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Die Krim, fünf Jahre danach: Reise in die ‚Neuen Bundesländer‘ Russlands – Promenade in Jalta

Die Krim, fünf Jahre danach: Reise in die ‚Neuen Bundesländer‘ Russlands – Promenade in Jalta
Urlauber am Strand von Jalta.
Seit fünf Jahren ist die Krim Teil der Russischen Föderation. Wiedervereinigung, Sezession, Annexion – so lauten die Begriffe, um die sich nun Russland und der Westen unversöhnlich streiten. Grund genug, hinzufahren und sich vor Ort selbst ein Bild zu machen.

von Paul Loewe 

(Die vorherigen Teile können Sie hier und hier nachlesen.)

Nach Arkadien, will sagen: an die berühmte Südostküste der Krim, kommt man von Simferopol aus am preiswertesten mit dem Bus. Und wenn man es nicht so eilig hat, wartet noch ein Abenteuer besonderer Art: Man nimmt dann den Trolleybus und genießt das Vergnügen, die 80 Kilometer nach Jalta mit der längsten Trolleybuslinie der Welt zurückzulegen. In zweieinhalb Stunden für ganze 182 Rubel (€ 2,60). In der Nähe des gewaltigen Bahnhofsgebäudes, in der Nachkriegszeit im Stil der italienischen Renaissance mit Campanile, Säulen und Bogengängen errichtet und mit weißem Marmor verkleidet, geht es los. 

Mit dem Trolleybus nach Arkadien 

Liegt es am nach wie vor recht kühlen regnerischen Wetter, dass außer mir nur wenige Menschen im Bus sitzen? Am Stadtrand der Rohbau einer großen Moschee, die Bauarbeiten im vollen Gange. Langsam verändert sich die Landschaft. Wir lassen die Steppenregion hinter uns, die immerhin vier Fünftel der Gesamtfläche der Krim ausmacht, und überqueren das Krimgebirge, das sich in drei Bergketten vom südwestlichen Sewastopol zum nordöstlichen Feodossia hinzieht. Jenseits dieses Gebirges liegen aufgereiht an der Schwarzmeerküste jene Orte, deren Namen alle ehemaligen Sowjetbürger ins Träumen versetzen: Sudak, Novy Svet, Aluschta, Gursuf, Jalta, Lastotschkino Gnesdo (Schwalbennest), Alupka, Simeis, Foros. 

Sonnenaufgang am See Donuzlaw in der Nähe des Dorfes Mirny, Krim, 31. Mai, 2019

„Mjaso halal“ (Fleisch halal) entziffere ich auf einem Schild in einem Dorf, das wir passieren. Die Tataren, so mein Eindruck, scheinen mehrheitlich eher in den ländlichen Regionen zu leben. Die Gegend wird grüner und bewaldeter, irgendwann geht es auf der gut ausgebauten Straße in zahlreichen Serpentinen langsam nach unten. Ab und zu durchbrechen Sonnenstrahlen die dunkle Wolkendecke, in der Ferne schimmert es blau – was ist hier noch Himmel, was schon Meer? –, zwischen den zerklüfteten Steilhängen des Krimgebirges und der Küste breitet sich ein zwei bis acht Kilometer breiter Streifen mediterraner Vegetation aus, in dem die zahlreichen hohen, dunklen Zypressen besonders ins Auge stechen. Aluschta ist der erste Ort in Arkadien, den der Trolleybus ansteuert, nun noch 35 Kilometer auf der höhergelegenen Straße die Meeresküste entlang, dann sind wir da: Busbahnhof Jalta. 

Die Stadt der Nachkriegsordnung 

Jalta, die bekannteste Stadt der Krim, Namensgeber der Nachkriegsordnung, die Europa 45 Jahre lang in zwei einander feindlich gegenüberstehende Blöcke geteilt hatte, beschlossen im Februar 1945 von Stalin, Roosevelt und Churchill im nahegelegenen Palast von Livadija. Mit seinen zahlreichen Villen, Sanatorien, Palästen und Gärten, viele von ihnen vor dem Ersten Weltkrieg erbaut, zieht sich die Stadt den schmalen Küstenstreifen entlang und terassenförmig den Abhang hinauf.

