Apocalypse USA: Hurrikan über Texas trifft auf verwundbares Land

Apocalypse USA: Hurrikan über Texas trifft auf verwundbares Land
Die von Wolkenmassen des Tropensturms "Harvey" überlagerte Skyline der US-Metropole Houston
Hurrikan "Harvey" wütet weiter in Texas und vor allem der Region um Houston. Die Ursachen der Tragödie sind vielfältig, von ausufernder Urbanisierung über zerfallene Infrastruktur bis hin zu Klimaveränderungen. Auf die US-Regierung kommen schwere Aufgaben zu.

"Apocalypse USA: Hurrikan über Texas" -  so oder ähnlich könnte wohl der Titel eines US-Streifens über die dramatischen Ereignisse lauten. Doch wie so oft wäre das Machwerk der tatsächlichen Tragweite der Ereignisse nicht im Ansatz gerecht geworden. Ein Straßenfeger ist der Hurrikan dennoch. Nach wie vor ist die Aufmerksamkeit der US-Bevölkerung vor allem auf die dramatischen Ereignisse rund um die Überschwemmungen durch Hurrikan Harvey und deren Folgen gerichtet.

Hurrikan

Der Hurrikan fördert neben oftmals tragischen Szenen jedoch auch die Bilder, auf die alle US-Bürger warten: Helden werden geboren und die Menschen rücken näher zusammen. In der Not sind am Ende doch alle Amerikaner. Doch die zupackenden Bürger, Hilfskräfte und Polizeieinheiten kämpfen einen Kampf gegen Windmühlen - und das nicht nur, weil "Harvey" sich anschickt, in den US-Bundesstaat Louisiana weiterzuziehen.

Viele Experten gehen angesichts der Tragödie einen Schritt weiter und verweisen auf den Hurrikan als mögliches weiteres Zeichen für den Klimawandel. In der Tat übertrifft die Intensität, mit der Harvey wütet, vieles bisher in der mit Wirbelstürmen vertrauten Stadt Houston, ja in ganz Texas da Gewesene.

Die Realität der Katastrophe übertrifft alle Erwartungen

Und der schlechte Film, in dem sich wohl viele der betroffenen Menschen wähnen, ist noch nicht vorüber. Sturm Harvey prallte am Mittwoch mit voller Wucht zum zweiten Mal auf die US-Küste, nun an der Grenze zwischen dem Osten von Texas und dem US-Bundestaat Louisiana. Der Tropensturm forderte bereits 39 Todesopfer – etliche weitere dürften folgen. Tausende sind obdachlos oder werden vermisst. Etwa 100.000 Häuser sind rund um Houston, in weiteren Teilen von Texas und auch bereits in Louisiana vom Abriss bedroht oder beschädigt.

Der nationale Wetterdienst der USA prognostiziert für Louisiana Rekord-Regenfälle von mehr als 60 Zentimetern. In Texas wurden mit bis zu 125 Zentimetern innerhalb weniger Tage alle Rekorde gebrochen. Inzwischen konnten die Behörden Harvey allerdings zu einem tropischen Tiefdruckgebiet herunterstufen.

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Extreme Wetterphänomene vor allem an der Südostküste der USA scheinen zuzunehmen und dies bereits seit Jahren. Im Jahr 2005 führte etwa Tropensturm "Katrina" über der Stadt New Orleans in Louisiana zu ähnlich fatalen Folgen. Damals gab es 1.500 Tote zu beklagen. Nachdem der Hurrikan New Orleans verlassen hatte, kämpften die betroffenen Menschen noch über Jahre mit schlechter Trinkwasserversorgung, diversen Umweltbelastungen und der adäquaten Unterbringung der obdachlosen Menschen.

Die Folgekosten liegen bei etwa 100 Milliarden US-Dollar

US-Präsident Trump will dem Kongress nun die Genehmigung von Hilfsgeldern in Höhe von 5,9 Milliarden US-Dollar vorschlagen. Am Donnerstag wurde bekannt, dass der Milliardär eine Million US-Dollar aus seiner Privatschatulle für die Opfer von Tief Harvey zu spenden gedenkt. Eine Geste mit Vorbildcharakter, aber insgesamt ein Tropfen auf den heißen Stein angesichts des Desasters, mit dem sich vor allem Houston und Texas konfrontiert sehen.

