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Slavoj Žižek: Coronavirus setzt unter Zugzwang – globaler Kommunismus oder Gesetz des Dschungels

Slavoj Žižek: Coronavirus setzt unter Zugzwang – globaler Kommunismus oder Gesetz des Dschungels
Angesichts der grassierenden Panik um das Coronavirus stehen wir vor der ultimativen Wahl: Entweder wir setzen die brutale Logik um, nach der die Stärkeren überleben, oder eine Art neu erfundenen Kommunismus mit globaler Koordination und Zusammenarbeit.

von Slavoj Žižek

(Hinweis: Bei dem Artikel handelt es sich um eine Übersetzung aus dem Englischen. Das Original erschien am Dienstag) 

Unsere Medien beten unaufhörlich das "Keine Panik!"-Mantra nach. Und dann bekommen wir all die Berichte zu lesen, die nur Panik auslösen können. Die Situation ähnelt der, an die ich mich aus meiner Jugendzeit in einem kommunistischen Land erinnere: Als Regierungsbeamte der Öffentlichkeit versicherten, dass es keinen Grund zur Panik gäbe, nahmen wir alle diese Zusicherungen als klare Anzeichen dafür, dass sie selbst in Panik waren.

Lage zu ernst, um Zeit mit Panik zu verschwenden

Panik hat eine eigene Logik an sich. Die Tatsache, dass im Vereinigten Königreich aufgrund der Panik um das Coronavirus sogar Toilettenpapier aus den Geschäften verschwunden ist, erinnert mich an einen skurrilen Vorfall mit Toilettenpapier aus meiner Jugend im sozialistischen Jugoslawien. Es ging plötzlich ein Gerücht um, dass es nicht genug Toilettenpapier in den Läden gebe. Die Zuständigen versicherten prompt, dass es genügend Toilettenpapier für den normalen Verbrauch gebe. Überraschenderweise stimmte dies nicht nur, sondern die Menschen glaubten es meist sogar.

So weit, so gut. Jedoch argumentierte der Durchschnittsverbraucher wie folgt: "Ich weiß ja, dass es genug Toilettenpapier gibt und das Gerücht falsch ist. Aber was, wenn einige Leute dieses Gerücht ernst nehmen und beginnen, vor lauter Panik übermäßige Toilettenpapierreserven anzuhäufen – und auf diese Weise ein Mangel an Toilettenpapier wirklich zustande kommt? Also gehe ich doch lieber hin und lege mir selber eine Reserve an."

Für eine solche Entwicklung ist nicht einmal der eigene Glaube notwendig, dass einige andere das Gerücht ernst nehmen. Es genügt bereits anzunehmen, dass einige Andere glauben, dass es Leute gibt, die das Gerücht ernst nehmen. Der Effekt ist der gleiche, nämlich ein tatsächlicher Mangel an Toilettenpapier in den Geschäften. Läuft heute nicht etwas Ähnliches im Vereinigten Königreich, in Kalifornien (und in Deutschland? Anm. d. Redaktion) ab?

Gut gelaunt: Jens Spahn und Angela Merkel vor ihrer Pressekonferenz am Mittwoch in Berlin.

Das merkwürdige Gegenstück zu dieser Art von anhaltender ausladender Panik ist ein völliges Fehlen von Panik, wo sie absolut gerechtfertigt gewesen wäre. In den letzten paar Jahren, nach den Epidemien von SARS und Ebola, wurde uns immer wieder erklärt, eine neue, viel stärkere Epidemie sei nur eine Frage der Zeit. Und dass sich die Frage nicht nach dem Ob, sondern nach dem Wann des Ausbruchs stellt. Obwohl wir rational von der Wahrheit dieser erschreckenden Vorhersagen überzeugt waren, nahmen wir sie irgendwie nicht ernst und zögerten, dementsprechend zu handeln und ernsthafte Vorbereitungen zu treffen. Die einzige Gelegenheit, bei der wir uns mit ihnen beschäftigten, waren apokalyptische Filme wie Contagion.

Dieser Kontrast macht uns deutlich, dass Panik keine sachgemäße Art des Umgangs mit echten Bedrohungen ist. Wenn wir in Panik reagieren, nehmen wir die Bedrohung nicht allzu ernst. Im Gegenteil, wir verharmlosen sie. Denken Sie nur daran, wie lächerlich der übermäßige Kauf von Toilettenpapier ist. Als sei inmitten einer tödlichen Epidemie das Wichtigste, genug Toilettenpapier zu haben.

Doch was wäre eine angemessene Reaktion auf die Coronavirus-Epidemie? Was sollten wir lernen, was sollten wir tun, wenn wir ihr ernsthaft begegnen wollen?

