Staatsbesuche mit Schlägertrupp: Erdogans Werben um Südamerika – Rückblick auf ein Fiasko

Der türkische Präsident Erdogan bei seinem Besuch in Ecuador
Der türkische Präsident Erdogan bei seinem Besuch in Ecuador
Vom medialen Mainstream Europas ignoriert, inszenierte der türkische Regierungschef, Recep Tayyip Erdogan, vergangene Woche einen fünftägigen Staatsbesuch in drei Ländern Südamerikas, der in Ecuador mit dem gewalttätigen Einsatz seiner Bodyguards gegen Demonstranten und einem diplomatischen Eklat endete. Am Ende bleibt wohl nur zerschlagenes Porzellan statt einer erhofften Annäherung.

Von RT Deutsch-Lateinamerika-Korrespondent Frederico Füllgraf

Erdogan hatte es eilig. Mit einer Hundertschaft türkischer Unternehmer im Tross, warb er vergangene Woche in Chile, Peru und Ecuador für eine rasche Verdoppelung des Handelsaustauschs, der zwischen der Türkei und den drei Pazifik-Staaten gegenwärtig kaum eine Milliarde US-Dollar erreicht.

2014 waren es noch 10 Milliarden US-Dollar. Doch seit diesem Höchststand ist das Geschäft vor allem wegen dem weltweiten Einbruch der Rohstoffpreise und der damit gekoppelten Rezession in Argentinien und Brasilien rückläufig. Insbesondere die von Krisen geschüttelte und von russischen Sanktionen betroffene türkische Bauindustrie sucht händeringend nach neuen Aufträgen, zum Beispiel mit der Bewerbung der türkischen Yilport für den Bau des Hafens Bolívar in Ecuador.

Erdogans "neo-osmanische" Offensive

Mit seinen Auftritten in Chile, Peru und Ecuador ließ Erdogan zwar erkennen, dass das Land am Bosporus knapp bei Kasse ist, doch verfolgt die türkische Agenda hier vor allem unverkennbare politische Ziele.

Die angekündigte Eröffnung neuer türkischer Botschaften in Lateinamerika signalisiert die Bemühung Erdogans, die zumindest partielle Isolierung der Türkei mit einer seit 2014 verfolgten, neuen "Präsenz"-Strategie zu überwinden. Auftakt dafür war 2006 das Ausrufen eines "Lateinamerika- und Karibik-Jahres in der Türkei", das zwar mit dem Besuch zahlreicher Staatschefs aus der Region auch gewürdigt wurde, doch die erwünschte Bewegung blieb bisher aus. Also entschied sich Erdogan nun für eine neue Offensive.

In seinem Vorstoß scheut der "neue Sultan von Ankara" - wie er von einigen südamerikanischen Medien spöttisch bezeichnet wird - kaum ein Abgleiten ins Reich der Mythen, wie seine von seriösen Historikern mehrfach angezweifelte Behauptung, muslimische Seefahrer hätten bereits 1178, also 300 Jahre vor Christoph Kolumbus Amerika entdeckt.

Diese bizarre These servierte Erdogan im Februar 2015 dem kubanischen Staatschef Raúl Castro als Begründung für seinen Plan, in Havanna eine kostspielige Replik der großen kaiserlichen Ortaköy-Moschee zu errichten. Denn, so Mythomane Erdogan, "Kolumbus berichtete, eine Moschee an der Küste Kubas gesichtet zu haben". Dass der Seefahrer sich der Bildsprache für die naheliegende Erwähnung eines mondänen Hügels bediente, passt nicht in Erdogans neo-osmanisches Weltbild. Dieses propagierte er staatsmännisch und missionarisch im November 2014, als er den "Gipfel der muslimischen Führer Lateinamerikas" nach Istanbul einberief.

Verbalattacke gegen Syrien und Kurden

Im erweiterten Kontext verfolgt der türkische Staatschef die Absicht, sich als Herausforderer der jüngsten strategischen Partnerschaften Russlands in Lateinamerika - vor allem mit Brasilien, Argentinien und Peru - , insbesondere jedoch mit seiner Lesart des Syrien-Konflikts zu präsentieren. Diese bekräftigte er mit drei behutsam eingefädelten Vorträgen in Chile, Peru und Ecuador. Erdogans Wortwahl zum Thema der terroristischen Bedrohung Syriens und des Flüchtlingsdramas war scharf und provozierend, seine Argumentation scherte sich wenig um die Wahrheit.

Zunächst versuchte der türkische Präsident die Herzen der Chilenen zu erweichen mit seiner Schilderung der Lage der 2,5 Millionen syrischer Flüchtlinge in der Türkei, für die sein Land angeblich neun Milliarden US-Dollar aus der Tasche ziehen müsse, und ließ dabei nicht die Gelegenheit aus, seine Gastgeber ebenfalls zur Kasse zu bitten.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und der Präsident der EU-Kommission Jean-Claude Juncker

Ganz im Gegenteil zu Europa, lehne sein Land keine Fremden ab, stichelte Erdogan weiter. Für die vorübergehende Aufnahme von Flüchtlingen habe die EU mit ihm und den Balkan-Staaten über eine Art "Wartesaal" verhandelt, für den die EU zahlen wolle, doch viel zu wenig, setzte er hinzu. "Was soll nun aus den Flüchtlingen werden?", rief der gestikulierende türkische Staatschef in die staunenden Gesichter seiner Zuhörer im Auditorium der Wirtschaftskommission für Lateinamerika CEPAL.

