CIA-Veteran: Größter Fehler der Amerikaner ist, dass sie nichts von der Geschichte Russlands wissen

CIA-Veteran Ray McGovern bei einer Veranstaltung der Whistleblower-Gruppe ExposeFacts, April 2015.
CIA-Veteran Ray McGovern bei einer Veranstaltung der Whistleblower-Gruppe ExposeFacts, April 2015.
CIA-Veteran Ray McGovern glaubt, dass man in den USA die Geschichte Russlands völlig verkenne, und dass dies der strategische Hauptfehler Washingtons bei der Gestaltung seiner Beziehungen zu Moskau sei. Auf der Basis seiner 30-jährigen Erfahrung beim CIA kommentiert McGovern die Ereignisse in der Ukraine und in Syrien, inklusive der US-Involvierung beim Abschuss der Su-24 durch die Türkei, sowie die Politik des US-Präsidenten Barack Obama und des russischen Staatschefs Waldimir Putin.

In seinem Plädoyer dafür, dass man die Geschichte nicht vergessen darf, weist McGovern auf die seiner Meinung nach empörende Situation hin, als man in Europa die Frage erörterte, ob man Russland zu den Feierlichkeiten anlässlich des 70. Jahrestages der Landung der Alliierten in der Normandie überhaupt einladen sollte. Trotz der wohlbekannten Tatsache, dass sich die Verluste der UdSSR im Krieg gegen Hitler auf rund 27 Millionen Menschen belaufen:

Ray McGovern und Elizabeth Murray in Berlin. Foto: Stefan Böhme

„Im vergangenen Jahr gab es einen empörenden Vorfall, als man im Juni den 70. Jahrestag der Landung der Alliierten in der Normandie begehen wollte, und als jemand in vollem Ernst vorschlug, die Russen nicht einzuladen. Stellen Sie sich vor, was der Russe empfinden muss, wenn er solche Dinge hört!“

Der CIA-Veteran gibt zu, dass er viele Jahre gebraucht habe, um die russische Mentalität und Kultur zu studieren. Mit der Zeit habe er die Russen besser zu verstehen und zu schätzen gelernt, zumal sie den Amerikanern sehr ähneln würden. 

UkraineundKrim

Ray McGovern wird nicht müde, die Bedeutung der Geschichte zu betonen. Als Beispiel führt er die westliche Berichterstattung über die Ereignisse in der Ukraine, die Beziehungen zwischen Moskau und Kiew und die Wiedervereinigung der Krim mit Russland an:

„Wenn man die US-Medien liest, bekommt man den Eindruck, dass die ganze Geschichte mit der Ukraine am 23. Februar 2014 begonnen hat. ʻThe Washington Postʼ hat einen Artikel wie folgt betitelt: ʻPutin plante Krim-Annexion im Vorausʼ. Wie sind sie überhaupt darauf gekommen? Es gibt ja einen Dokumentarfilm, wo Putin erzählt, wie er am 23. Februar seine Berater für nationale Sicherheit um sich versammelt hat.“  

Der CIA-Veteran unterstreicht, dass dies gleich nach dem Umsturz in der Ukraine passiert ist, als man „mit Zustimmung der USA“ in Kiew Wiktor Janukowitsch entmachtet habe. McGovern sei überrascht, dass viele seiner gut gebildeten Freunde das nicht gewusst hätten. Es sei am Rande bemerkt, dass zum neuen Ministerpräsidenten der Ukraine Arseni Jazenjuk ernannt wurde: Sein Name war übrigens in einem Gespräch zwischen der Assistentin des US-Außenministers, Victoria Nuland, und dem US-Botschafter in der Ukraine, Geoffrey Pyatt, erwähnt worden. Ein Mitschnitt jenes Telefonats wurde später im Internet veröffentlicht.            

„Ich wache am 23. Februar auf, mache das Radio an und höre, dass sich in Kiew ein Umsturz ereignet hat! Und wer wurde zum Ministerpräsidenten? Jazenjuk! Er bekleidet dieses Amt bis jetzt“, erzählt der CIA-Veteran.

Was die darauffolgende Wiedervereinigung der Krim mit Russland betrifft, so sagte Wladimir Putin am 17. April 2014 im Rahmen des dreistündigen „Heißen Drahtes“ mit der Bevölkerung Russlands: „Wir haben begonnen, Maßnahmen in Bezug auf die Krim zu treffen. In erster Linie wegen der Bedrohung, die vom Raketenabwehrsystem ausgeht.“ McGovern zufolge sei dieser Schritt wiederum eine Antwort auf die Handlungen des Westens gewesen.    

Es sei daran erinnert, dass die Wiedervereinigung der Krim mit Russland ein Ergebnis der demokratischen Willensbekundung der Halbinsel-Bewohner war, die dafür bei einem Referendum im März 2014 stimmten. Die Durchführung dieses Volksentscheides entsprach allen Normen des Völkerrechtes und der UN-Charta.  

Barack Obama und „Hard Power“-Politik

Was die innere Struktur der USA betrifft, so bemerkt Ray McGovern, dass sich Washington unter dem Einfluss der Rüstungsindustrie befinde. Deswegen ähnele seine Politik der Handlungsweise der Faschisten.   

