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Von bösen Russen und komischen Judenhassern – ist Hitler-Satire "Jojo Rabbit" antifaschistisch?

Von bösen Russen und komischen Judenhassern – ist Hitler-Satire "Jojo Rabbit" antifaschistisch?
Das Hitlerjugend-Mitglied Johannes Betzler und sein "innerer Freund" Adolf Hitler im Film "Jojo Rabbit".
Der neue Hitler-Klamauk "Jojo Rabbit" gewann den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch. Nominiert wurde der Film für insgesamt sechs Preise. Für viele ist er ein antifaschistischer Film, der mit "dem imaginären Hitler im Kopf" abrechnet. Ist das aber wirklich so?

von Wladislaw Sankin

Der Film "Jojo Rabbit" hat bis zu seiner Oscar-Nominierung schon Karriere gemacht und den Publikumspreis beim Kinofestival in Toronto gewonnen. Kommen die dokumentalen Wochenschau-Bilder mit den frenetischen Massen, die zu dem Beatles-Lied "Komm, gib mir deine Hand" die Hände zum Hitler-Gruß ausstrecken bei den Zuschauern so gut an? Der Regisseur, der Neuseeländer Taika Waititi, betonte im Juni 2018 vor dem Drehbeginn die Ziele seines Vorhabens folgendermaßen:

Ich bin ganz heiß, mit dem Dreh meiner Anti-Kriegssatire zu beginnen. Wir haben einen unglaublichen Cast versammelt, und ich könnte nicht aufgeregter sein, die Nazis und ihre Überzeugungen zu veralbern. Dieser Film wird eine Menge Rassisten anpissen, und das macht mich sehr glücklich.

Der 44-Jährige wurde belohnt. Er bekam schließlich seinen ersten Oscar – für das beste adaptierte Drehbuch. Waititi hat auch die wichtigste Nebenrolle gespielt – die des imaginären Hitlers. Obwohl die Geschichte zu großen Teilen auf das Buch "Caging Skies" von Christine Leunen aus dem Jahr 2004 basiert, ist die Leinwandversion im großen Umfang von der Idee bis zur Umsetzung sein eigenes Werk. Doch ist es Waititi gelungen, "die Nazis und ihre Überzeugungen zu veralbern"? Und vor allem: War das überhaupt nötig?

Von bösen Russen und komischen Judenhassern – ist Hitler-Satire "Jojo Rabbit" antifaschistisch?

Der Hauptprotagonist ist ein 10-jähriger Junge, Johannes Betzler. Er lebt allein mit seiner Mutter – gespielt von Hollywood-Star Scarlett Johansson – in einer beschaulichen deutschen Kleinstadt. Sein Vater ist an der Front in Italien, seine ältere Schwester ist gestorben. Die Handlung spielt sich gegen Ende des Krieges ab.

Der Junge ist ein Nazi und Hitler-Fan. Während des Films redet er immer wieder mit seinem "inneren Hitler", der als unsichtbare Figur auftaucht. Johannes ist Mitglied bei der Hitler-Jugend und nimmt an paramilitärischen Übungen in der freien Natur teil. Bei einem der Übungen weigert er sich, einem Kaninchen den Kopf zu verdrehen, wird deshalb als Weichei verspottet und bekommt den Spitznamen "Jojo Rabbit". Beim Granatenwerfen verletzt er sich und wird von den weiteren Übungen freigestellt.

Von da an verbringt Johannes die ganze Zeit in der Wohnung. Eines Tages entdeckt er ein jüdisches Mädchen namens Elsa im Alter seiner verstorbenen Schwester – seine Mutter hat sie versteckt. Erst im Laufe des Films werden die beiden Freunde. Da seine Mutter Anti-Kriegsflugblätter verteilt, bekommt Johannes eines Tages Besuch von Menschen in schwarzer Kleidung. Auch der Kommandant seiner Hitlerjugend-Truppe, Hauptmann Klenzendorf, ist dabei. Als die Gestapo-Leute misstrauisch werden, drückt dieser bei der Passkontrolle ein Auge zu und rettet damit die beiden Kinder: Das jüdische Mädchen gibt sich für die Schwester von Johannes aus.

Für einige Momente vergisst man beim Zuschauen, dass der Film eigentlich ein Klamauk ist, insbesondere als Johannes zufällig, dem Flug eines Schmetterlings folgend, am zentralen Platz der Stadt seine erhängte Mutter entdeckt: Er erkennt sie an ihrem Schuh. Hier merkt man endlich, dass mit den Nazis nicht zu spaßen ist. Seitdem wohnt Johannes allein mit seiner neuen Freundin.

Als die Amerikaner und Russen die Stadt befreien, kommt es zu einer Straßenschlacht, bei dem alle Zivilisten kämpfen. Johannes entgeht nur knapp dem Tod, als die Russen ihn auf der Straße schnappen. "Deutscher?", fragen sie ihn. Hauptmann Klenzendorf, der auch gefangengenommen wird, rettet den Jungen zum zweiten Mal, als er sich für einen Judenhasser ausgibt und Johannes als "Juden" beschimpft. Dafür wird er von den Russen auf der Stelle erschossen. Das ist auch das zweite Mal – nach dem Tod seiner Mutter –, dass Johannes das Grauen erfasst.