Doch beim Thema Flüchtlinge sind die Südamerikaner Experten. Zirka 22 Millionen Brasilianer - neun Prozent der Gesamtbevölkerung - sind arabischer Abstammung. In Argentinien sind es 3,5 Millionen und damit etwa acht Prozent der Gesamtbevölkerung.

Mit 400.000 Nachkommen und Neuankömmlingen ist Chile seit Beginn des 20. Jahrhunderts das Herz der palästinensischen Diaspora in Lateinamerika.

Demonstranten blutig geschlagen, Presse behindert, türkischer Botschafter vorgeladen

Vor dem von Polizei abgeriegelten Regierungspalast La Moneda in Santiago de Chile, demonstrierten so auch seit den frühen Morgenstunden chilenisch-kurdische Freundschaftsvereine und skandierten in wütenden Chören: "Erdogan Asesino – Erdogan Mörder!"

Das benachbarte, doch vom Nahen Osten weit entfernte Peru, erschrak Erdogan mit seinem Hinweis auf 12 Millionen Vertriebene als Folge des Krieges in Syrien, der hauptsächlich durch das "Assad-Regime", darüber hinaus aber natürlich auch vom "Islamischen Staat" verschuldet sei, und forderte vom "erfahrenen Peru" (gemeint war der schmutzige Krieg des Alberto Fujimori-Regimes gegen die Guerrila Sendero Luminoso) Unterstützung für den türkischen "Kampf gegen den Terrorismus".

Als Erdogan kurz darauf in Ecuador eintraf und in der Hauptstadt Quito seine Attacke gegen die syrische Regierung fortsetzte, die er beschuldigte, "Gewalt und Terrorismus gegen das eigene Volk" anzuwenden, und den kurdischen Widerstand, insbesondere die Kurdische Arbeiterpartei (PKK) und die Volksschutz-Einheiten (YPG) als "terroristische Organisationen" mit dem IS gleichsetzte – denn es gäbe "keine guten und schlechte Terroristen!" - platzte Demonstranten in- und außerhalb des Instituts für Hohe Nationale Studien (IEAN) der Kragen: Wieder unterbrachen ihn erboste Sprechchöre mit "Erdogan Asesino!"

Das war das Signal für Erdogans Bodyguards, die aus Ankara mitgereist waren und sich so gar nicht wie Gäste aufführten. Eher wie wild gewordene Saalordner agierten diese und rissen die zumeist weiblichen Demonstrantinnen im IEAN zu Boden, traktierten diese mit Fäusten, zerrten sie an Haaren und Kleidungsstücken brutal aus dem Saal und warfen sie vor den staunenden Augen der ecuadorianischen Polizei in hohem Bogen auf die Straße. Als Journalisten des TV-Senders EcuaVisa ihre Kamera auf die brutale Szene hielten, wurden sie weggestoßen, das Kamera-Objektiv von den drohenden Händen der Bodyguards gezielt verdeckt.

Bei dem Handgemenge bekam auch der ecuadorianische Parlamentsabgeordnete Diego Vintimilla Faustschläge ins Gesicht ab und wurde an den Händen verletzt. Vintimilla wurde von Erdogans Bodyguards niedergeschlagen als er eine Professorin des IEAN vor den Schlägern zu schützen versuchte.

Aufs Schärfste verurteilte Parlaments-Präsidentin Gabriela Rivadeneira den "Einsatz" gegen ecuadorianische Bürger. Dem Protest schlossen sich die Vorsitzende der Parlaments-Kommission für Nationale Souveränität, María Augusta Calle, sowie der Abgeordnete der Regierungspartei PAIS, Virgilio Hernández, an.

Rosana Alvarado, Vizepräsidentin des Parlaments, verurteilte das Vorgehen von Erdogans Leibwache als “nicht annehmbare, feige Aggression, der verschiedene ecuadorianische Bürger zum Opfer fielen”. Der Einsatz - und damit Erdogans geplante Charme-Offensive in Lateinamerika - eskalierte so zum diplomatischen Zwischenfall.

Ecuadors Vize-Außenminister Fernando Yépez ließ den türkischen Botschafter, Korkut Gungen, vorladen und überreichte ihm eine Protestnote, in der die Regierung Rafael Correa ihr "großes Befremden über die unangemessene Reaktion der türkischen Sicherheitskräfte und ihrer Gewaltanwendung gegen Staatsbürger Ecuadors" zum Ausdruck brachte und die türkische Regierung zur Rede stellte.

Das Ziel der Reise: Eindeutig verfehlt.