Was ich unter Kommunismus verstehe

Als ich in Aussicht stellte, die Epidemie des Coronavirus könnte dem Kommunismus neuen Auftrieb geben, wurde meine These wie erwartet ins Lächerliche gezogen. Auch wenn es danach aussieht, dass die wenig zimperliche Herangehensweise des chinesischen Staates an die Krise funktioniert hat (und zumindest hat sie viel besser funktioniert als das, was jetzt in Italien vor sich geht), so ist doch die alte autoritäre Logik der aktuell machthabenden Kommunisten auch deutlich an ihre Grenzen gestoßen.

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Eine davon war die Furcht, den Machthabern (und der Öffentlichkeit) schlechte Nachrichten zu überbringen, die die tatsächlich erzielten Ergebnisse des Systems überwiegt. Dies war offenbar der Grund dafür, dass diejenigen, die als Erste Informationen über das neue Virus weitergegeben haben, angeblich verhaftet wurden. Mehr noch, es gibt Berichte, denen zufolge auch jetzt noch etwas Ähnliches vor sich geht, siehe Bloomberg:

Der Druck, China nach der Überwindung des Coronavirus wieder zum Arbeiten zu bewegen, lässt eine alte Versuchung wieder aufleben: Daten so zu manipulieren, dass sie den hohen Entscheidungsträgern zeigen, was diese sehen wollen. Dieses Phänomen spielt sich in der Provinz Zhejiang, einem Industriezentrum an der Ostküste, bezogen auf Daten von Stromverbrauch ab. Mindestens drei Städte dort haben den Fabriken vor Ort Mindestwerte für den Stromverbrauch vorgegeben – weil sie die Daten nutzen, um anhand ihrer einen Wiederanstieg der Produktion zu zeigen. Dies behaupten mit der Angelegenheit vertraute Personen. Das veranlasste einige Unternehmen dazu, Maschinen zu betreiben, auch wenn ihre Anlagen leer bleiben.

Ein Sicherheitsmann mit Gesichtsmaske vor einem geschlossenen Tempel, 6. März 2020 in Shanghai, China.

Wir können auch erahnen, was folgt, wenn die Machthaber diesen Betrug bemerken: Die Verantwortlichen vor Ort werden der Sabotage beschuldigt und streng bestraft. Hierdurch wird wiederum der Teufelskreis des Misstrauens reproduziert. Ein chinesischer Julian Assange wäre hier nötig, um der Öffentlichkeit diese verborgene Seite der chinesischen Epidemiebewältigung zu enthüllen.

Doch wenn dies also nicht der Kommunismus ist, den ich im Sinn habe, was meine ich dann mit Kommunismus?

Um es zu begreifen, genügt es, die aktuellen Erklärungen der WHO zu lesen. Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus. Leiter der WHO, erklärte letzte Woche, dass die Gesundheitsbehörden weltweit zwar in der Lage sind, die Ausbreitung des Virus erfolgreich zu bekämpfen. Bei der Organisation sei man jedoch besorgt, dass in einigen Ländern das Einsatzniveau seitens der Politik nicht dem Bedrohungsausmaß entspricht.

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Dies ist keine Übung. Dies ist auch nicht der Zeitpunkt, um aufzugeben. Es ist nicht die Zeit für Ausreden. Es ist an der Zeit, alle Register zu ziehen. Die Staaten planen seit Jahrzehnten solche Szenarien. Jetzt ist es an der Zeit, diese Pläne umzusetzen. Diese Epidemie kann zurückgedrängt werden, aber nur mit einem kollektiven, koordinierten und umfassenden Ansatz, der die gesamte Maschinerie der Regierungen einbezieht.

Man könnte hinzufügen, dass ein solch umfassender Ansatz weit über die jeweiligen einzelnen Regierungsapparate hinausgehen sollte: Er sollte darüber hinaus sowohl die Mobilisierung von Menschen vor Ort außerhalb der staatlichen Kontrolle als auch eine starke und effiziente internationale Koordination und Zusammenarbeit umfassen.

"Kommunismus ist Kontrolle und Rechnungsführung"

So wird zum Beispiel, wenn Tausende mit Atemproblemen ins Krankenhaus eingeliefert werden, eine erheblich größere Anzahl von Beatmungsmaschinen benötigt. Um diese zu beschaffen, sollte der Staat direkt eingreifen, so wie er auch unter Kriegsbedingungen eingreift, wenn Tausende von Waffen benötigt werden. Und er sollte sich dabei auf die Zusammenarbeit mit anderen Staaten verlassen können. Wie bei einer militärischen Kampagne sollten Informationen ausgetauscht und Pläne vollständig koordiniert werden. Das ist alles, was ich mit "Kommunismus" meine, der heute gebraucht wird. Um es mit Will Hutton auszudrücken:

Jetzt ist eine Form der Globalisierung – unreguliert, marktwirtschaftlich dominiert, mit ihrer Neigung zu Krisen und Pandemien – sicherlich im Begriff, abzusterben. Aber eine andere Form, die die Interdependenz und das Vorrecht des beweisbasierten kollektiven Handelns anerkennt, wird gerade geboren.

