Sozialchauvinisten des Monats: US-Polizeidienststelle fordert, Bettlern kein Geld zu geben

Sozialchauvinisten des Monats: US-Polizeidienststelle fordert, Bettlern kein Geld zu geben
In den USA sind laut Schätzungen über eine Million Menschen von Obdachlosigkeit betroffen. Viele müssen betteln, um zu überleben. Die Polizei in Cheyenne empfiehlt, Bettlern kein Geld zu geben.
Mit einem Facebook-Eintrag löste eine Polizeidienststelle in den USA einen wahren Shitstorm aus. Nach der Festnahme eines betrunkenen Obdachlosen empfahl sie der Leserschaft, Bettlern künftig kein Geld zu geben - und löste damit eine Welle der Empörung aus.

Damit dürfte die Polizeidienststelle in Cheyenne, Hauptstadt des US-Bundesstaates Wyoming, nicht gerechnet haben: Ein Eintrag auf ihrer Facebook-Seite löste eine heftige Kontroverse aus und wurde über 7.000 mal kommentiert sowie über 45.000 mal geteilt. Im Normalfall ziehen die Beiträge der Dienststelle nur einige Dutzend Kommentare auf sich.

Doch was die Beamten am Sonntagabend veröffentlichten, sorgte für einen veritablen Shitstorm. „Gestern am 22. Juli nahmen wir einen Durchreisenden wegen eines Rauschzustandes in der Öffentlichkeit fest“, leitete die Polizei ihren Post ein, der politisch korrekt von einem „Durchreisenden“ („transient“) statt eines Obdachlosen sprach. Weiter heißt es dann:

Mit dieser Person hatten wir schon häufiger zu tun, aber wir wollen hiermit zeigen, dass es bessere Wege gibt, der durchreisenden Bevölkerung zu helfen, als ihr Geld fürs Betteln zu geben. Diese Person sammelte innerhalb weniger Stunden 234,94 US-Dollar ein."

Anschließend empfahl die Polizei ihrer Leserschaft, künftige an lokale Wohltätigkeitseinrichtungen zu spenden, als mit der Gabe an Bettlern deren „Alkoholsucht zu bedienen“. Der Beitrag umfasst ein Foto, auf dem das beschlagnahmte Geld dekorativ ausgebreitet und das Bettelschild abgebildet ist. 

Nun mag angesichts des behaupteten Stundenlohns des Bettlers mancher Polizist vor Sozialneid erblasst sein – für die Aufforderung, bettelnden Obdachlosen künftig kein Geld zu geben, zeigten Tausende Facebook-Nutzer dennoch keinerlei Verständnis. Während sich so manche gegenüber der Polizei in Beleidigungen übten – „Diebe“, „Faschisten“, „Geisteskranke“ – kritisierten andere Nutze die empfundene Bevormundung.

„Gerade als ich dachte, dieser Ort kann nicht noch rückständiger werden. Ich gebe MEIN Geld, an wen immer ich will. Ihr sagt uns ernsthaft, als wären wir Kinder, wie wir Leute behandeln sollen?“, schreibt etwa Dawn Barela, die sodann ankündigte, gleich hinauszugehen, um Obdachlosen großzügige Spenden zukommen zu lassen.

Der User Gavin Tyler warf die grundsätzliche Frage in den Raum, was es den Staat überhaupt angehe, in welche Rauschzustände sich die Bürger freiwillig versetzen. „Jemanden wegen eines Rauschzustandes festzunehmen, untergräbt völlig Amerikas Freiheiten“, schreibt Tyler, nach dessen Ansicht der Staat nicht bestimmen dürfe, „was Menschen mit ihrem eigenen Körper und Leben anstellen“. An die Polizei adressiert schreibt er:

Behauptet nicht, ihr kümmert euch um Abhängige. Der Staat hat wieder und wieder gezeigt, dass er kein Mitgefühl für Drogenabhängige hat."

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Erst zwei Tage später reagierte die Dienststelle mit einer den Nutzerkommentaren vorangestellten, ergänzenden Erklärung:

Es ist großartig zu sehen, dass dieses Thema für unsere Gemeinde so wichtig ist. Das sollte es auch, denn es ist ein Problem der Gemeinde, und nicht allein ein von der Polizei zu lösendes Problem."

Die Polizeibehörde weist darauf hin, dass sie seit März den Menschen, die wegen Rausches inhaftiert werden, einen Suchtberater während der Haftzeit zur Seite stellt. „Einige haben das Angebot angenommen und befinden sich nun in einem Anti-Suchtprogramm.“

Polizei übt sich in Rechtfertigung 

Ein weiterer Tag verstrich – die Social-Media-Abteilung der Dienststelle dürfte allein mit dem Lesen der Kommentare völlig ausgelastet gewesen sein – bis die Polizeibehörde in Cheyenne einen neuen Facebook-Eintrag „zur Klarstellung“ veröffentlichte. Darin rechtfertigt sie ihr Vorgehen unter anderem damit, dass der obdachlose Mann nicht nur berauscht war, sondern auch in der Öffentlichkeit uriniert und sich geweigert habe, „Befehle zu befolgen“.

Außerdem stellte die Polizei klar, dass das Geld nur vorübergehend beschlagnahmt wurde und dem Mann wieder ausgehändigt wird, sobald er aus der Haft freikommt. Der Facebook-Post habe nur „unsere besten Absichten“ aufzeigen sollen, „jemandem dabei zu helfen, dem Alkoholismus oder einem anderen selbstzerstörerischen Verhalten zu entkommen“.

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Wirklich gefruchtet hat der Beschwichtigungsversuch allerdings nicht, wenn man sich die „nur“ über 1.600 Kommentare dazu durchliest. „Es ist nicht eure Angelegenheit, wie Leute ihr Geld ausgeben. Wie viele gewalttätige Verbrechen sind ungelöst, während sich die Blauen um Nonsens kümmern“, schreibt etwa Mallory Knox, die sich der umgangssprachlichen Bezeichnung für die blau-uniformierten US-Polizisten bedient.

Facebook-Nutzer Mark Velasco fordert von der Polizei:

Macht euren Job und beschützt Leute. Wehrlose arme Leute zu schikanieren, ist was für Feiglinge, nicht für Polizisten."