Tomatenzüchter sind verdächtig: US-Richter rügt Polizeieinsatz gegen unbescholtene Bürger

Tomatenzüchter sind verdächtig: US-Richter rügt Polizeieinsatz gegen unbescholtene Bürger
Kein Kriegseinsatz: Mitglieder einer SWAT-Einheit bewachen eine Demonstration in Minnesota, auf der gegen Polizeigewalt protestiert wird.
Der Kauf von Utensilien für Tomatenzucht in einem Baumarkt kann Verdacht erregen. Denn die erworbenen Geräte könnten auch für den Hanfanbau verwendet werden. So dachte es sich zumindest die Polizei in Missouri, die ein SEK gegen eine Hobby-Gärtner-Familie ausrücken ließ.

Wer professionell Marihuana anbauen will, der braucht die entsprechende Ausrüstung. Dieser Gedanke kam auch einem Polizeibeamten im US-Bundesstaat Missouri, wo Cannabisprodukte illegal sind. Um den Übeltätern auf die Schliche zu kommen, begab sich der Polizist täglich in einem Gartenbaumarkt insgeheim auf die Pirsch und beobachtete genau, wer sich dort alles mit Utensilien für die Pflanzenzucht eindeckte.

In den USA sind laut Schätzungen über eine Million Menschen von Obdachlosigkeit betroffen. Viele müssen betteln, um zu überleben. Die Polizei in Cheyenne empfiehlt, Bettlern kein Geld zu geben.

Dabei geriet ihm Robert Harte in den Blick, der zusammen mit seinen beiden Kindern in dem Markt diverses Gartengerät erwarb. Der eifrige Beamte setzte die Polizeibehörde seines Countys davon in Kenntnis, die gerade mehrere Durchsuchungen mutmaßlicher Hanfplantagen plante. Mehrmals durchwühlten die Polizisten heimlich die Mülltonnen der Familie Harte, bis sie schließlich den Beweis für ihren Verdacht gefunden zu haben glaubten: Mit THC durchtränkte Cannabisblätter - Tetrahydrocannabinol (THC) ist der rauschverursachende Bestandteil einer Hanfpflanze.

Bald darauf stürmte ein schwerbewaffnetes SWAT-Team, vergleichbar mit einem deutschen Spezialeinsatzkommando (SEK), das Anwesen der Familie. Minutiös durchsuchten die Beamten das Grundstück, doch die zweieinhalbstündige Inspektion verlief aus ihrer Sicht erfolglos: Statt einer Hanfplantage fanden sie nur eine Tomatenzucht.

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Das alles spielte sich bereits im Jahr 2012 ab. Doch erst jetzt entschied ein Bundesgericht, dass der Polizeieinsatz, gegen den die Familie geklagt hatte, unrechtmäßig war. In seinem Urteil sprach Richter Carlos Lucero von einem „nicht gerechtfertigten Eindringen der Regierung“, begründet auf einer – in diesem Fall buchstäblichen – „Müll-Wissenschaft“ („junk science“).

Denn bei den im Hausmüll gefundenen Pflanzenteilen handelte es sich nicht um Hanf-, sondern um Teeblätter. Darauf hatte bereits ein Labormitarbeiter die mit dem Fall befassten Polizisten aufmerksam gemacht. Doch die ließen sich von solcherlei Einwänden nicht aufhalten, hatte doch ein bei den Pflanzenteilen durchgeführter Drogentest positiv auf den THC-Wirkstoff angeschlagen. Allerdings sind die von der Polizei in den USA verwendeten tragbaren Drogentest-Kits berüchtigt für falsche Ergebnisse.

Viele Bürger der Vereinigten Staaten wurden schon aufgrund solcher Falschresultate verurteilt. Dennoch werden diese Drogentest-Kits seit über 40 Jahren nahezu unverändert von der Polizei genutzt, denn aus deren Sicht haben sie einen unschlagbaren Vorteil: Sie kosten nur 2 US-Dollar pro Test. 

Richter geißelt Polizeieinsatz

Wie Richter Lucero feststellen musste, haben die Beamten im Fall Harte die Drogentests, die zu der Durchsuchung führten, weder fotografiert noch sonst wie dokumentiert. Der Richter merkte an, dass unter diesen Umständen die Polizisten ein starkes Motiv haben, die Unwahrheit zu sagen. Mit eindrucksvollen Worten geißelte Lucero deren Einsatz:

Gesetzestreue Teetrinker und Gärtner passt auf: Ein Besuch in einem Gartenbaumarkt und einige lose Teeblätter in eurem Müll könnten eine frühmorgendliche Razzia eines schwerbewaffneten Einsatzkommandos nach sich ziehen, ausgerüstet mit einem Rammbock, kugelsicheren Westen und Sturmgewehren.

Vielleicht werden die Beamten die furchteinflößende Razzia absichtlich zu einer Zeit durchführen, wo Ihre Kinder im Haus sind, und bewaffnete Wachposten zweieinhalb Stunden lang die ganze Familie in Schach halten, während sich besorgte Anwohner der ruhigen, familienfreundlichen Nachbarschaft fragen, welches schändliche Verbrechen Sie begangen haben müssen. Das ist keine Übertreibung oder eine Metapher – das ist genau das, was der Familie Harte in diesem Fall geschehen ist.

Laut Lucero gab es zu keinem Zeitpunkt der Untersuchung einen hinreichenden Tatverdacht: „Weder im Gartenbaumarkt, noch bei der Einsammlung der Teeblätter, und ganz bestimmt nicht während der analytischen Phase, als Beamte vorsätzlich die Vorschrift ignorierten, die vorläufigen Testresultate an ein Labor zur Analyse zu übergeben.“ Die ganze Durchsuchung gründete sich auf „nichts anderem als einer Tasche mit Gärtnerzubehör und feuchten Teeblättern“.

Nach dem Gerichtsurteil steht es der Familie Harte frei, die beteiligten Polizisten in einem gesonderten Verfahren zur Rechenschaft zu ziehen. Bei dem Ehepaar hatten sich die Beamten ohnehin mit den Falschen angelegt – nicht nur, weil es tatsächlich Tomaten züchtete. Denn Robert und Adlynn Harte sind ehemalige CIA-Mitarbeiter, die aufgrund ihrer Erfahrung schnell erkannt hatten, dass die Durchsuchung auf keinerlei rechtlich haltbaren Tatverdacht beruhte.

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