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Das andere Jubiläum – Was die DDR heute noch mit dem 3. Oktober verbindet, Teil 2

Das andere Jubiläum – Was die DDR heute noch mit dem 3. Oktober verbindet, Teil 2
Überreste des Palasts der Republik am 26. November 2008 (oben) und Blick auf das Gebäude am 4. Januar 2006, Berlin, Deutschland.
Seit Anfang der 1950er Jahre hatten in der DDR teils weltbekannte Architekten, oft in Wettbewerben, Ideen und Konzepte eingebracht, dem Versuch einer neuen, menschlicheren Gesellschaft auch architektonisch Ausdruck zu verleihen, meistens als eine Art Gratwanderung.

von Felix Duček

(Teil 2, zum Teil 1 geht es hier)

Seit Anfang der 1950er Jahre hatten in der DDR teils weltbekannte Architekten, oft in Wettbewerben, Ideen und Konzepte eingebracht, dem Versuch einer neuen, menschlicheren Gesellschaft auch architektonisch Ausdruck zu verleihen. Das war meist eine Gratwanderung zwischen sich rasch wandelndem Zeitgeschmack – auch bei politischen Vorgaben – und vor allem der wirtschaftlichen Machbarkeit. Einige wenige Bauten in Ostberlin überdauerten trotz der im Einigungsvertrag 1990 als "Beitritt" verbrämten Vereinnahmung der DDR (anstelle einer schrittweisen Vereinigung auf Augenhöhe), andere intakte Prachtbauten wurden regelrecht in Siegermentalität (Palast der Republik) oder aus Profitgier (etwa das frühere Palasthotel, am Spreeufer schräg gegenüber) geschliffen.

Besucher vor dem Logo auf der Festmeile zum Fest Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2016 in Berlin.

Beim Palast der Republik musste (vermutlich wegen der Volkskammer, dem DDR-Parlament an der Schmalseite) der Spritzasbest-Brandschutz als damaliger Stand der Technik in Ost wie West als fadenscheinige Begründung herhalten: Unbezahlbar und vor allem untragbar für die Bewahrung! Wogegen das etwa zeitgleich und daher mittels gleicher Methode brandgeschützte ICC-Raumschiff neben dem Westberliner Funkturm – welch Wunder – fachgerecht vom Spritzasbest befreit und saniert wurde, dort ohne die Kosten zu scheuen.

Ostberlin wurde und wird seither demonstrativ in retrospektiver Nostalgie gemäß den Postkartenfotos vor der "Unzeit" der DDR zurückgebaut. Diese Abrissmentalität so vieler Zeugnisse der DDR-Architektur wie möglich offenbart den heute weiter lebendigen Ungeist des Kalten Krieges, als es noch bestenfalls die "sogenannte DDR" hieß. Selbst dann, wenn einige dieser Bauprojekte wie etwa vom Anfang der 1950er Jahre die Karl-Marx-Allee zwischen Frankfurter Tor und Strausberger Platz, um die ’70er Jahre weitergebaut bis zum Alexanderplatz, unter Denkmalsschutz gestellt wurden.

Keineswegs übertrieben, so bezeichnete bereits Mitte der 1950er Jahre der renommierte brasilianische Architekt Oscar Niemeyer nach seinem Berlin-Besuch ebendiese gemäß den Entwürfen von Hermann Henselmann wortwörtlich aus Trümmern gebaute Ost-West-Magistrale als "eine der bedeutendsten Alleen der europäischen Metropolen". Heutige Tendenzen der urbanen Gentrifizierung durch privatwirtschaftliche Profitmaximierung im Dschungel des Gesetzgebers zwischen Mieterhöhungen und öffentlich gefördertem Denkmalsschutz bremst das natürlich keineswegs, "Zuckerbäckerstil" bleibt ein Schimpfwort.