Die berühmte Promenade am Meer. In einem Halbrund durch die immer noch schneebedeckte Gebirgskette umkränzt, bildet sie einen weiten Bogen von der Hafenbucht, dem „Morskoj Voksal“, Richtung Livadija im Süden. Auf der dem Meer entgegengesetzten Seite zur Stadt hin weist in der Mitte eines gewaltigen Platzes nach wie vor Lenin den postsowjetischen Urlaubern den Weg zum Sozialismus. Er hat allerdings Konkurrenz bekommen. Nun prangt auf der Kaimauer schräg gegenüber ein Porträt von Putin in den besten Jahren. Der souveräne Staatslenker am Steuerrad, im Hintergrund die russische Tricolore. Cool und verwegen sieht er aus, der russische Präsident, in seiner Lederjacke mit Silberkettchen und undurchsichtiger Sonnenbrille. 

Wider Erwarten ist es auch hier an der Schwarzmeerküste kühl und bedeckt. Maximal zehn Grad, Mitte April! Erst sehr langsam wird sich im Laufe der Woche, die ich hier verbringe, das Wetter aufheitern. 

Einige der sagenumwobenen Orte in der Nähe besuche ich die kommenden Tage: Nach der alten Zarenresidenz Livadija das berühmte „Schwalbennest“, das bekannteste Symbol der Krim, ein kurz vor dem Ersten Weltkrieg von einem im aserbaidschanischen Baku reichgewordenen deutschen Ölmagnaten im Stil gotischer Rheinburgen errichtetes Märchenschlösschen, das halsbrecherisch auf einem vorspringenden Felsen über dem Meer thront. Simeis, ein kleiner feiner Kurort zwanzig Kilometer südwestlich von Jalta mit dem „Gora Koschka“, dem Katzenberg, der aussieht wie eine Katze auf dem Sprung und seine optische Fortsetzung in einem aus dem Meer ragenden Felsen findet, der mich etwas an den Schamanenfelsen auf der Insel Olchon im Baikal erinnert. 

Eine Krim-Segelregatta führte auch durch die Straße von Kertsch und unter die neue Kertsch-Brücke, die die Halbinsel Krim mit russischem Festland verbindet (Bild vom 29. Mai).

Steil fällt das Krimgebirge hier zur Meeresseite ab, ein beliebter Ort für Klettertouristen; der dominierende Ai Petri (Petersberg) mit seinem Hochplateau wird oft als Filmkulisse benutzt. Foros, einer der teuersten Urlaubsorte auf der Krim. Hier wurde während des Putsches in Moskau vom 19.-21. August 1991 Michail Gorbatschow drei Tage lang in der Regierungsdatscha festgesetzt und von der Außenwelt isoliert. Der Woronzow-Palast in Alupka, ein Mitte des 19. Jahrhundert erbauter Palast, der auf abenteuerliche Weise englischen Tudor-Stil mit orientalischen Motiven kombiniert. Sehenswert der 40 Hektar große Park, in dem, begünstigt durch das milde Klima, mehr als 200 Pflanzenarten aus aller Welt gedeihen. Und natürlich „Massandra“, neben „Novy Svet“ und „Inkerman“ eines der bekanntesten Weingüter der Krim. Freunde von schweren Dessertweinen kommen hier auf ihre Kosten.

Die leere Promenade 

Und immer wieder am Spätnachmittag oder abends zieht es mich zur Promenade. Besonders bevölkert ist sie nicht. Auch die Flaneure hatte ich mir etwas anders vorgestellt: Erwartet hatte ich überwiegend coole junge Yuppies beiderlei Geschlechts, die, wie in Odessa, auf dem Promenadenlaufsteg ihre Bodies stolz zur Schau stellen. Der Ostverführer schlechthin, Karl Schlögel, glaubte Anfang dieses Jahrtausends in seinem hinreißenden Buch „Promenade in Jalta“ gar einen neuen Typus ausfindig gemacht zu haben: 

Auf der Promenade von Jalta ist ein neuer Typus aufgetaucht. Er ist zwischen 20 und 45. Er ist modisch up to date, trinkt eher Säfte als Wodka. Er weiß, dass er sich diesen Urlaub verdient hat. Wer hier ist, kann es sich leisten, hier zu sein. Wer hier ist, weiß Bescheid, kann vergleichen, denn er war aus beruflichen Gründen im Ausland und kennt Antalya oder Larnaka. Er hat sich aus vielen Gründen für Jalta entschieden. Er hat Pläne für sich und seine Kinder. Für die Soziologen verkörpert er die Tendenzen einer unaufhaltsamen Moderne: Privatisierung, Individualisierung, Differenzierung.

