Pleiten, Pech und Pannen: Warum Hillary Clinton die Wahl wirklich verlor

Pleiten, Pech und Pannen: Warum Hillary Clinton die Wahl wirklich verlor
Beim zweiten Anlauf sollte ihre Kampagne perfekt sein. Doch am Ende stand ein noch größeres Debakel als beim ersten Versuch.
In einem Buch, das im April in den USA erschien, beschreiben die beiden US-amerikanischen Journalisten Jonathan Allen und Amie Parnes die missglückte Wahlkampagne von Hillary Clinton im Detail. Es liest sich wie der Schadensreport nach einer Massenkarambolage.

Profifußballer sind bekannt für ihre philosophischen Glanzleistungen. Der Ex-Profi von Schalke, Dortmund und Bayern München, Jürgen Wegmann, beklagte einmal nach einer Niederlage:

Erst hatten wir kein Glück und dann kam auch noch Pech dazu.

Unvergessen auch die gleichsam existentialistische Glanzleistung des ehemaligen Schalkers Olaf Thon:

Man darf das Spiel doch nicht so schlecht reden, wie es wirklich war.

Niederlagen, so könnte man meinen, fördern die skurrilsten Stilblüten hervor. Doch gilt dies leider auch nicht immer. Als Hillary Clinton 2016 ihren zweiten Anlauf zu einer Präsidentschaftswahl nahm und wieder scheiterte, waren die Ausreden rasch gefunden: vermeintliche russische Hackerangriffe; FBI-Chef James Comey, der kurz vor den Wahlen Ermittlungen gegen Clinton angekündigt hatte; oder Wikileaks, die Mails von Clinton und deren Wahlkampfmanager veröffentlichten, die sie, gelinde gesagt, in einem unvorteilhaften Licht erschienen ließen.

Hat gut lachen - und bald 400.000 Dollar mehr auf seinem Konto: Barack Obama.

Doch wenn es nach den beiden US-amerikanischen Journalisten Jonathan Allen und Amie Parnes geht, verlor Clinton die Wahl aus einem ganz anderen Grund - nämlich schlichtweg aus Unfähigkeit.

Die beiden Journalisten stehen nicht im Verdacht, ausgewiesene Clinton-Gegner zu sein. Das Gegenteil ist der Fall. Was ihr Buch mit dem Titel "Shattered: Inside Hillary Clinton's Doomed Campaign" (Zertrümmert: Im Inneren von Hillary Clintons todgeweihter Kampagne) so ungewöhnlich macht, ist die Tatsache, dass es ursprünglich Clintons Weg ins Weiße Haus dokumentieren sollte. Allen und Parnes begannen ihre Arbeit an dem Buch gleich zu Beginn der Clinton-Kampagne.

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Dafür begleiteten sie Clinton über anderthalb Jahre lang. Bis fast zum Schluss in der Überzeugung, über die neue Präsidentin der USA zu schreiben. Doch es kam anders: Völlig überraschend gewann Donald Trump. Wie es dazu kommen konnte, dokumentieren Allen und Parnes sehr ausführlich. Die beiden Journalisten hatten Zugang zu mehr als hundert Mitarbeitern von Clinton und vermutlich auch zu Clinton selbst. Sie beschreiben das Wahlkampfmanagement als desorganisiert und chaotisch. Zum Teil spotten die Fehler und Unzulänglichkeiten jeglicher Beschreibung:

So soll das Team sich in internen Machtkämpfen aufgerieben haben. Clinton schien offenbar niemandem zu trauen. Außer ihrer engen Mitarbeiterin Huma Abedin. Wer etwas von Clinton wollte, musste den Umweg über Abedin gehen. Das führte anscheinend zu zahlreichen Problemen im täglichen Arbeitsablauf. Zudem förderte es Missverständnisse. Als Clinton auf Initiative ihrer Kommunikationschefin Jennifer Palmieri ein Interview führen sollte, fragte Palmieri bei Abedin nach, welcher Journalist in Frage käme. Die Antwort von Abedin, die sich mit Clinton kurzgeschlossen hatte, lautete "mit Brianna".

So kam es zu einem Interview mit der CNN-Reporterin Brianna Keilar, das für Clinton desaströs verlief. Keilar entpuppte sich als äußerst kritische und unangenehme Fragestellerin. Die gewünschte Hofberichterstattung kam nicht zustande.