50 Jahre hat der Berliner Fernsehturm also bereits auf dem Buckel, auch 30 Jahre Nach-Wende überstanden, und ist – welch Wunder – quasi über Nacht zum gesamtdeutschen Markenzeichen geworden. Mindestens für Berlin ("arm, aber sexy!"), wenn nicht gar stellvertretend für ganz Deutschland, ist er ein weltweit bekannter Touristenmagnet: In den ersten drei Jahren besuchten ihn über 4 Millionen, auch heute Jahr für Jahr mehr als eine Million Touristen.

Im wahrsten Sinne des Wortes "überstanden" hat er nun ein halbes Jahrhundert. Im italienischen Friaul bebte 1976 gleich dreimal die Erde: am 6. Mai, am 11. September und vier Tage später, am 15. September 1976, das stärkste der Beben, das dort viele dort vorher "nur" beschädigte Gebäude noch vollends zerstörte. Transversale Erdbebenwellen gelangten bis nach Deutschland, versetzten an jenem Tag auch in Berlin Pendellampen in bedenkliche Schwingungen, was auch der Spiegel seinerzeit (39/1976) meldete. Manch einer mag sich gewundert haben, dass der Fernsehturm stehenblieb, aber es war eben kein Schrott, sondern ist bis heute ein Geniestreich.

Die Vorgeschichte des Fernsehturms bis zu seiner Einweihung 1969 verbirgt viele wechselvolle Höhen und Tiefen – wie viele andere Bauprojekte der Nachkriegszeit – zwischen Wünschen und Machbarkeit. Einerseits Ergebnis einer nüchternen technischen Analyse, dass zeitgemäßer Rundfunk – wenn schon nicht von den Müggelbergen – vom geografischen Mittelpunkt Berlins, am besten wenige hundert Meter vom Alex entfernt im Friedrichshain, ausgestrahlt werden sollte. Andererseits brauchte die DDR-Hauptstadt ohnehin die Fertigstellung ihres Zentrums, mit möglichst attraktiven wie zweckmäßigen architektonischen Neugestaltungen breit nutzbar, ganz im Sinne ihres neuen Gesellschaftsmodells.

Ein erster Anlauf für die technische Seite, einen ganz Berlin abdeckenden UKW-/VHF-/UHF-Sendeturm an einem zukunftssicheren Standort scheiterte schon Mitte der 1950er Jahre. Immerhin hatte die Europäische Rundfunkkonferenz in Stockholm 1952 der DDR, damals von vielen Staaten noch nicht politisch anerkannten, die von Technikern ungeliebten weil störanfälligen Fernsehsende-Frequenzen im Band I und Band III zugeteilt. Zwar wurde am Müggelsee – unweit des Müggelturms heute noch erkennbar – der Bau eines Fernseh-"Turms" beantragt und bewilligt, 130 Meter Höhe hätten dort oben gereicht. Aufgrund der möglichen Gefährdung des Flugverkehrs, nämlich am Rande der Einflugschneise zum DDR-Flughafen in Schönefeld gelegen, wurde das Projekt kurzerhand 1954 wieder abgeblasen.

Der bereits errichtete Sockel des Bauwerkes diente teils als "Observatorium" und ist heute noch ein Richtfunkknoten der Deutschen Telekom. Nach der Erkenntnis einer optimalen Platzierung im Zentrum, der immer schmerzhafteren Versorgungslücken der UKW- und TV-Sender in der DDR, wurde kurzerhand der Standort westlich des Alexanderplatzes sowohl aus technischer Sicht als auch als städtebaulicher Blickfang (Point de mire) als die Ideallösung erkannt und abgesegnet. Diese städtebauliche Gestaltung eines repräsentativen Zentrums, um die fast ein Jahrzehnt mühsam gerungen worden war, fand später noch ihren Abschluss in der Errichtung des Palastes der Republik von 1973 bis 1976 mit 5000-Plätze-Multifunktionssaal für Großveranstaltungen, mit Restaurants, Theater, Post und außerdem auch noch mit der Volkskammer, der Legislative in der DDR an einem endlich zentralen wie repräsentativen Ort.