„Ike [Ex-Präsident der USA Dwight David Eisenhower] hat dazu gemahnt, dass wir uns vor dem Einfluss der Rüstungsindustrie hüten sollen. Aber diese Maschinerie wird allmählich in Gang gesetzt. Dabei vollzieht sich alles unter  Beteiligung der Medien, weil die Körperschaften, die aus diesen Kriegen Kapital schlagen, die Medien grundlegend kontrollieren. Gleichzeitig dehnen sich die Geheimdienste immer mehr aus: Es gibt jetzt zweimal oder dreimal so viele Mitarbeiter wie vor dem 11. September… Im Ergebnis unterscheidet sich das von uns geschaffene System kaum von dem, das man als Faschismus zu bezeichnen pflegt. Man braucht keine Angst vor diesem Wort zu haben“, so der CIA-Veteran.

Unter dem Druck dieser „Maschinerie“ stehe auch der amtierende US-Präsident Barack Obama. McGovern zufolge hänge von ihm in der internationalen Arena überhaupt nichts ab. Der ehemalige Geheimdienstler nennt das Oberhaupt der USA einen unbeholfenen Strategen, der sich in seinen Entscheidungen auf Ratschläge unerfahrener Menschen stütze, die sich schlecht in der Außenpolitik, besonders in den Beziehungen zu Russland, auskennten:      

„Ich zweifle daran, dass die Administration Obama eine klare politische Linie hat. Ich glaube, dass von Barack Obama überhaupt nichts abhängt. Ich sehe, dass er ein seiner selbst unsicherer und sehr unerfahrener Mensch ist, dass er sich im Bereich der Außenpolitik auf Ratschläge ebenso unerfahrener Berater stützt, die eine völlige Ignoranz in Bezug auf Russland an den Tag legen.“

McGovern macht darauf aufmerksam, dass man nach dem Amtsantritt Obamas mit derselben – aber etwas zugenommenen – Militärgewalt und mit denselben Sicherheitsapparaten zu tun habe, die nach dem 11. September wie Pilze aus der Erde gewachsen seien. Außerdem müsse der US-amerikanische Präsident auf viele Menschen hören, die ihre eigenen Interessen verteidigen, so der CIA-Veteran:     

„Obama hat es mit vielen Kongressleuten zu tun, die viel Geld in die NSA, CIA usw. investieren. Sie haben Macht, Einfluss und Lobby. Das ist jener Nährboden, auf dem die rüstungsindustrielle Legislative floriert.“

Analyse von Ray McGovern für RT Deutsch zum Gipfel in Elmau: „Hohe Einsätze für die G7″

Ray McGovern schätzt die Tätigkeit Wladimir Putins im Amt des Präsidenten der Russischen Föderation hoch ein. Der frühere US-Geheimdienstler ist fasziniert, dass der russische Staatschef sich in den jetzigen Gegebenheiten nicht aus der Fassung bringen lasse:

„Er begreift das Wesen des Kräftegleichgewichtes in Russland und agiert deshalb äußerst behutsam.“

Putins Handlungen in Syrien seien auch ausgewogen, bemerkt McGovern. „Nach Syrien strömen Tausende Islamisten, die die Türkei ihre Grenze passieren lässt, und die von Saudi-Arabien, Katar und Gott weiß noch wem Waffen beziehen. Das ist eine direkte Gefahr für die Sicherheit Russlands“, so der Ex-Geheimdienstler.

Gleichzeitig sei Russland wie kein anderes Land an einer friedlichen Lösung der Krise interessiert. Denn es sei ausgerechnet Moskau gewesen, das die Welt gerettet habe, indem es die Vereinigten Staaten von einer offenen Konfrontation mit Syrien abgehalten habe, als die Meldungen über einen Chemie-Waffeneinsatz in einem Vorort von Damaskus 2013 aufgetaucht seien:      

„Russland hat Obama aus der Klemme geholfen, als er Ende August und Anfang September 2013 schon bereit war, sich auf einen offenen Krieg gegen Syrien einzulassen. Nur ein paar Dinge haben damals die Welt vor einem Krieg gerettet. Die Rolle Russlands war ausschlaggebend.“

Statt dankbar zu sein, hätten die Vereinigten Staaten allerdings beschlossen, traditionell zu handeln. Ohne Beteiligung Washingtons dürfte es in der Geschichte mit dem abgeschossenen russischen Bomber vom Typ „Su-24“, der in Syrien einen Einsatz gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ flog, nicht abgegangen sein:    

„Die Türken haben genau gewusst, wo sich das russische Flugzeug befand, und wie man es abschießen konnte. Diese Informationen haben sie – und womöglich irgendwer noch – von den USA zugespielt bekommen. Und Putin sieht das alles und versteht, dass jene Aktion mindestens mit Erdoğan abgestimmt worden sein muss. An seiner Stelle wäre ich überzeugt, dass auch Victoria Nuland unterrichtet war.“

McGovern ist sich sicher, dass Nuland bei außenpolitischen Entscheidungen eine viel größere Rolle spielt, als das alle annehmen. Er resümiert: 

„Ich bin kein Anhänger von Verschwörungstheorien, aber ich weiß, womit sie sich in Kiew beschäftigt hat. Was hätte sie daran gehindert, den Türken zuzuzwinkern und  vorzuschlagen: ʻEs ist einen Versuch wert!ʼ. Von mir aus hätte Obama persönlich Erdoğan kaum eine solche Handlungsweise empfehlen können, während Nuland das gewiss hätte tun können. Ich schließe das nicht aus.“