USA: Ein von Google geförderter Think Tank entlässt Google-kritische Wissenschaftler

USA: Ein von Google geförderter Think Tank entlässt Google-kritische Wissenschaftler
Bringt Google kritische Stimmen zum verstummen?
Eine Gruppe von US-Wissenschaftlern, geleitet von dem Forscher Barry Lynn, begrüßte die im Juni ausgesprochene Rekordstrafe der EU gegen Google. Nun wurden die Wissenschaftler entlassen. Pikant: Google gehört zu den größten Förderern des Think Tanks.

Seit ihrer Gründung im Jahr 1999 bekam der Think Tank New America Foundation insgesamt mehr als 21 Millionen Dollar von Google sowie von Ex-Google-Chef Eric Schmidt und dessen Familienstiftung. Mit dem Geld schaltete sich die Denkfabrik in politische Debatten ein und unterstützte Google dabei, diese Debatten mitzugestalten.

Als die Europäische Union Ende Juni dieses Jahres eine Rekordstrafe in Höhe von 2,42 Milliarden Euro gegen Google verhängte, veröffentlichte der wissenschaftliche Mitarbeiter Barry Lynn eine Mitteilung, in der er die Strafe ausdrücklich begrüßte. Nach Angaben, die Lynn gegenüber der New York Times gemacht hat, teilte Ex-Google-Chef Eric Schmidt daraufhin der Präsidentin der New America Foundation, Anne-Marie Slaughter, seinen Unmut über die kritische Mitteilung auf der Webseite des Think Tanks mit.

Und tatsächlich verschwand die kritische Äußerung von Lynn daraufhin von der Webseite. Zwar wurde sie ein paar Stunden später ebenso plötzlich und ohne Erklärung wieder online gestellt, doch bei den rund 200 Mitarbeitern der Denkfabrik verbreitete sich die Sorge, Google könnte nun die Förderung streichen.

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Nur wenige Tage später rief die Direktorin Lynn in ihr Büro. Lynn war zudem Zeitpunkt Chef der Offene-Märkte-Initiative und kritisierte regelmäßig die marktbeherrschende Stellung von Unternehmen wie Google. Slaughter teilte Lynn in dem Gespräch mit, dass sich New America von dessen kompletter Offene-Märkte-Initiative mit knapp zehn Mitarbeitern trennen wolle. In einer Mail an Lynn schrieb die Präsidentin, dass die Entscheidung nicht auf den Inhalt seiner Arbeit zurückgehe, doch er gefährde die Denkfabrik als Ganzes.

Kein Ponyhof: Der

Lynn warf Slaughter daraufhin in einem Interview vor, dass sie sich dem Druck von Eric Schmidt und von Google gebeugt habe. Sie habe damit die Wünsche der Förderer über die intellektuelle Integrität der Denkfabrik gestellt.

Google ist sehr aggressiv darin, in Washington und Brüssel mit Geld um sich zu werfen und dann die Fäden zu ziehen, sagte Lynn.

Und er ergänzte:

Die Leute haben jetzt sehr große Angst vor Google.

Google bestreitet jedoch, mit der Kündigung etwas zu tun zu haben. Sprecherin Riva Sciuto sagte, Google unterstütze eine große Auswahl an Denkfabriken und anderen gemeinnützigen Organisationen, auch wenn man nicht immer einer Meinung sei. Auch Slaughter weist die in der New York Times veröffentlichten Vorwürfe von Lynn zurück.

Wir haben immer viele verschiedene Standpunkte unterstützt und unsere Förderer kennen und unterstützen diese Philosophie,

sagte sie in einer Mitteilung auf der Webseite von New America. Zwar habe ihre Denkfabrik die Offene-Märkte-Initiative von Barry Lynn mit dessen Hilfe im Verlauf der letzten zwei Monate abgewickelt, doch man werde die Arbeit auf diesem Gebiet im Rahmen anderer Programme fortsetzen. Sie habe Lynn zudem bereits im Juni mitgeteilt, dass sie nicht weiter mit ihm zusammenarbeiten könne, weil er sich nicht an die Standards der Offenheit und Kollegialität innerhalb der Institution halte. Ihre fortgesetzten Versuche, eine kooperative Lösung zu finden, seien leider gescheitert.

Im vergangenen Jahr hatte die Offene-Märkte-Initiative von Lynn eine Konferenz organisiert, bei der eine Reihe einflussreicher Persönlichkeiten vor den schädlichen Wirkungen einer Marktbereinigung im Technologiesektor warnten. Darunter auch Senatorin Elizabeth Warren aus dem US-Bundesstaat Massachusetts. Im Vorfeld der Konferenz schrieb Anne-Marie Slaughter in einer E-Mail an Lynn, dass Google befürchte, die Ansichten des Unternehmens auf der Konferenz nicht darstellen zu können. Zudem wurde kritisiert, dass Google nicht frühzeitig über die Konferenz in Kenntnis gesetzt worden sei.

Filmszene aus

Wir sind dabei zu versuchen, unsere Beziehungen mit Google im Hinblick auf einige absolut entscheidende Punkte auszuweiten, schrieb Slaughter in der E-Mail an Lynn und ermahnte ihn:

DENK einfach mal darüber nach, wie du die Fördergelder für andere in Gefahr bringst.

Google finanziert mittlerweile zahlreiche Branchen, die in der Informationsbranche eine Rolle spielen. So fördert Google unter anderem auch seit einigen Jahren mit der Digital News Initiative zahlreiche Medienhäuser in Europa. Der Internetriese setzte allein in der ersten Jahreshälfte dieses Jahres 9,5 Millionen Dollar für Lobbyarbeit ein, so viel wie kein anderes US-Unternehmen.

Zu den effektivsten Mitteln von Google gehören Fördergelder an gemeinnützige Organisationen in den USA. Im Jahr 2010 hatte Google erstmals die Zahl der geförderten Organisationen angegeben. Damals waren es 45. Heute fördert das Unternehmen laut den Angaben auf seiner Webseite 170 derartige Gruppen. Googles Förderung von Denkfabriken und Lobbygruppen hat die Kritik an dem Unternehmen in den USA in den letzten Jahren praktisch verstummen lassen, sagt Marc Rotenberg, Präsident des Electronic Privacy Information Center, das keine Fördergelder von Unternehmen annimmt.

Die Organisation spielte eine wichtige Rolle dabei, die Verletzungen der Privatsphäre durch Google und anderen Technologieunternehmen an die Öffentlichkeit zu bringen. Rotenberg warnt, dass es zunehmend schwieriger werde, Partner in diesem Kampf zu finden, da immer mehr Gruppen Fördergelder von Google annehmen.

Es gibt einfach weniger Gruppen, die in der Lage sind, ihre Stimme gegen Googles Aktivitäten zu erheben, welche die Privatsphäre online gefährden,

so Rotenberg und betont abschließend:

Die Gruppen, die ihre Stimmen erheben sollten, tun dies nicht.

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