Im Privatjet mit dem eigenen Krankenpersonal zum Luxusbunker ans andere Ende der Welt fliegen – so gehen einige Superreiche durch die Corona-Krise (Symbolbild, Palexpo, Schweiz, 2019).

Globale Koordination und Zusammenarbeit notwendig

Was jetzt noch vorherrscht, ist die Haltung "jedes Land für sich". Will Hutton schrieb im Guardian:

Es gibt landesweite Verbote für den Export von Schlüsselprodukten wie medizinischen Hilfsgütern. Dabei fallen die Einzelstaaten auf ihre eigene Krisenanalyse zurück, während lokale Verknappungsherde entstehen und abenteuerliche, primitive Ansätze zur Eindämmung der Pandemie vorherrschen.

Die Coronavirus-Epidemie zeigt nicht nur die Grenzen der marktwirtschaftlichen Globalisierung auf, sondern auch die Grenzen des nationalistischen Populismus. Weil dieser auf volle staatliche Souveränität pocht und mit noch fataleren Folgen an seine Grenzen stößt. "Amerika (oder wer auch immer) zuerst!" ist passé, weil Amerika (wie alle anderen auch) nur durch globale Koordination und Zusammenarbeit gerettet werden kann.

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Ich will hier nicht den Utopisten geben. Ich appelliere auch nicht an eine idealisierte Solidarität zwischen den Menschen. Im Gegenteil, die gegenwärtige Krise zeigt deutlich, wie sehr globale Solidarität und Zusammenarbeit im Interesse des Überlebens aller und jedes einzelnen von uns liegt. Sie zeigt überdeutlich, dass es das einzig Vernünftige ist, was man als Egoist tun kann. Und es geht nicht nur um das Coronavirus. China selbst erlitt vor Monaten einen Schweinegrippe-Ausbruch gigantischen Ausmaßes und nun hat es auch noch die Bedrohung einer Heuschreckenplage in Aussicht. Außerdem, wie Owen Jones bemerkte, tötet die Klimakrise viel mehr Menschen auf der ganzen Welt als das Coronavirus – doch deswegen gibt es keine Panik.

Von einem zynischen, vitalistischen Standpunkt aus wäre man sogar versucht, im Coronavirus eine nützliche Infektion zu sehen. Weil dies der Menschheit ermöglicht, gleichsam eines Jätens halb verfaulten Unkrauts, die Alten, Schwachen und Kranken loszuwerden, und so zur Gesundheit weltweit beiträgt.

Vor dem Eingang eines Krankenhauses in Codogna am 11. März

Der im weitesten Sinne kommunistische Ansatz, für den ich mich einsetze, ist die einzige Möglichkeit, einen derart primitiven vitalistischen Standpunkt wirklich hinter uns zu lassen. Derweil sind Anzeichen für eine Einschränkung der bedingungslosen Solidarität bereits in den laufenden Debatten erkennbar. So heißt es etwa in der folgenden Bemerkung über die Rolle der "drei Weisen" falls die Epidemie in Großbritannien eine katastrophale Wendung nehmen sollte:

Patienten des National Health Service (öffentliches Gesundheitswesen Großbritanniens) könnte bei einem schweren Ausbruch des Coronavirus in Großbritannien lebensnotwendige medizinische Zuwendung verweigert werden, wenn die Intensivstationen mit der Lage überfordert sein sollten, warnen leitende Ärzte. Nach einem sogenannten 'Protokoll der drei Weisen Männer' wären drei Oberärzte in jedem Krankenhaus gezwungen, Entscheidungen über die Einteilung der Versorgung etwa in Bezug auf Beatmungsgeräte und Betten zu treffen, falls die Krankenhäuser mit Patienten überlastet würden.

Nach welchen Kriterien werden sich die "drei Weisen" richten? Die Schwächsten und die Ältesten zu opfern? Wird diese Lage immenser Korruption nicht Tür und Tor öffnen? Zeigen solche Verfahrensvorgaben nicht, dass wir uns darauf vorbereiten, die brutalste Logik Wirklichkeit werden zu lassen: die vom Überleben des Stärkeren?

Also noch einmal. Wir stehen vor der ultimativen Wahl: Entweder das soeben Beschriebene oder eine Art von neu erfundenem Kommunismus.

RT bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

Slavoj Žižek ist Kulturphilosoph. Er ist leitender Wissenschaftler am Institut für Soziologie und Philosophie der Universität Ljubljana, Global Distinguished Professor of German an der New York University und Internationaler Direktor am Birkbeck Institute for the Humanities der Universität London.

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