In dieser Geschichte des Ringens um die vielen Architektur-Konzepte und Städtebau-Planungen gab es auch früher bereits mehrfach Turmkonzepte, was am Ende – lange nach der Errichtung und der nun wohl zeitlosen Erfolgsgeschichte des Fernsehturms – illustre Streitigkeiten um die "wahre" Urheberschaft des Konzepts aufkommen ließ. Der Erfolg hat bekanntlich stets viele Väter. Wahr ist sowohl, dass Hermann Henselmann, seit 1953 aufgrund seiner Leistungen bei der Bebauung der Stalinallee (der heutigen Karl-Marx-Allee) Chefarchitekt des Berliner Magistrats, bereits 1958/59 seinen "Turm der Signale" vorgeschlagen hatte, was sogar 1961 mit der DDR-Zeitschrift Deutsche Architektur öffentlich war.

Anderseits war der ebenfalls weltbekannte Architekt Gerhard Kosel von Juli 1964 bis Dezember 1965 gesamtverantwortlich für dieses Bauvorhaben und reklamierte, dass er sowohl den endgültigen, heutigen Standort als auch Entwürfe der Gestalt entscheidend geprägt hätte, bevor ihm schon 1965 – wegen bei Bauvorhaben nahezu stets drohender Kostenexplosion – diese Verantwortung wieder entzogen wurde. Er fiel keineswegs in "Ungnade", denn wenig später (1967 – 1972) war er wieder in Amt und Würden, aber an anderer Stelle: als Stellvertretender Minister für Bauwesen der DDR und danach DDR-Vertreter in der UNO-Kommission für menschenwürdige Siedlungen.

Schließlich sollte man aber heute nachdrücklich anerkennen, dass viele endgültige Details der Konstruktion wie der Gestalt des Berliner Fernsehturmes von einem Architektenkollektiv des VEB Industrieprojektierung (Ipro), einem Betrieb im Bau- und Montagekombinat Kohle und Energie, dem größten Baubetrieb der DDR, unter Leitung von Fritz Dieter für die Kugel und Günter Franke für den Turmschaft projektiert wurden, dem zweifelsfrei Hermann Henselmann als künstlereischer Berater zur Seite stand. Ohnehin sind mittlerweile alle diese namentlich Genannten bereits verstorben, viele zu Recht stolze Erbauer des Turms nicht. Im Übrigen wurden neben diesem Publikumsliebling von jenem volkseigenen Baukombinat zuvor und danach weitere Industriegiganten vergleichbarer Höhe errichtet, die heute bereits wieder verschwunden sind. So wurden allein für das leistungsstärkste DDR-Kraftwerk in Boxberg Anfang der ’70er Jahre sogar vier Schlote mit je 300 Metern Höhe errichtet.

Unter heute zahllosen Fernseh- und sonstigen Turmbauten auf der Welt ist die Kugel als Form des Turmkopfes unterhalb des Sendeantennen-Mastes zweifellos das markanteste Unterscheidungsmerkmal, mittlerweile ein Logo für Berlin. Dennoch war diese Kugel nicht allein der damaligen angeblichen "Sputnik-Ikonografie" in der DDR geschuldet, sondern folgte ganz nüchternen technischen Anforderungen, nämlich zwecks Beherrschbarkeit der Klimatisierung aller Sendeanlagen im Turm ein maximales Raumvolumen bei minimaler Außenfläche zu bieten, was allein für sich schon eine Kugel als geometrische Idealform nahelegte.

Übrigens, was das Erdbeben betrifft: Die tiefe Lage mitten im Urstromtal von Berlin erwies sich für das Fundament erstaunlicherweise nicht von Nachteil, es ist mit 2,70 bis 5,80 Metern vergleichsweise flach gegründet, weil die Schichten aus Kies und Sanden eine gute Tragfähigkeit nachwiesen, im Gegensatz zum sumpfigen Untergrund des Schlosses und anderer Berliner Bauwerke.

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