Es ist genau dieser Typus, der jetzt, fast 20 Jahre später, im Frühjahr 2019 hier fehlt! Ist es die Vorsaison? Sind es die Folgen des Sanktionsregimes? Den vergleichsweise wenigen Menschen, die hier promenieren, ist jedenfalls anzusehen, dass „Privatisierung, Individualisierung und Differenzierung“ für sie keine lebensbestimmenden Koordinaten sind. Es sind zumeist biedere, unauffällig gekleidete russische Familien mit kleinen Kindern, die mir immer wieder über den Weg laufen. Abends um 22:00 Uhr ist die Promenade bereits fast menschenleer. Keine Partymeile mit dröhnenden Bässen, kein dichtes Gefüge, keine „musikalische Terassenlandschaft“ – die Promenade von Jalta ist nicht, wie von Schlögel so anschaulich beschrieben, „Rummelplatz, Laufsteg, Bühne und Corso in einem“! 

Wer hier gerade Urlaub macht, kann es sich zwar leisten, legt aber offenkundig keinen Wert auf einen individualisierten Lebensstil. Möglicherweise spart er an anderen Enden. Die Stolowajas, die preiswerten Kantinen aus der Sowjetzeit, hier gibt es sie noch zuhauf und sie sind rund um die Uhr frequentiert! 

Bei genauerem Hinsehen wird das Abwesende sichtbarer. Es sind nicht nur die neuen Russen oder überhaupt die etwas wohlhabendere Mittelschicht aus dem postsowjetischen Raum, die durch Abwesenheit glänzen, es sind natürlich nicht zuletzt die Touristen aus dem westlichen Ausland, die fehlen! Letzteres ist eindeutig dem Sanktionsregime geschuldet und hat nicht zu unterschätzende ökonomische Folgen: Die Inhaberin eines Modeladens der etwas gehobeneren Klasse direkt an der Promenade, mit der ich ins Gespräch komme, klagt über das Ausbleiben zahlungskräftiger Kunden. Ähnliches bekomme ich von einer jungen Frau zu hören, die, wie sie mir bereits im Bus versicherte, mit der Ukraine sympathisiert und im Immobiliengeschäft tätig ist. Auch hier laufen die Geschäfte schlecht. 

Fragen 

Reisen lockert bekanntlich die Gehirnwendungen. Immer wieder drängen sich mir daher Fragen zum geopolitischen Streit um die Krim auf: Nach westlicher Lesart wurde die Krim von Russland annektiert. Definitionsgemäß hätte es sich demnach um eine gewaltsame Landnahme gehandelt. Sollte dies der Fall gewesen sein, wären auf dem ‚annektierten Territorium‘ militanter Widerstand und Sabotageakte, die auch ein Putin nicht hätte verhindern können – siehe die immer wieder in periodischen Abständen in Russland verübten islamistischen Terroranschläge –, mehr als wahrscheinlich gewesen.

Genau davon aber war meines Wissens nichts zu hören! (Man stelle sich vor, was beispielsweise los wäre, wenn Russland die Westukraine, in der noch bis Anfang der Fünfziger Jahre ein zäher antisowjetischer Partisanenkampf geführt wurde, annektieren – also mit Gewalt der Ukraine wegnehmen – würde!) Auch dieses Ausbleiben militanter Widerstandsakte spricht neben dem Abstimmungsergebnis, ob man den offiziellen Zahlen nun trauen mag oder nicht, dafür, dass die überwältigende Mehrheit der Krimbevölkerung die Abspaltung von der Ukraine und die Aufnahme in die Russische Föderation tatsächlich gewollt hat! 

Umgekehrt: Wie stellt man sich im Westen eigentlich die immer wieder geforderte ‚rechtmäßige Rückgabe der Krim‘ an die Ukraine vor? Glaubt man allen Ernstes, die Krimbevölkerung würde sich dies – und zwar auch ohne externe Hilfe – so einfach gefallen lassen? Nach all den unübersehbaren Investitionen der letzten Jahre in den „Aufbau Süd“? Für den Westen, der ja zu betonen nicht müde wird, wie wichtig ihm Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sind, scheint die Bevölkerung der Krim reine Verschiebemasse zu sein! 

Nach einer Woche Jalta fahre ich in die russischste aller Städte auf der Krim: Den Heimathafen und Hauptstützpunkt der Schwarzmeerflotte, Sewastopol. 

(Fortsetzung folgt)

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