfertigen:

Die Worte, die wir in Beziehung mit Nordkorea nie hören sollten, sind: ‚hätten wir doch bloß etwas getan'."

Eine perfide Reminiszenz an das Prinzip der Appeasement-Politik. Um deren Scheitern zu verhindern, so die Argumentationslinie im Meinungsartikel etwa der New York Post, seien auch hundertausende Opfer einzukalkulieren. Diese sollen aber freilich vor allem beim Gegner zu beklagen sein:

Lieber eine Million tote Nordkoreaner als Tausend tote Amerikaner", lautet dabei die bizarre Rechnung.

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Die US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Nikki Haley, konstatierte:

Kim Jong-un bettelt um Krieg. Krieg ist nie etwas gewesen, was die Vereinigten Staaten wollen - wir wollen ihn auch jetzt nicht - aber die Geduld unseres Landes ist nicht unbegrenzt. Wir werden unsere Verbündeten und unser Territorium verteidigen."

Dass die Worte angesichts der jungen, dafür aber äußerst interventionistischen und kriegerischen Geschichte der USA skuril anmuten, sei dahingestellt. Doch wenn Korea tatsächlich um einen Krieg betteln sollte, sollten die obersten Hüter der westlichen Werte dann tatsächlich in diese Falle tappen? Zumindest die entsprechende Rechtfertigung wird aktuell in den US-Medien fleißig rauf und runter gebetet:

Wenn wir durch Nordkorea mit nuklearer Vernichtung bedroht werden, ist eine militärische Antwort nicht unethisch", heißt es des Weiteren in genanntem Artikel.

Darüber wer hier wen bedroht, wird schon längst nicht mehr diskutiert. Doch eines steht zumindest fest. Vom nordkoreanischen Regime ging bislang noch kein bewaffneter Konflikt aus. Ganz anders verhält es sich da mit den Vereinigten Staaten. Sie sind auch der einzige Staat, der jemals die Atombombe tatsächlich eingesetzt hat - selbstverständlich zum Wohle der Menschheit. Hinter verschlossenen Türen finden derzeit Verhandlungen statt, doch allein China oder gar Russland für deren gelingen verantwortlich zu machen, ist bei weitem zu kurz gegriffen.

Nordkoreas Staatschef Kim Jong-un trifft sich mit Wissenschaftlern und Ingenieuren, um über das Atomwaffenprogramm zu sprechen.

Nur wenige Journalisten und Politiker besitzen genügend Courage, um die aktuelle Politik gegenüber Nordkorea zu kritisieren. So etwa die deutsch-südkoreanische Professorin, Journalistin und Dokumentarfilmerin Sung-Hyung Cho. Sie verwies in der Phoenix Runde auf die Sanktionen gegen Nordkorea, die, wie überall auf der Welt, vor allem die Zivilbevölkerung treffen:

Dass die ganze Welt Nordkorea isoliert, das ist eigentlich sehr unmenschlich. Nordkorea ist nicht in der Lage, seine eigene Bevölkerung zu ernähren", so die Professorin.

Sie kann ihren Gedanken jedoch zunächst nicht zu Ende bringen, da sie von der Moderatorin Anke Plättner mit der Frage unterbrochen wird, ob es denn nicht in allererster Linie das nordkoreanische Regime sei, dass unmenschlich gegenüber seiner Bevölkerung vorgehe. Der unbeholfene Versuch der Gegenargumentation offenbart dabei eine bizarre Logik. Weil also Nordkorea die Bedürfnisse und Rechte seiner Bevölkerung mit Füßen tritt, ist es demnach seitens der sogenannten internationalen Gemeinschaft legitim, der Zivilbevölkerung ebenfalls großes Leid zuzufügen - schließlich hat man ja wie immer beste Absichten.

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Die darauf folgende Aussage Sung-Hyung Chos bringt die Problematik dabei auf folgenden Punkt:

Wenn wir wirklich die Guten sind, dann müssen wir den ersten Schritt machen und nicht warten, bis Nordkorea sich ändert oder zu uns kommt. Es ist umgekehrt: Wir sind die Guten, dann sollten wir Gutes tun, zuerst.

In Zusammenhang mit den gegen Nordkorea verhängtn Sanktionen erklärte der russische Präsident Wladimir Putin jüngst bei einem Treffen mit seinem südkoreanischen Amtskollegen Moon Jae-in in Wladiwostok:

Sie [die Nordkoreaner] würden, wie ich es gestern bei einem Treffen mit meinen Kollegen gesagt habe, Gras essen. Verstehen Sie? Aber sie werden dieses Programm nicht aufgeben [das nordkoreanische Atomprogramm], wenn sie sich nicht sicher fühlen."

Doch wofür sich um die Befindlichkeiten eines „irren“ Diktators sorgen, wenn eine Million tote Nordkoreaner verschmerzbar sind, um vermeintlich den Frieden zu bewahren? Was die Nordkoreaner von sich geben, sind in dieser Lesart ohnehin nur Ablenkungsmanöver, um ihre diffusen finsteren Ziele der Zerstörung in die Tat umzusetzen. Kein James-Bond-Bösewicht kann es mit der Verschlagenheit des Despoten in Pjöngjang aufnehmen.