Laut dem Journalisten Jim Amoss, der im Jahr 2005 als Chefredakteur für die US-Lokalzeitung New Orleans Times Picayune über die Folgen von Katrina schrieb, waren 100 Milliarden US-Dollar nötig, um die Folgen des damaligen Tropensturms in den Griff zu bekommen. Auch Texas wird demnach noch höhere Hilfsgelder benötigen. Doch der ehemalige Journalist, dessen Zeitung aufgrund der damaligen Berichterstattung den Pulitzerpreis erhielt und der nun als Hochwasser- und Wiederaufbauexperte tätig ist, gibt zu bedenken:

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Ob Texas das [Geld] bekommt, ist natürlich ein großes Dilemma für den republikanischen Kongress, der eher das Geld im Haushalt der USA kürzen will als viel Geld auszugeben.

Trump lässt Budget für Katastrophenschutz zusammenstreichen

In der Tat ist der Mangel an rechtzeitigen Investitionen aus dem US-Bundeshaushalt für die astronomische Höhe der Folgekosten mitverantwortlich. Wenn es nach dem Willen der Regierung Trump geht, soll das Budget des National Weather Service, der den Weg des Hurrikans vorhersagte, um sechs Prozent sinken, das des Nationalen Ozean- und Atmosphäreninstituts sogar um 16 Prozent. Dies sind nur einige Beispiele der geplanten Haushaltskürzungen, die sich unmittelbar auf die soziale Widerstandsfähigkeit der USA auswirken dürften. Doch es wäre unangemessen, die Verantwortlichkeit alleine Donald Trump und dem langen Schatten seiner Regierung zuzuschreiben.

Der Klimawandel ist in aller Munde, doch entsprechende Adaptions-Maßnahmen etwa im Bereich des Städtebaus finden allzu selten Befürworter auf Bundesebene. Laut dem Klimaforscher Heiko Paeth von der Universität Würzburg sei Harvey leider eben nicht einzigartig:

Auf Haiti befürchten die Behörden, nachdem Hurrikan Matthew die Insel heimgesucht und weitgehend zerstört hat, nun auch den Ausbruch der Cholera. Auch in Teilen Floridas, das der Sturm demnächst erreichen dürfte, wird mit dem Schlimmsten gerechnet.

2002 gab es schon mal einen Taifun namens Rusa, der in Südkorea in 24 Stunden mehr als 1.000 Liter Regen pro Quadratmeter gebracht hat. Aufgrund der wenigen Daten kann noch nicht entschieden werden, ob das eine neue Ära in den verheerenden Auswirkungen von tropischen Zyklonen einläutet.

Planloses Wachstum fördert die Hochwassergefahr

Eines zumindest steht fest: So dramatisch die Ereignisse in Houston auch sein mögen, wirklich ungewöhnlich sind sie längst nicht mehr. Warum es Houston derart hart getroffen hat und auch weit außerhalb gelegene Gebiete unter Wasser stehen, hat jedoch mit einer Besonderheit zu tun: Die texanische Metropole macht bei Bauvorhaben keinerlei Vorgaben für die Flächennutzung. Infolge dieses Umstandes sind die Mieten vor Ort niedriger als in vergleichbaren US-Großstädten. Auch deshalb zählt Houston zu einer der am schnellsten wachsenden Metropolregionen in den USA. Seit 2001 verzeichnete die Millionenstadt einen Zuwachs von 300.000 Einwohnern. Das entspricht etwa einem Sechstel der Bevölkerung.

Die Folge ist jedoch ein oft mangelhaft und nicht von langer Hand geplanter Hochwasserschutz. Ein Experte dazu:

Es ist ein ganz wesentlicher Teil des Hochwasserschutzes, an bestimmten Stellen nicht zu bauen. Man muss den Flüssen den Raum lassen, sich in der Fläche auszubreiten, wenn ein Hochwasser kommt. Wenn Regen fällt, führen versiegelte Flächen zu einem beschleunigten Abfluss in die Vorfluter, und dadurch überlagern sich die Regenmengen, was zu einer sehr hohen Hochwasserspitze führt.

Doch die entsprechende Erkenntnis ist in den USA keineswegs konsensfähig. So setzte US-Präsident Trump per Anordnung just die Vorschrift außer Kraft, die vorsieht, dass bei Infrastrukturprojekten die entsprechenden Trends Berücksichtigung finden. Dies könnte sich rächen und zum Bumerang werden, denn Experten schätzen, dass das US-Wirtschaftswachstum durch die Folgen Harveys um etwa 0,2 Prozent sinken wird. Ein zukünftiger Hurrikan vergleichbarer Größe könnte demnach die chemische Industrie Houstons so stark treffen, dass die Wirtschaft landesweit aufgrund eines Mangels an Rohmaterialien zusammenbrechen könnte.

