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Die Liebe zerbricht aus vielerlei Gründen: Die Entpolitisierung von Christa Wolf

Die Liebe zerbricht aus vielerlei Gründen: Die Entpolitisierung von Christa Wolf
Heute vor 90 Jahren wurde die Schriftstellerin Christa Wolf geboren.
Heute vor 90 Jahren wurde Christa Wolf geboren, die zu den bedeutendsten Schriftstellern der DDR gehörte. Am Neuen Theater Halle lief in der vergangenen Spielzeit ihr Stück "Der geteilte Himmel". Die bekannte Geschichte zum Mauerbau wurde auf der Bühne völlig entpolitisiert.

von Benjamin Kirchhoff 

Dreißig Jahre nach dem Fall der Mauer soll der Stoff der Erzählung wieder aktualisiert werden. Die 19-jährige Rita Seidel verliebt sich in den zehn Jahre älteren Doktor der Chemie Manfred Herrfurth. Sie leben gemeinsam in Halle. Manfred kann aus bürokratischen Gründen seine Ideen für eine neue Industriemaschine nicht verwirklichen. Deshalb bleibt er 1961 nach einem Chemikerkongress in Westberlin, das zu Westdeutschland gehörte.

Erinnerung an Opfer der Teilung - Neues Mauerstück in Berlin entdeckt (Symbolbild)

Das ominöse Land, das er für immer verlässt, ist die Deutsche Demokratische Republik (DDR). In dem Stück wird dieses "kleine Detail" allerdings nicht erwähnt, so als ob es diesen sozialistischen Staat nie gegeben hätte. Rita arbeitet in dem Wagonbauwerk-Ammendorf und danach studiert sie Lehramt in Halle. Zwar besucht sie die verblasste Liebe in Westberlin, aber entscheidet sich dann aus ungeklärten Gründen gegen die Beziehung mit Manfred. Dem Zuschauer wird nur eine irrationale Rita vor Augen geführt, die mit ihren Gefühlen nicht im Reinen ist. Danach folgt der Bau der Mauer und die Liebe ist für immer in zwei. In dem Programmheft zum Stück schreibt die Dramaturgin Therese Hörnigk dazu:

Geprägt durch soziale Beziehungen und Erfahrungen haben die Liebenden unterschiedliche Vorstellungen von einer selbstbestimmten Zukunft und den Möglichkeiten, sich mit den gesellschaftlichen Widersprüchen und Konflikten auseinanderzusetzen, mit Erfolgen und Niederlagen umzugehen. (…)

Es bleiben Fragen: Welche Chancen soll oder muss eine Gesellschaft den Einzelnen bieten, welche Hürden sind beim Überwinden eingefahrener Traditionen zu bewältigen, wie können Menschen mit den Begleiterscheinungen zunehmender Entfremdung und Vereinzelung in der modernen Industriegesellschaft fertig werden?

Die ursprüngliche Erzählung wird aus ihrem historischen Kontext gerissen, allerdings funktioniert diese Aktualisierung nicht, da der Grund für die Trennung in den politischen Verhältnissen der 1960er Jahre zu suchen ist. Rita Seidel entscheidet sich freiwillig für ein Leben in der DDR, weil sie an den Aufbau des Sozialismus glaubt. Ihren Geliebten gibt sie dafür auf, denn Manfred hat andere Vorstellungen vom Leben. Er will sein individuelles Glück in seiner Arbeit als Chemiker im Westen finden, kollektive Pläne für eine neue Gesellschaft interessieren ihn nicht. 

Theaterstück gegen das Buch

Besonders deutlich wird die Diskrepanz zwischen dem originalen Text und der Adaption für das Schauspiel an einer Szene. Manfred und Rita sind zu einem Weihnachtsempfang bei dem Chemieprofessor Seiffert eingeladen. In der Gesellschaft von bürgerlichen Wissenschaftlern und dem FDJ-Verbindungsmann im zentralen Studentendekanat, Rudi Schwabe, entspinnt sich eine politische Diskussion.

In dem Theaterstück stellen zwei skurrile Gestalten mit Clownsnasen diese Diskussion dar. Dabei werden unverständliche Gesprächsfetzen in den Raum geschrien, welche durch disharmonische Saxofon- und Geigeneinsätze noch mehr verzerrt werden.

Umarmung am Grenzübergang Invalidenstraße in Berlin, 9. November 1989.

