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"Disziplin, Leidensfähigkeit, Uneitelkeit bis zur Selbstaufgabe" – Das Epitaph für AKK vom SPIEGEL

"Disziplin, Leidensfähigkeit, Uneitelkeit bis zur Selbstaufgabe" – Das Epitaph für AKK vom SPIEGEL
Mit dem von ihr vorgegeben "Äquidistanzparadigma" hat Annegret Kramp-Karrenbauer die Thüringer CDU in eine politische Sackgasse geführt.
Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer tritt als CDU-Chefin zurück. Und wie reagiert das Leitmedium „Der Spiegel“? Mit einer rührseligen Passionsgeschichte! Kritischer Journalismus in Deutschland, Anno 2020.

von Leo Ensel

Kennen Sie schon den? Was ist der Unterschied zwischen der SPD und der CDU? – Die SPD hat‘s schon hinter sich!

Man mag ja, je nach politischem Standpunkt, es bedauerlich finden oder hämisch grinsen, dass die Phase der Selbstzerfleischung nach den Sozial- nun auch die Christdemokraten erreicht hat – wenn eine Parteivorsitzende zurücktritt, wäre es jedenfalls die Aufgabe aller seriösen (oder sich als seriös verstehenden) Medien, mit kühlem Kopf die Gründe für diesen Schritt zu analysieren, nicht zuletzt unter dem Gesichtspunkt, inwieweit die Politikerin diese nun ‚alternativlose‘ Konsequenz selbst (mit)verursacht hat. Bei Annegret Kramp-Karrenbauer würde man hier schnell fündig.

Bessere Tage: Kramp-Karrenbauer nach ihrer Wahl zur CDU-Parteivorsitzenden im Dezember 2018

Sie hatte auf Bundesebene ihren Laden nie richtig im Griff und was das Verhalten ihrer Parteifreunde in Thüringen angeht, so hat sie, man erinnere sich, die vorsichtigen Kontaktversuche von Mike Mohring zu Bodo Ramelow nach der Landtagswahl sofort im Ansatz unterbunden. An dem „Äquidistanzparadigma“, das einen Thüringer AFD-Faschisten wie Björn Höcke und den als Ministerpräsident weit über seine Partei hinaus außerordentlich beliebten Realovertreter der Linkspartei wie Ramelow auf dieselbe Radikalenstufe hievte, hat AKK fleißig mitgestrickt und damit auch dessen Wiederwahl durch Stimmenthaltung wenigstens einiger CDU-Abgeordneter verhindert.

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Dass die CDU im Thüringer Landtag sich dann bei der dritten Abstimmung in der bekannten Manier verhielt, hätte AKK nicht mehr verwundern müssen. Und dass man ihr schließlich beim Ortstermin in Erfurt zeigte, wo der landespolitische Hammer hängt, kann man getrost als die Rache der Basis interpretieren – auch wenn man deren Abstimmungsverhalten in keiner Weise billigt. 

AKK hat also ihr Desaster selbst verschuldet. Mitleid mit ihr verbietet sich – nicht zuletzt aus einem Rest von Respekt, weiß doch jeder Plattkopf, dass für einen Politiker (männlichen, weiblichen oder diversen Geschlechts) nichts tödlicher ist als Mitleid. 

Die „Annegret-Passion“ 

Aber selbst diese ultimative Schande hat das Leitmedium Spiegel der scheidenden CDU-Parteivorsitzenden unfreiwilligerweise nicht erspart. Wenige Stunden nach ihrer Rücktrittsankündigung publizierte Qualitätsjournalist Florian Gathmann ein Epitaph, das an Larmoyanz nicht mehr zu überbieten ist. 

Unmöglich, nicht schon zu Beginn der Lektüre an die einleitenden Takte von Johann Sebastian Bachs „Matthäus-Passion“ zu denken! Wer wissen will, auf welchen Hund einstmals kritischer Journalismus in der Bundesrepublik mittlerweile gekommen ist, der lasse sich die ersten Sätze von Gathmanns ‚Großem Gesang vom Leiden und Sterben der Annegret Kramp-Karrenbauer‘ auf der Zunge zergehen: 

Diese Disziplin. Diese Leidensfähigkeit. Diese Uneitelkeit bis zur Selbstaufgabe. – Aber auch für Annegret Kramp-Karrenbauer war es irgendwann zu viel.

