US-Mittelschicht bröckelt weiter – Kulturpessimismus und Zukunftsangst lähmen "Amerikanischen Traum"

US-Mittelschicht bröckelt weiter – Kulturpessimismus und Zukunftsangst lähmen "Amerikanischen Traum"
Die soziale Ungleichheit nimmt zu: Klassenunterschiede in den USA
Der Polarisierung in der US-amerikanischen Politik ging eine zunehmende soziale Polarisierung voraus. Die Wahrscheinlichkeit eines sozialen Aufstiegs ist für Mittelschichtfamilien seit der Finanzkrise der späten 2000er Jahre geringer geworden.

"Dieses Land fährt zur Hölle", und nur er wisse, wie man es wieder großmachen könne. So lautet die Botschaft Donald J. Trumps, seit dem er vor etwas mehr als einem Jahr seine Kandidatur zur US-Präsidentschaft bekanntgab. Der Weg, den er seither gegangen ist, könnte sogar im Weißen Haus enden – und einer der wesentlichen Gründe dafür ist, dass er mit seinen apokalyptischen Darstellungen über die mögliche Zukunft des Landes den Nerv eines erheblichen Teils der Bevölkerung getroffen hat.

Bankrotte Stadt - ein Graffiti in Detroit drückt die aktuelle Lage der einst stolzen Metropole aus

Es gibt mentale Gründe, warum Trump als Außenseiter mit markigen Sprüchen und dem demonstrativen Verzicht auf jedwede Etikette Hallen und Plätze füllt und eine schweigende Mehrheit im Land mobilisiert wie es vor ihm schon lange kein Politiker mehr geschafft hatte. Einer ist ein zunehmender Kulturpessimismus, der Teile der US-amerikanischen Gesellschaft und vor allem der weißen Arbeiterschaft ergriffen hat.

So stimmten jüngst 51 Prozent der Befragten in einer Umfrage des Instituts PRRI der These zu, die amerikanische Gesellschaft und Lebensart hätten sich seit den 1950er Jahren zum Negativen entwickelt. Unter den deklarierten Trump-Wählern waren es sogar 72 Prozent, die dieser These zustimmten, unter den weißen Arbeitern 65 Prozent.

Der zweite Grund ist ein objektiv messbarer, und der Internationale Währungsfonds (IWF) sowie das Pew Research Center liefern dazu die Zahlen: Fakt ist, dass die US-amerikanische Mittelschicht in Begríff ist, sich aufzulösen. Dieser Trend zeichnet sich seit Beginn der Jahrtausendwende, vor allem aber seit der Hypothekenkrise der späten 2000er ab.

Tom Worstall vom Adam Smith Institute in London, der sich für Forbes mit der Pew-Studie befasste, sieht in der Entwicklung keinen Grund zur Besorgnis, da die Autoren der Studie der Untersuchung einen Einkommenskorridor zu Grunde legten. Zur Mittelschicht zählte nach dieser Berechnung ein Drei-Personen-Haushalt, der zwischen 42.000 und 124.000 Dollar Jahreseinkommen aufwies. Dies entspricht dem Korridor zwischen 50 und 150 Prozent des Medianeinkommens.

Worstall wies nun vor dem Hintergrund sowohl der absoluten als auch der relativen Einkommensentwicklung darauf hin, dass nicht nur die Einkommen aller Bevölkerungsgruppen gestiegen seien – zumal bei der ärmsten Gruppe die Verluste durch Transferleistungen ausgeglichen worden wären. Er strich explizit heraus, dass die Mittelklasse nicht zuletzt deshalb geschrumpft sei, weil statt 12 Prozent wie noch im Jahre 1970 mittlerweile ganze 30 Prozent der Amerikaner nicht mehr zur Mittelklasse gehören, weil sie zu reich dafür geworden seien.

Weniger entspannt als der Forbes-Kolumnist betrachtet der IWF die Entwicklung. Er weist darauf hin, dass nur ein Viertel der US-Haushalte es seit 2000 geschafft haben, aus der Mittelschicht in die obere Einkommensklasse aufzurücken. Im Gegenzug seien drei Prozent der Mittelschichthaushalte in den Niedrigeinkommensbereich abgerutscht. Im Unterschied zum Zeitraum zwischen 1970 und 2000 sei die Wahrscheinlichkeit, dass ein Haushalt mit mittlerem Einkommen den sozialen Aufstieg schaffe, gesunken. Waren 1970 noch 58 Prozent der US-Haushalte der Mittelschicht zuzuordnen, traf dies 2014 nur noch auf 47 Prozent zu.

Der IWF sieht im Schrumpfen der Mittelschicht eine Gefahr für das US-amerikanische Wachstum. Immer mehr US-Bürger haben währenddessen Angst um den "Amerikanischen Traum" als solchen.

Die Institution warnt vor allem vor einem Ausbleiben der wachstumsrelevanten Konsumausgaben, die am Ende dieser Entwicklung stehen können:

Kombiniert mit der Stagnation der Realeinkommen hat die Polarisierung einen negativen Einfluss auf die Wirtschaft gehabt und den Hauptmotor des Wachstums in den USA gehemmt: den Konsum. Die Analyse in unserem neuen Papier legt nahe, dass die US-Wirtschaft über den Zeitraum von 1998 bis 2013 auf Grund dieser Polarisierung das Äquivalent von mehr als einem Jahr im Bereich des Konsums verloren hat.

Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass Haushalte mit geringem und mittlerem Einkommen einen wesentlich größeren Anteil davon in Konsumausgaben stecken als Haushalte mit höheren Einkommen, und in Anbetracht dessen, dass die Konsumausgaben nicht weniger als 69 Prozent des US-Bruttoinlandsprodukts ausmachen, ist die Besorgnis nachvollziehbar.

Während über die letzten vier Jahrzehnte hinweg die Zahl der Frauen, die niedriger bezahlte Jobs angenommen haben, nur leicht angestiegen sei, sei die Zahl der Männer, auf die dies zutraf, sprunghaft angestiegen. Dass dies für die Betroffenen mit der Angst einherging, ihrer traditionellen Rolle als Familienernährer nicht mehr nachkommen zu können, hat ohne Zweifel einen bedeutsamen psychischen Effekt auf diese gehabt. Der tiefe Vertrauensverlust in die eigene Zukunft und in die Zukunft des Landes, gepaart mit Enttäuschung und Wut auf die politischen Eliten, die zeitgleich First-World-Probleme wie "Transgender-Badezimmer" im Inland diskutierte und Milliarden in Kriege im Ausland steckte, scheint hier Nahrung gefunden zu haben.

Jorgen Randers und Graeme Maxton vom Club of Rome stellen ihr neues Buch vor.

Das Abbröckeln der Mittelschicht ist in den USA ein flächendeckendes Phänomen. Der Pew-Studie zufolge sei das Phänomen in 203 jener 229 städtischen Großräume zu beobachten gewesen, in denen 76 Prozent der US-Amerikaner leben. Der Rückgang der mittleren Einkommensgruppe sei in den städtischen Großräumen mit sechs Prozentpunkten noch ungleich höher als im landesweiten Durchschnitt mit vier Prozentpunkten.

Was teilweise ganzen Städten – das bekannteste Beispiel ist wohl Detroit - das Rückgrat gebrochen hat, ist, dass seit 2000 die Beschäftigung in der Industrie um 29 Prozent gesunken ist, und weit und breit kein Ersatz für diese Arbeitsplätze im viel gepriesenen tertiären Sektor in Sicht ist. Donald Trump macht neben dem Lohndruck durch illegale Einwanderung vor allem "grauenvolle Freihandelsabkommen" für die Entwicklung verantwortlich, bei denen die USA "über den Tisch gezogen" wurden und die dafür gesorgt hätten, dass die Industriearbeitsplätze dauerhaft ins Ausland abwandern.

Die Haushaltseinkommen nehmen unterdessen in den meisten Metropolregionen ab. Während in immerhin 173 urbanen Regionen, die untersucht wurden, die Oberschicht auf Kosten der Mitte gewachsen ist und in 108 Regionen Bewegungen nach oben wie nach unten stattgefunden haben, wuchs in 160 Großräumen lediglich die Unterschicht – und ein Aufwärtstrend ist dort nicht in Sicht.

Stagnierende Einkommen und ein Verfall der Immobilienpreise vor allem in den Krisenregionen sorgen zudem dafür, dass vielen Familien die erforderlichen Vermögensreserven wegbrechen, um ihren Kindern eine angemessene Ausbildung zu finanzieren.

Einen wesentlichen Anteil an der sozialen Polarisierung und an der Zukunftsangst, die in weiten Teilen der US-Mittelschicht Platz gegriffen hat, die in Boom-Jahren als Inbegriff des "Amerikanischen Traums" galt, hatte die Krise der Jahre 2007 bis 2009, von der sich das Land weitgehend immer noch nicht erholt hat.

Die Vermögen vieler der größten global operierenden Unternehmen übersteigen mittlerweile die Etats großer Staaten. Aus Sicht der NGO

Betrug noch 1983 das durchschnittliche Vermögen einer amerikanischen Durchschnittsfamilie von drei Personen laut Pew 95.879 US-Dollar, waren es mit 98.000 Dollar im Jahr 2013 nur unwesentlich mehr. Vor Eintritt der Subprime-Krise waren es jedoch noch 161.050 Dollar gewesen – die Mittelschicht hat als die Hypothekenkrise stärker abbekommen als alle anderen Bevölkerungsgruppen in den USA.

In der Pew-Studie hieß es dazu:

Die Folgen der Rezession von 2007 bis 2009 waren so gravierend und die Verluste so hoch, dass nur Familien in den oberen Einkommensschichten im Lauf von 30 Jahren einen Vermögenszuwachs verzeichnen konnten.

Das Vertrauen in eine ungebrochene Aufwärtsentwicklung und die niedrigen Zinsen zu Beginn der Abkühlphase hatten Familien über lange Zeit dazu veranlasst, sich immer mehr an Wünschen zu verwirklichen – vom Haus über den Urlaub, das Auto, die Collegeausbildung bis zur gehobenen Einrichtung. Im Jahr 2006 gab die Durchschnittsfamilie mehr Geld im Monat aus als sie einnahm. Im Jahr 2007 betrug die durchschnittliche Schuldenhöhe 9000 Dollar – ohne Verbindlichkeiten aus der Immobilienfinanzierung.

Als die Subprime-Krise ausbrach, waren viele Häuser sogar weniger Wert als die Summe der Schulden. Was danach kam, ist bekannt. Wie schlimm es heute noch um die Mittelschicht als das Rückgrat der amerikanischen Nation steht, scheinen einige unterschätzt zu haben.

ForumVostok
MAKS 2017