Später stellte sich heraus, dass mit "Brianna" eine Journalistin von Yahoo! News mit Namen Bianna Golodryga gemeint war. Golodryga ist mit einem langjährigen Vetrauten der Clintons, Peter R. Oszag, verheiratet. Oszag arbeitete unter anderem als arbeitete er als Special Assistant des Präsidenten für Wirtschaftspolitik sowie als Senior Economist und Senior Adviser im Rat der Wirtschaftsberater der Clinton-Regierung in den Jahren 1997 bis 1998.

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Allen und Parnes beschreiben, wie Clinton aus ihrem schlechten Abschneiden bei den Vorwahlen in Michigan kaum Konsequenzen zog. Und das, obwohl ihre Mitarbeiter sie dazu drängten. Doch offenbar schätzte nicht nur Clinton die Lage falsch ein. Barack Obama soll zu dem Kampagnenchef von Clinton, John Podesta, gesagt haben, es sei "zu leicht", gegen Trump zu gewinnen.

Auch konnte Clinton offenbar die simple, aber entscheidende Frage, warum sie überhaupt Präsidentin werden wollte, nicht beantworten. Ihr fehlte anscheinend jegliche Vision. Als es darum ging, die Rede vorzubereiten, in welcher sie ihre erneute Kandidatur begründen sollte, beschäftigten sich am Ende zehn Berater, Redenschreiber und Analytiker mit dieser. Ohne Erfolg. Die Rede in New York wirkte trocken und uninspiriert.

Aggressive Stimmung, fehlende Visionen

Clinton blieb eine Antwort auf diese wichtige Frage schuldig. Später testete das Clinton-Team den Slogan "Because it's her turn", was auf Deutsch so viel bedeutet wie: "weil sie dran ist". Ganz so, als ob das Präsidentenamt mit einer Wartenummer wie beim Bürgeramt vergeben wird. Das Buch lässt hinsichtlich der Motivation von Clinton eigentlich nur den Schluss zu, dass sie, ähnlich wie die Comicfigur Isnogud, einfach nur Kalif anstelle des Kalifen werden wollte. Doch das reichte nicht, um die Herzen und Köpfe der Wähler zu gewinnen.

Doch nicht nur die fehlende Vision machte der Kampagne zu schaffen. Auch die E-Mail-Affäre saß Clinton offenbar schmerzhaft lange aus. Bill Clinton soll Mitarbeiter am Telefon beschimpft haben, weil die E-Mail-Affäre sich zu einem Dauerproblem entwickelte. Die Reaktion Hillarys auf Bills Anrufe soll gelautet haben: "Ihr habt ihn gehört. Macht euren Job!"

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Auch ihre Lungenentzündung geriet zu einer Kommunikationspanne, da selbst engste Mitarbeiter davon erst aus den Medien erfuhren. Zudem hielt sie offenbar zu lange an ihrem Kampagnenmanager Robby Mook fest, obwohl der sich einen Klops nach dem nächsten leistete und mit fragwürdigen Umfragewerten arbeitete. Laut Mitarbeitern litt Mook außerdem an Kontrollwahn und zettelte Streitigkeiten im Führungszirkel an. Vertraute sollen Clinton angefleht haben, sich von Mook zu trennen.

Auch die Stimmung soll eher angespannt und aggressiv gewesen sein. Clintons Chefstratege Jake Sullivan kritisierte sie in einer Probe für eine Debatte mit den Worten "Das war nicht gut." Clinton soll darauf entgegnet haben: "Wirklich? Dann mach es doch besser!"  

Auch der ursprüngliche Konkurrent in der Demokratischen Partei, Bernie Sanders, soll, als er nach seinem Ausscheiden einen Werbespot für Clinton aufnehmen sollte, irritiert gewesen sein. Er lehnte es ab, den späteren Clinton-Slogan "I'm with her" ("Ich bin bei ihr") aufzusagen. Begründung:

Dieser Spruch ist so unecht.

Das Buch zeichnet das Bild einer desolaten Kampagnenführung. Streit, Intrigen, Machtkämpfe, Inkompetenz und am Ende ein deprimiertes Team. So endet ein Buch, das einen Triumph beschreiben sollte, mit einer katastrophalen Niederlage. Womit wir wieder beim Fußball wären. Vielleicht hätte Hillary Clinton sich ein Beispiel an dem ehemaligen Nationalspieler Andy Möller nehmen sollen, der einmal meinte:

Mein Problem ist, dass ich immer sehr selbstkritisch bin, auch mir selbst gegenüber.

Doch dafür ist es jetzt zu spät.