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Das syrische Paradoxon: Kooperation ohne Absprache

Das syrische Paradoxon: Kooperation ohne Absprache
Von der Türkei unterstützte syrische Rebellen und türkische Soldaten auf einem Gebäude in der Grenzstadt Ras al Ain, Syrien, am 23. Oktober 2019.
Seit dem Einfall der Türkei in Nordsyrien hat sich dort eine paradoxe Lage entwickelt: Einige der wichtigsten beteiligten Akteure, ob regional oder außerregional, scheinen miteinander zu kooperieren — ohne sich jedoch abzusprechen. Fjodor Lukjanow erklärt, wie das funktioniert.

von Fjodor Lukjanow 

Wenden wir einen gänzlich verbotenen Kniff an: Lassen Sie uns alle bisherigen Erklärungen, politischen Kampagnen, Persönlichkeiten und politischen Bonitäten der am syrischen Konflikt Beteiligten einmal ausklammern! Dann können wir unter "sterilen" Bedingungen schauen, wie die Handlungen der Hauptakteure dort sich gegenseitig bedingen und inwiefern sie sogar gemeinsame Handlungen genannt werden können.

Die Vereinigten Staaten beschlossen, im Rahmen der Verwirklichung des seit langem erklärten Ziels des Weißen Hauses (Trump: "aus lächerlichen und sinnlosen Kriegen auszusteigen") ihre Präsenz in Syrien einzustellen, weil sie ihre selbsterklärte Mission dort (Niederstreckung des terroristischen Pseudostaates IS) für erfüllt halten. Dieser Truppenabzug gefährdet seinerseits die kurdischen Milizen, die den US-Amerikanern bei der Durchführung der Mission halfen — aber letztlich doch nur "Lebensabschnittsverbündete" waren. Ein langfristiger Partner der USA in dieser Region ist die Türkei: Ihre Beziehungen mit den USA sind zwar kompliziert, aber dafür bestehen langjährige Verbindungen im Rahmen der NATO.

Doch auch die Türkei hat ihre eigenen Sicherheitsinteressen. Von diesen ausgehend verfolgt man das Ziel, den Einfluss kurdischer Formationen entlang der türkischen Grenzen zu schwächen — und Washington kam hier dem alten Verbündeten Ankara entgegen. Gleichzeitig bemühte man sich (Besuch von Vizepräsident Pence), dass auch der frisch verlassene kurdische "Lebensabschnittsverbündete" seinen Schaden zumindest minimieren konnte.

Russland ist im Moment der wichtigste in Syrien tätige überregionale Akteur — dies wird von allen anerkannt. In Syrien kann man nichts Ernstes unternehmen, ohne zuvor Verständnis mit Russland hergestellt zu haben. So erkennt dies auch die Türkei — eine militärische Operation in Syrien ist für sie nur möglich, soweit dabei kein Zusammenstoß mit den syrischen Regierungstruppen und Moskaus Truppen, die diese unterstützen, droht. Auch die Vereinigten Staaten unter Trump sind sich dessen bewusst: Es ist notwendig, dass syrische und russische Einheiten die Kontrolle über die freiwerdende Infrastruktur übernehmen können — damit der Geist des Krieges nicht aus der Flasche kommt und bisher erfolgreich unterdrückte Radikalislamisten sich eventuell wieder in der Region verbreiten.

Es gibt Kommunikation zwischen US-amerikanischen und russischen Militärvertretern und den politischen Vertretern der Türkei und Russlands. Ein bestimmter Algorithmus wird derzeit entwickelt. Er ist höchstwahrscheinlich nicht im Detail vereinbart, sondern spiegelt die allgemeinen Handlungsmuster wider. Dadurch wird eine direkte Interaktion vermieden, aber es werden gegenseitig akzeptable "rote Linien" aufgezeigt, die man jeweils nicht übertreten sollte.

So schafft man es letztendlich, dem Frontalzusammenstoß der Interessen aus dem Weg zu gehen. Die Türkei erhält das stillschweigende "ja" der beiden Supermächte für die Einrichtung ihrer Sicherheitszone, obwohl sie streng genommen völkerrechtswidrig ist. Die USA ziehen sich aus dieser Spielrunde zurück, weil sie sie als unwichtig erachten — und können dabei ihr Gesicht (wenigstens teilweise) wahren. Damaskus erweitert seinen Zuständigkeitsbereich um ein beträchtliches Segment des von ihm zuvor jahrelang nicht kontrollierten Territoriums. Die Kurden verhandeln über die Bedingungen der Koexistenz mit der Assad-Regierung und erkennen sie de facto an — im Gegenzug für militärischen Schutz. Russland bekräftigt seine Rolle als wichtigster Moderator und Garant und erweitert auch seine militärischen Optionen. Es werden die Voraussetzungen für den nächsten Versuch geschaffen, ein neues Syrien zu gestalten.