Rückzug von Kramp-Karrenbauer – Ein Rückblick in Bildern

Ein Granitblock in Menschengestalt, wem da nicht sofort die Tränen der Rührung aufsteigen! Aber Gathmann hat gerade erst angehoben, die Geschichte der „Annegret-Passion“ zu erzählen. Und er hat noch Einiges in petto:

Kramp-Karrenbauer ist gerade einmal ein gutes Jahr im Amt als CDU-Vorsitzende – aber was sie in diesen 14 Monaten seit Dezember 2018 an Rückschlägen und Niederlagen erlebt hat, reichte früher für ein ganzes Politikerleben. Sie spricht von ihrer CDU, die in großer Not ist, in den Umfragen, wegen der personellen und inhaltlichen Unordnung, zuletzt gerieten die Vorsitzende und die Christdemokraten wegen der Vorgänge in Thüringen neuerlich unter Beschuss. Sich selbst kann Kramp-Karrenbauer dabei trotz aller Fehler nicht meinen. Sie hat ihre Kräfte wirklich bis ins Unendliche ausgereizt.

Und nun wird es Zeit für den einen, den niederschmetternden Satz, der seine ganze Wucht nicht zuletzt dadurch entfaltet, dass Gathmann ihn durch einen Absatz vorbereitet und ihm prompt einen weiteren Absatz folgen lässt. Wir imitieren das hier aus philologischen Gründen: 

„Aber es hat nicht gereicht.“

Wie dieser kurze Satz nach der elend-langen Introduktion einsam und verlassen dasteht und dabei noch einen ganzen Absatz ausfüllen muss, das ist kälteste und dennoch herzzerreißende Sprache – kurz: das kann Gathmann nur von Brecht geklaut haben! – Und weiter geht's mit einem nostalgisch-verklärenden Rückblick: 

Was war das für ein phämonenaler Empfang gewesen, den ihr die CDU im Februar 2018 auf einem Sonderparteitag in Berlin bereitete. ‚Ich kann, ich will und ich werde‘, rief die neue Generalsekretärin damals den Delegierten zu und wurde dafür frenetisch gefeiert. Frischen Wind sollte sie in die Partei bringen, die von der Vorsitzenden Merkel über Jahre sediert worden war. Kramp-Karrenbauer öffnete die Fenster der muffigen CDU, bereiste monatelang die Basis der Partei.

Das ist kritischer Journalismus, Anno 2020 in den Leitmedien der Bundesrepublik Deutschland! Immerhin hat es der Spiegel damit geschafft, endlich auf das Niveau des Goldenen Blatts aufzusteigen. Und Florian Gathmann hat sich mit dieser Hagiographie als Kaisers-Geburtstags-Dichter, pardon: als eloquenter Trauerredner der Berliner Politprominenz empfohlen: 

Im kleinen Kreis hat Kramp-Karrenbauer schon vergangenen Sommer bitterlich darüber geklagt, wie einsam sie sich fühle. Aber sie machte weiter, obwohl man der CDU-Politikerin ansah, wie schwer ihr das fiel.

Gathmanns „Annegret-Passion“ harrt noch der Vertonung durch einen Komponisten vom Kaliber eines Johann Sebastian Bach. 

Die „alten weißen Männer“ ...

Kommen wir lieber wieder zurück in die Prosa des Politikalltags und konstatieren wir mitleidlos: AKK ist (bald) nicht mehr Parteivorsitzende der CDU, als Kanzlerin bleibt sie uns erspart. Man könnte sich erleichtert zurücklehnen – wäre sie nicht immer noch Verteidigungsministerin! Und das ausgerechnet in einer Zeit, die nichts notwendiger braucht als eine neue Entspannungspolitik mit Russland. 

Merkel am vergangenen Donnerstag in Pretoria

Wie Kramp-Karrenbauer sich hier positioniert, daran hat sie spätestens seit ihrer Münchner Rede vor der Bundeswehrhochschule, in der sie mit den betörend-schönen Stichworten „Verlässlichkeit“, „Selbstvertrauen“ und „Solidarität“ für nichts weniger als einen globalen Einsatz deutscher Soldaten plädierte, keinen Zweifel gelassen. Dass die als CDU-Parteivorsitzende mehr als glücklos operierende AKK in ihrer Rolle als Verteidigungsministerin bislang noch vergleichsweise unangefochten blieb, hat sie vor allem dem Chaos zu verdanken, das ihre mittlerweile zur EU-Kommissionspräsidentin hochgelobte Amtsvorgängerin hinterlassen hat. Dagegen konnte selbst eine Kramp-Karrenbauer sich nur positiv abheben. Aber vielleicht sind ihre Tage ja auch hier gezählt. 

Wagen wir mal eine Prognose, welche Schuldzuschreibung für das Scheitern AKKs mittelfristig den Mainstreamnarrativ bestimmen wird: Es waren vermutlich mal wieder – die ‚alten weißen Männer‘!

Gäbe es da nicht auch noch eine alte weiße Frau ... 

PS: Als wolle sie postwendend diese Prognose bestätigen, kommentierte die TAZ den Rücktritt AKKs tränentriefend als das „Ende der Epoche der Frauen“. Unausgesprochenes Motto des Alternativblatts: Lieber mit einer Frau in den Krieg als Entspannungspolitik durch einen Mann!

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