In der letzten Szene des Films kommt Elsa auf die Straße. Als sie die vorbeifahrenden US-Soldaten mit einer US-Fahne sieht, versteht sie, dass sie befreit ist. In den nächsten Sekunden beginnen sie und ihr Retter Johannes, der seine Nazi-Ideologie schon längst abgelegt hat, zu David Bowies deutscher Version von "Heroes" zu tanzen.

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Elsa blickt auf die US-Soldaten, die mit einer US-Fahne durch die befreite Stadt fahren.

Tapsige Freaks

Ist "Rabbit Jojo" wirklich antifaschistisch? Auf den ersten Blick wirkt der Film so, man macht schließlich die Nazis lächerlich, und sie wollen doch nichts Gutes. Aber eben diese angebliche Lächerlichkeit ist auch das größte Problem. Die "Nazis" sind "domestiziert" und an die heutige jugendliche Wahrnehmung angepasst. Vor allem wird das Wesen des Faschismus in "Jojo Rabbit" grundlegend verzerrt. Man versteht nicht, warum die Faschisten Faschisten sind.

Alle Träger des Nazis-Regimes kommen als komische Freaks daher, die aus heiterem Himmel anfingen, Juden nicht mehr zu mögen. Sie sind eine Subkultur und ein Fanclub mit eigenem Dresscode, Spielchen und Zeitvertrieb, wo einsame Menschen ihren Spaß haben. Und Hitler? Es ist kein totalitärer Führer, der die halbe Welt in Blut ertränkt hat, sondern ein friedlicher und gemütlicher Sonderling, domestiziert wie eine Hauskatze – so existiert er im Kopf des Kindes.  

Einzelne Figuren tragen grelle Fantasie-Uniformen und ähneln mehr Zirkusclowns als den gefürchteten Nazi-Offizieren. Von wegen gefürchtet. Hauptmann Klenzendorf, der die Hitler-Jugend leitet, wirkt wie ein Trainer eines Jugend-Turnvereins – irgendwie "cool" und ein bisschen väterlich. Und er zeigt Heldenmut und menschliche Größe, als er zunächst Elsa und dann Johannes rettet – Johannes auf Kosten seines eigenen Lebens. Und hier kommt ein wichtiger Moment.

Von bösen Russen und komischen Judenhassern – ist Hitler-Satire "Jojo Rabbit" antifaschistisch?
Hauptmann Klenzendorf rettet den 10-jährigen Johannes, als er sagt, dass der Junge kein Deutscher, sondern ein Jude ist. Die Sowjetsoldaten erschießen Klenzendorf.

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Wer rettet schließlich ein deutsches Kind? Ein Nazi-Offizier. Vor wem? Vor den bösen Russen. Und wer erschießt ihn dafür? Auch die Russen. Die Russen sind die einzigen Figuren im Film, die aus blinder Mordwut handeln und die dem Haupthelden panische Angst einjagen. Zu diesem Stress-Erlebnis des Protagonisten kontrastiert im Film die letzte Szene, die für Entspannung und Freude sorgt. Sie ist direkt mit US-Soldaten verbunden, die mit ihrer Fahne durch die Straßen der Stadt fahren und sie schließlich am Hauptturm der Stadt hissen. Es wirkt fast so, dass dies eigentlich die Hauptbotschaft des Films ist – während die Sowjet-Russen mit dem Tod drohen, bringen die US-Amerikaner die Freiheit – von wegen Antifaschismus.

Waititi betonte, dass er nichts von Hitler als historische Person wissen wollte. Etwas Historisches zu machen sei nicht sein Ziel gewesen, es ging ihm um eine reine Kindesidee von Hitler. Schade. Lustig war der Film trotz allem Klamauk nicht und umso weniger war er lehrreich. Zu den gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen Gründen für den Judenhass und Faschismus haben wir durch den Film nichts gelernt. Es ist auch unmöglich, von einer heutigen Hollywood-Produktion so etwas zu erwarten.

Der gewöhnliche Faschismus

Im Jahr 1965 drehte der sowjetische Regisseur Michail Romm seinen Dokumentarfilm "Der gewöhnliche Faschismus". Romm, der auch in Ich-Form als Erzählerstimme zu den Zuschauern sprach, konnte es sich erlauben, sich über Hitler und die Nazis lustig zu machen. Lächerlich machte er sie einzig und allein durch die gezeigte Chronik und seine Kommentare. Er konnte frei über den Faschismus reden, weil er gleichzeitig dessen Wurzeln offenlegte und dessen Entstehung über alle Phasen bis zu den grausamen Folgen nach dem Krieg scharf beobachtet hat. Seine Schlüsse waren für das westliche kapitalistische System allerdings wenig schmeichelhaft. Nachdem Romm Hitlers Gönner unter den Großindustriellen, samt Faschisten in den USA und in Rest-Europa, gezeigt hat, endete sein Film mit der Übung einer Marine-Einheit, die damals möglicherweise kurz davor stand, nach Vietnam entsendet zu werden. 

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