Birdie Sanders fliegt...

Birdie Sanders fliegt...
Mathias Bröckers, Journalist und Autor von "Wir sind die Guten. Ansichten eines Putinverstehers", über den überraschenden Erfolg des demokratischen Sozialisten Bernie Sanders bei den Vorwahlen der Demokratischen Partei in den USA: Sein Erfolg zwingt Leitmedien dazu, dem "Außenseiter" endlich faire Sendezeit einzuräumen. Es deutet sich ein vorsichtiger Umschwung an und man kann nur wünschen, dass er weiter und noch höher fliegt. Und am Leben bleibt...

Ein Gastbeitrag von Mathias Bröckers 

Seit dem Osterwochenende pfeifen es die Spatzen von den Dächern: Bernie, Bernie, Bernie!

Der Senator gewann die Vorwahlen in Alaska, Hawaii und Washington haushoch und während einer Rede in Portland, im Bundesstaat Oregon flog ein Spatz auf die Bühne. Das Publikum lachte, Sanders unterbrach und der Vogel setzte sich für einen Moment direkt vor sein Mikrofon.

"Ich weiß, dass das keine Taube ist, aber dieser kleine Vogel steht für den Weltfrieden. No more wars!"

Und nicht nur der Saal jubelte, sondern auch die sozialen Medien, in denen sich die symbolische Szene in Windeseile verbreitete - und Sanders nicht nur weitere Wählerstimmen zutreiben wird, sondern vermutlich auch dafür sorgt - wie ein Kommentar vermerkte - dass Hillary für ihre nächste Rede wohl schon Tauben gemietet hat.

Als mein Ko-Autor Sven Böttcher mich vor einigen Wochen, nach den ersten Erfolgen Bernies, auf dem Blog zu unserem neuen Buch fragte, ob sich Sanders nicht auf dünnem Eis bewegt, weil ihn ein irrer Einzeltäter aus dem Rennen nehmen könnte, sah ich für einen neuen Lee Harvey Oswald keinen Bedarf, weil über den Kandidaten nicht von den Wählern, sondern letztlich von den Funktionären der Partei entschieden werden, die als Superdelegierte das Wählervotum überstimmen können. Was sie in der Geschichte freilich noch nie getan haben.

Es bleibt also spannend und nachdem einer der zuverlässigsten US-Demoskopen nach den vorliegenden Umfragen voraussagt, dass Bernie auch die nächsten anstehenden Vorwahlen gewinnen wird, denke ich mittlerweile auch, dass er gefährlich lebt. Zumal Sanders in den Umfragen zur Präsidentschaftswahl sehr viel deutlicher vor Trump liegt als Clinton - und er wegen massenhafter Kleinspenden mehr Wahlkampfgeld als Hillary akquiriert.

Und riesige Stadien für seine Auftritte mieten kann und - anders als Clinton - Zehntausende meist junger Wählerinnen und Wähler begeistert, was auch die orchestriert auf Clinton und Trump fixierten Leitmedien dazu zwingt, dem "Außenseiter" endlich faire Sendezeit einzuräumen. Was seiner Kampagne für die entscheidenden Abstimmungen in New York und Kalifornien im April bzw. Juni weiteren Auftrieb geben dürfte.

Schon deutet sich ein vorsichtiger Umschwung an: "Hurricane Bernie hits New York" titelt MSNBC über die Welle von Unterstützung, die Sanders von New Yorker Aktivisten entgegenfliegt. Angesichts dieser Mobilisierung kann die zweimalige Senatorin des Distrikts New York, Hillary Clinton, die TV-Debatte, die der im Stadteil Brooklyn aufgewachsene Bernie Sanders fordert, nicht länger verweigern. Wozu Reuters bemerkt: "Bernie hat Hillary jetzt genau da, wo er sie haben will".

Denn anders als die etablierte Clinton hat er eine sozialdemokratische Botschaft, die ankommt: für einen Mindestlohn, gegen die Großbanken, für Sozial- und Gesundheitsversicherungen, gegen College- und Universitätsgebühren. Und auch wenn Bernie keine echte Friedenstaube, sondern nur ein Spatz ist... man kann nur wünschen, dass er weiter und noch höher fliegt. Und am Leben bleibt...

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