Kramp-Karrenbauer mit Bundeskanzlerin Angela Merkel im Oktober 2019

Dies war das ideale Bild, das entsteht, wenn wir davon ausgehen, dass alle rational und umsichtig handeln. Und jetzt lösen wir die Klammern auf und holen das, was wir ausgeklammert hatten, wieder zurück.

Erstens gibt es keine Einigung im Sinne des Wortes — sie entsteht vielmehr post factum. Die Position der Vereinigten Staaten ist äußerst widersprüchlich, da Trumps Entscheidung, sich aus Syrien zurückzuziehen, von einem bedeutenden Teil seiner politischen Gemeinschaft abgelehnt wird. Diese Ablehnung schlug sowohl in seiner Wählerbasis ein (die Weigerung, die Kurden zu unterstützen, verursachte Unzufriedenheit unter den christlichen Fundamentalisten, einer der Säulen des Trumpismus) als auch allgemein ins Image der USA — und das Weiße Haus begann, sich hin- und herzuwinden. Für Trump ist eine ruckhafte Vorgehensweise typisch, und das sieht man am Beispiel der Türkei: Die Tiefe der US-türkischen Zusammenarbeit ist nicht klar — erst erhält die Türkei grünes Licht, um sich mitten im Beschleunigen an der roten Ampel wiederzufinden. In diese Beziehung spielen Emotionen und angestauter Groll mit ein, was der Umsicht nicht gerade förderlich ist.

Die Situation zwischen Putin und Erdoğan ist einfacher, die Erfahrung hinsichtlich Entschärfens plötzlicher Krisenfälle ist reicher, aber es gibt auch Spannungen: Die Türkei dringt in das Hoheitsgebiet Syriens ein, was heute vielleicht das kleinere Übel ist, aber den russischen Grundprinzipien widerspricht. Überhaupt ist das Risiko groß, dass die Kampfhandlungen außer Kontrolle geraten und weitere Gebiete erfassen.

Es gibt eine sehr zurückhaltende Position seitens des Iran, dem der Einfall der Türkei in Syrien ganz und gar nicht behagt — wird davon doch der ohnehin schon zerbrechliche Status quo untergraben.

Die Kurden fühlen sich von lauter Feinden umzingelt (was sie allerdings schon gewohnt sind) und könnten völlig unberechenbar werden.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan und der russische Präsident Wladimir Putin, Sotschi, Russland, 22. Oktober 2019.

Im Allgemeinen ist die Lage ambivalent:

Auf der einen Seite stehen die aktuellen Geschehnisse nicht im Widerspruch zur Logik und können unter Umständen sogar günstigere Bedingungen für einen Friedensprozess schaffen: Es sei darauf hingewiesen, dass das Zusammenspiel der Hauptakteure (Türkei, USA, Russland) nicht auf gegenseitigem Vertrauen und Zusammenfall von Interessenkollisionen beruht (weil beides schlicht fehlt), sondern auf einem rationalen Verständnis, dass die Interessen eines jeden nicht verfolgt werden können, ohne Kontakt zu den jeweils anderen Beiden aufrechtzuerhalten.

Auf der anderen Seite wächst die emotionale und propagandistische Spannung, die alle vernünftigen oder zumindest begründeten Absichten zu ihrer Geisel machen kann. Der öffentliche Diskurs stellt Erdoğan, Trump und sogar Putin unter Druck. Es ist kein Zufall, dass im Westen ein Chor der Kommentare erklang, der Russland zum Hauptsieger des syrischen Konflikts macht, von dem alles Weitere abhänge und der alle um den Finger wickle. Trump und andere werden provoziert, die Westmedien versuchen, einen offenen oder unbewussten Wunsch zu wecken, das triumphierende Moskau "einzuholen" und im Idealfall in seine Schranken zu setzen.

Die Einsätze in Syrien sind wieder sehr hoch, und es geht vor allem um starke Nerven und kalte, sehr kalte Kalkulation.

Übersetzt aus dem Russischen. Original erschienen in der Rossijskaja Gaseta am 22.10.2019, Föderalausgabe 238 (7996).

Fjodor Lukjanow ist forschender Professor an der Wissenschafts- und Forschungseinrichtung "Hochschule der Wirtschaft".

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