Bereits jetzt wurde die vor allem rund um Houston angesiedelte Öl- und Gasindustrie durch Harvey bereits stark in Mitleidenschaft gezogen. Nach wie vor droht aktuell eine Chemiefabrik zu explodieren. Hinzu kommt, dass rund 70 Prozent der Zerstörungen durch den Tropensturm auch aufgrund der mangelnden Gefahren-Akzeptanz nicht versichert sind.

Auch die ohnehin in weiten Strecken marode US-Infrastruktur leidet unter den zunehmenden extremen Wetter-Phänomenen.

Entsprechend meldete sich nun der Versicherer Münchner Rück fordert eine bessere Vorbereitung auf künftige Tropenstürme und Hochwasser:

Die Schäden durch den Sturm zeigen, dass dem präventiven Schutz von Infrastruktur, also der verminderten Verwundbarkeit von Städten und Kommunikation, viel mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden sollte", heißt es in einer Stellungnahme.

Trump ersetzt Infrastruktur-Programm durch Geschenke an Wallstreet und Militär

Doch gerade die in weiten Strecken oftmals marode Infrastruktur ist eine Achillesferse der USA. Noch vor wenigen Monaten war die Infrastruktur ein willkommenes Wahlkampfthema Donald Trumps. Ganze 1.000 Milliarden versprach er den Amerikanern, in deren Sanierung zu investieren. Doch bereits im Mai stellte Washington klar, dass sich der Staat in Zukunft sogar noch weiter aus diesem Bereich zurückziehen werde. Das Budget verdeutlicht dies: So wird die US-Regierung nur etwa 200 Milliarden US-Dollar für das entsprechende Infrastruktur-Programm zur Verfügung stellen – den Rest sollen die Bundesstaaten und Kommunen berappen.

Auch private Investoren wittern bereits das große Geschäft, denn auch diese möchte Trump für die Finanzierung öffentlicher Infrastrukturprojekte gewinnen und verspricht ihnen im Gegenzug weitere Steuererleichterungen und vergünstigte Kredite. Professor John Rennie Short von der University of Maryland spricht folglich auch von einem "Geschenk an die Wall-Street". Zudem interessieren sich Privatinvestoren vor allem für eine schnelle Rendite, doch diese versprechen langfristige Infrastrukturprojekte eben nicht:

Eine Rendite in 20 bis 25 Jahren kann ein Unternehmen seinen Anlegern nur schwer schmackhaft machen. Die Städte, die es am nötigsten hätten, ziehen keine Investitionen an", erklärt Short. 

Das eigentliche Machtzentrum: An der Wall Street in New York werden die Entscheidungen über Krieg und Frieden getroffen.

Dieser Einschätzung wiederspricht Brian Pallasch vom US-Verband der Bauingenieure in Teilen und verweist auf folgenden Umstand:

Gerade Pensionskassen sind durchaus auf langfristige Renditen aus.

In einem Punkt sind sich beide jedoch einig:

Der Kongress hat sich ein ganzes Jahrzehnt nicht um die Infrastruktur gekümmert, nun sehen wir die Konsequenzen.

Auch das US-Militär hat keine Ausgabenkürzungen zu befürchten. So soll nach dem Haushaltsentwurf der Pentagon-Etat für das Haushaltsjahr 2018 um neun Prozent oder 54 Milliarden US-Dollar auf 603 Milliarden US-Dollar ansteigen.

Trump wehrt lieber Migranten als Naturkatastrophen ab

Auch für die Abschottung gegen Migranten stehen offensichtlich genügend Bundesmittel zur Verfügung. Wie am Freitag bekannt wurde, hat die US-Regierung nun aus zahlreichen Bewerbungen vier Unternehmen ausgesucht, die Modelle für eine Grenzmauer zwischen Mexiko und den USA präsentieren sollen. Auch der Bau einer Grenzmauer an der rund 3.200 Kilometer langen Grenze zwischen beiden Staaten war ein zentrales Wahlkampfversprechen Trumps:

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Und wenn wir die Regierung schließen müssen: Wir werden diese Mauer bauen", erklärte der US-Präsident jüngst vor Anhängern im US-Bundesstaat Phoenix.

Die Kosten für das Bauvorhaben werden auf mehr als 20 Milliarden Dollar geschätzt. Der Wall sieht aber nicht den Schutz der Menschen vor Flutkatastrophen und Wirbelstürmen vor, sondern soll potenzielle illegale Migranten aus Mexiko fernhalten.