Da spielt es auch keine Rolle, was der stellvertretende UN-Botschafter Nordkoreas bei den Vereinten Nationen, Kim In Ryong, zum Statement Haleys zu sagen hatte:

Solange die feindselige Politik und nukleare Bedrohung der USA weitergehen, wird die Demokratische Volksrepublik Korea ihre nukleare Abschreckungsfähigkeit niemals auf den Verhandlungstisch legen."

Es waren China und Russland, die in dieser Hinsicht die Initiative übernahmen, um beiden Seiten die Zweifel und Ängste zu nehmen. Nordkorea werde sein militärisches Aufrüstungsprogramm nicht unter dem Druck von Sanktionen und militärischen Drohungen aufgeben, mahnte Putin. Aufgrund der Beispiele Libyens und des Iraks sei die nordkoreanische Führung zu der Überzeugung gelangt, dass die atomare Abschreckung die einzige zuverlässige Option ist, ihre Sicherheit zu gewährleisten.

Der Vorschlag aus Peking und Moskau lautete daher, dass beide Seiten nachgeben müssten. Ja, es klingt mittlerweile absurd. So sollten die USA keine gemeinsamen Manöver mehr mit Südkorea in örtlichen Gewässern abhalten und Nordkorea dafür sein Atomprogramm einstellen. Der Knoten wäre gelöst.

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Ebenfalls befremdlich für westliche Ohren muss da ein weiterer Vorschlag des südkoreanischen Präsidenten Moon Jae-in und Wladimir Putins geklungen haben. Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz warben beide für Diplomatie und Inklusion und nicht Eskalation gegenüber Nordkorea:

Wir haben uns darüber verständigt, die Grundlage für die Umsetzung trilateraler Projekte unter Teilnahme der beiden Koreas zu stärken", so der südkoreanische Staatschef.

Doch die Befürworter eines Wandel durch Annäherung sind, zumindest in den US-Medien, aktuell nicht mehrheitsfähig. Verhandeln gilt als Schwäche, gar als „intellektuelles Opiat“, wie es bei der New York Post heißt. Der Hinweis darauf, dass es keine militärische Lösung des Konflikts geben kann, wird als „unverantwortliche Behauptung“ diskreditiert.

Die eigentliche Rechtfertigung seitens der USA, weiter an der Eskalationsschraube zu drehen, lautet, dass der nordkoreanische Machthaber Kim Jong-un unberechenbar und jederzeit mit einem atomaren Erstschlag Pjöngjangs zu rechnen sei. Doch dass der nordkoreanische Präsident irrational agiert, verneinen Experten und Beobachter. Zumindest scheint er nicht unberechenbarer als US-Präsident Donald Trump. So argumentierte die Neue Züricher Zeitung im Zusammenhang mit dem jüngsten nordkoreanischen Test einer Wasserstoffbombe:

Donald Trump spricht zu Journalisten über Nordkorea, New Jersey, USA, 11. August 2017.

Der Test einer Bombe mit offensichtlich sehr hoher Sprengkraft macht eine militärische Intervention der Großmächte noch riskanter und damit unwahrscheinlicher. Er zementiert Kims Regime in Nordkorea. Deshalb ist auch der neueste Atombombentest kein Grund, einen bevorstehenden Atomkrieg zu befürchten. Kim hat alles Interesse daran, den für ihn idealen Zustand der stetig im Bewusstsein der Weltöffentlichkeit gehaltenen Abschreckung aufrechtzuerhalten. Ein Atomangriff auf eine der Großmächte oder das von den USA protegierte Südkorea wäre dagegen selbstmörderisch."

Ohnehin scheint bei der Verurteilung Nordkoreas eine gehörige Portion Doppelmoral die Urteilskraft, wie bei anderen Krisenherden, zu beeinträchtigen. Das sieht auch die deutsch-südkoreanische Journalistin in der Phönix Runde so:

Warum nur Nordkorea? Wenn es um Nordkorea geht, wird man sofort total emotional. Sofort denkt man in den Kategorien gut und böse. Aber es gibt genug andere Länder wie Saudi-Arabien. Saudi-Arabien ist ein Verbündeter für die USA."

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Ohne auch nur eine Sekunde inne zu halten, halten die Anwesenden instinktiv dagegen. Als Antwort auf die Frage der Dokumentarfilmerin und Journalistin lässt Moderatorin Plättner dann folgenden Satz fallen:

(...) Weil Nordkorea provoziert mit Raketen."

Dass Saudi-Arabien als treuer Freund der westlichen Wertegemeinschaft längst über das Stadium des Provozierens, wie etwa im Jemen, hinaus gewachsen ist, spielt dabei keinerlei Rolle. Ja, die nordkoreanische Führung spielt mit dem Feuer und die Bevölkerung leidet, doch wie verantwortungsvoll und reif verhält sich die „unverzichtbare Nation" der USA? Dies mag mit der interventionistischen US-Tradition zusammenhängen. In schon längst geflügelten Worten, fasste der General a.D. Wesley Clark deren Geist einmal so zusammen:

Wenn das einzige Werkzeug, das du besitzt, ein Hammer ist, muss jedes Problem wie ein Nagel aussehen."

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