Im Buch machen sich die Chemiedozenten über den FDJ-Funktionär lustig. Manfred bekennt sich hier zögerlich zu den alten Chemikern. Rita allerdings ergreift Partei für Rudi und trifft dadurch zum ersten Mal ihre Entscheidung für die DDR und gegen Manfred. Da diese entscheidende Diskussion in dem Theaterstück fehlt, sei an dieser Stelle ein längeres Zitat aus der Erzählung erlaubt, das den Unterschied zwischen Buch und Theaterstück verdeutlicht:

Erpresst wurde der Vertreter des Staates: Rudi Schwabe. Namen von Fachkollegen tauchten auf – 'erste Kapazitäten, wissen Sie …' –, die wegen zu spät erteilter Privilegien gewisse Konsequenzen nicht gescheut hatten. Heutzutage wird in Deutschland ja alles doppelt betrieben, auch Chemie. Natürlich bleibt der Weggang solcher Leute bedauerlich – am meisten für den Staat, der ja schließlich auf seine Wissenschaftler angewiesen ist… Jeder Staat, nicht wahr?               

Rudi bestätigte das. (…)  

'Deutschland', sagte einer. Das war Seiffert. Alle anderen hörten zu reden auf, wenn er das Wort ergriff. 'Deutschland war immer führend in der Chemie. So etwas setzt man doch nicht aufs Spiel! Fragt sich nur: Welches Deutschland setzt diese Tradition fort? Das westliche? Das östliche? Das hängt von Realitäten ab, nicht von Politik, nebenbei gesagt. So eine Realität sind unsere Köpfe. Nicht einmal die unwichtigste, möchte ich meinen. Der proletarische Staat nimmt um der liebsamen Ereignisse willen die unliebsamen bürgerlichen Chemiker in Kauf. – Nicht wahr, Herr Schwabe?' Rudis schwacher Protest kam gar nicht auf. (…)

'Gewiss', sagte Manfred knapp, und Seiffert lächelte, obwohl nicht klar war, wie man diese Antwort auffassen müsste: als Unterwerfung, als Auflehnung? (…)

Es heißt, dieser unvermeidliche Augenblick sei das Ende der Liebe. (…)

Und doch, und doch …

Rudi glaubt, was er sagt. Ein Romantiker, wenn man so will. Rita ertappt sich, wie sie sich an Rudis Stelle versetzte und mit diesen Leuten – auch mit Manfred! – sprach. Was antwortete man einem Doktor Müller?

'Revolution …', sagte der, fast verträumt. 'Revolution in Deutschland? Ein Widerspruch in sich, nicht wahr? Die Russen – ja! Bewundernswert. Für so borniert müssen Sie uns nicht halten, dass wir das nicht sehen. Aber warum muss bei uns jede Revolution in Dilettantismus verenden?' 

Ungeduldig hörte Rita Rudis langatmige Erwiderung.   

'Aber Herr Schwabe!', sagte Seiffert. 'Stempeln Sie uns doch nicht zum Abschaum der Reaktion! Revolutionen. Warum denn nicht? Bloß verschont uns um Himmels Willen mit euren Illusionen …'  (…)

Rita (…) sagte sehr laut in der Stille: 'Wenn man mich fragte: Ich würde den, der ohne an sich zu denken Fehler macht, dem anderen vorziehen, dem nur sein eigener Vorteil wichtig ist.'

Rückblickend erkennt Rita den Unterschied zwischen sich und Manfred, der noch der Kriegsgeneration angehört: "Dieses Noch-nicht und Nicht-mehr, zwischen dem sie alle standen – Seiffert, Müller, Manfred, ja: auch Manfred! –, ich hab' es nie erlebt."   

Ideologische Widersprüche

Ein weiteres Missverhältnis zwischen Text und Stück stellt der Umgang mit dem Sozialismus dar. Manfred beschreibt seine Ansichten zu dieser politischen Idee, die letztendlich auch nur eine unehrliche Form des Kapitalismus sei:

Die Tatsachen sind: Der Mensch ist nicht dazu gemacht, Sozialist zu sein. Zwingt man ihn dazu, macht er groteske Verrenkungen, bis er wieder da ist, wo er hingehört: an der fettesten Krippe. 

Diese Polemik wird in der Erzählung von Rita entkräftet, auf der Bühne wird sie unwidersprochen stehen gelassen. 

Unterm Strich                                                         

Frau Hörnigk hat eine neue Geschichte aus dem repräsentativen DDR-Buch gemacht. Über die Gründe kann man spekulieren. Vielleicht wollte sie Christa Wolfs Klassiker in die entpolitisierte Theaterlandschaft der Bundesrepublik integrieren. Als Vorsitzende der Christa-Wolf-Gesellschaft hätte sie wissen müssen, dass das ein aussichtsloses Unterfangen ist. Das Buch steht für die DDR und den Mauerbau und ist ein Bekenntnis der Autorin für das "bessere Deutschland".

Man kann das Werk nur in seinem historischen Kontext im real-existierenden Sozialismus zur Zeit des Kalten Krieges verstehen. Der politische Text lässt sich nicht in eine unpolitische Liebesgeschichte umwandeln, in der die Psychologie der Hauptfigur im Mittelpunkt steht. Der Versuch dessen sagt aber wenigstens etwas über die politische Ideenlosigkeit des aktuellen Theaters in Deutschland aus.

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